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Anish Kapoor: "Ich habe nichts zu sagen!" | BR24

© Bild: Anish Kapoor, DACS/VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Audio: BR

"Howl": Anish Kapoor hat eine raumgreifende Installation für die Rotunde in der Pinakothek der Moderne geschaffen.

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Anish Kapoor: "Ich habe nichts zu sagen!"

Hochdekorierter Starkünstler: Anish Kapoor ist berühmt für seine riesigen, raumgreifenden Installationen. Ein solche ist nun auch in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen. "Howl" heißt das Werk, das eigens für die Rotunde geschaffen wurde.

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Die Skulptur ist gigantisch. Und trotzdem vornehm, zurückhaltend. Ja, man übersieht sie fast, wenn man in die Rotunde tritt. Sieht, spürt zunächst etwas anderes: eine drückende Atmosphäre, ein spezielles Licht. Gräulich irgendwie. Spätherbststimmung.

Spiegelbilder: Kunst und Künstler

Schuld daran ist Anish Kapoor. Wo sonst der Raum weit und licht wird, sich über zwei Stockwerke hin zur Glaskuppel öffnet, klemmt jetzt ein auberginefarbener Gymnastikball. Verstopft den Lichtfluss, bläht sich in den Raum. Trotz seiner gigantischen Größe allerdings mehr Medium als Message. Eine Eigenschaft, die der Großkünstler Kapoor auch für sich selbst reklamiert.

Er glaube nicht daran, dass es in der Kunst darum gehe, Ideen zu verwirklichen, beteuert Kapoor, zugeschaltet aus seinem Studio in London: "Ich habe als Künstler nichts zu sagen." Seine Aufgabe sehe er eher darin, den eigenen Arbeitsprozess zu beobachten, und empfindlich zu bleiben für das, was dabei entstehe.

© picture alliance / Photoshot

"Ich habe nichts zu sagen!" - Der britisch-indische Kunststar Anish Kapoor

Das könnte eine Bescheidenheitspose sein, wie man sie sich als hochdekorierte Kunstgröße wohl leisten kann. Tatsächlich spiegelt sich dieses eher mediale Selbstverständnis des Künstlers Anish Kapoor aber auch in seinem Werk. Vor allem in seinen raumgreifenden Installationen, die paradoxerweise beides sind: Blickfang und Blickableiter – hin zum umgebenden Raum, der umgebenden Architektur. Das war schon so im Jahr 2007, als Kapoor im Haus der Kunst blutrotschmierige Wachsquader auf Schienen durch die Türen des NS-Baus quetschte. Und das gilt nun auch für den Blähballon in der Rotunde: vierzehn Meter hoch, zweiundzwanzig Meter breit und mit einer Fläche so groß wie ein Handballfeld.

© Anish Kapoor, DACS/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Ansicht aus dem ersten Stock: Kapoors ``Blähballon´´ in der Pinakothek der Moderne

Metamorphose des Raums

Der Grundgedanke seiner Arbeit sei recht simpel, erklärt Kapoor: "Ich wollte einfach den Raum füllen." Der Brite indischer Herkunft wählt damit einen ganz anderen Weg als sein Vorgänger, Ingo Maurer, der die Rotunde der Pinakothek im zurückliegenden Jahr bespielt hat. Ein riesiges Pendel lies der in diesem Jahr verstorbene Lichtkünstler von der Glaskuppel baumeln. Ein reflektierender Lichtknotenpunkt mitten im Foyer, der den Raum vervielfachte, vergrößerte, atmen lies.

Und nun das genaue Gegenteil: klaustrophobische Enge. Bis auf zwei Meter wölbt sich das Aubergineei dem Boden, den Besuchern entgegen. Zumindest im Erdgeschoss. Anders schaut es im ersten und zweiten Stock aus. Ja, es wirkt fast so, als hätte Kapoor in der Pinakothek ein mehrstöckiges Triptychon geschaffen. Mit jeder Etage verändert sich die Raumwirkung. Im ersten Stock drängt und drückt der Ballon gegen die Betonsäulen, scheint den Raum mit aller Kraft sprengen zu wollen. Direkt unterm Kuppeldach verwandelt sich der Auberginekoloss jedoch in einen sanften Hügel. Glänzt rötlich in der Sonne. Und provoziert eine Wintergartenidylle, die die zwei Stockwerke darunter beinahe vergessen lässt.

© Anish Kapoor, DACS/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Wintergartenidylle: "Howl" im zweiten Stock des Museums

"Was ist es, und ist es überhaupt etwas?", fragt sich Kapoor laut im Pressegespräch. Zugegeben, im ersten Moment wirkt diese Selbstbefragung des Künstlers ein wenig gesucht: Hausgroße PVC-Ballons sind sicher nicht Nichts, nicht wahr? Und doch: Die Skulptur ist sich ihrer Realität sichtbar unsicher, zeigt sich je nach Ansicht mal massiv und mal schwerelos. Ein Ballon, auch dieser, ist ja nur wenig mehr als Nichts (ergo: Luft). Erst die Farbe, diese erdige Röte, verleiht ihm sein Gewicht. Und: seine Bedeutung.

Symbol weiblicher Kraft

Man könne die rötliche Färbung auch mit Menstruatiuonsblut assoziieren, erklärt Kapoor auf Nachfrage am Ende des Gesprächs. Insofern sei seine Skulptur auch als Ausdruck weiblicher Kraft zu verstehen: "Der Ursprung der Kultur ist weiblich, nicht männlich!" Hier hebt sich die Stimme des Künstlers. "Es ist an der Zeit, dass wir das begreifen: Die Kunst muss zurück zu diesem, ihrem roten, weiblichen, mütterlichen Ursprung!"

Das klingt dann doch verdächtig nach einem "Howl", einem Aufschrei. Ob er gehört wird, lässt sich vielleicht auch daran ablesen, welche KünstlerIn sich im nächsten Jahr in der Rotunde austoben darf.

Die Installation "Howl" von Anish Kapoor ist noch bis Sommer nächsten Jahres in der Rotunde der Pinakothek der Moderne zu sehen.

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