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ICF München: Moderne Kirche oder Bibel-Fundamentalismus? | BR24

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Während die evangelische und die katholische Kirche Mitglieder verlieren, ist bei Gottesdiensten mit Event-Charakter neuerer Freikirchen wie dem ICF oft das Haus voll. Was macht den Reiz dieser Freikirchen aus? Und wie sind sie einzuschätzen?

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ICF München: Moderne Kirche oder Bibel-Fundamentalismus?

Während die evangelische und die katholische Kirche Mitglieder verlieren, ist bei Gottesdiensten mit Event-Charakter neuerer Freikirchen wie dem ICF oft das Haus voll. Was macht den Reiz dieser Freikirchen aus? Und wie sind sie einzuschätzen?

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Live-Musik und Licht-Show: Eine elfköpfige Band steht auf der Bühne und stimmt die Besucher auf den Gottesdienst ein, der gleich beginnt und hier, beim ICF München (International Christian Fellowship München), „celebration“ heißt. Eine Moderatorin begrüßt das Publikum, dann tritt der Prediger auf die Bühne. Bildschirme werfen sein Konterfei an die Wand, eine Dia-Show begleitet die Predigt. Thema: der Teufel und der Sündenfall.

"Der Teufel begegnet uns jeden Tag"

"Die Geschichte von Adam und Eva wiederholt sich in deinem und meinem Leben, jeden Tag", sagt der Prediger. Täglich würden Menschen mit verlockenden Angeboten eines "Gegners" konfrontiert. Dieser "Gegner" wolle sie über die Dinge hinwegtäuschen, die tatsächlich gut für sie seien. Rund 250 Menschen sitzen im Publikum. Und das ist nur einer von insgesamt vier Gottesdiensten, die hier jeden Sonntag stattfinden. Die meisten der Besucher sind unter dreißig.

"Es hat hier viel mehr mit meinem normalen Lebensalltag zu tun", meint ein Besucher im Publikum. In einem klassischen Gottesdienst müsse er sich verstellen. Ein weiterer erklärt, beim ICF München die Ökumene besser ausleben zu können - er sei katholisch, seine Frau evangelisch. Andere ziehen allein der Aufmachung wegen die "celebration" dem klassischen Sonntagsgottesdienst vor: "Die Musik gefällt mir hier besser", sagt eine Besucherin.

Die poppige Aufmachung erklärt die Faszination, die Freikirchen wie das ICF auf junge Menschen ausüben, sagt Christoph Bochinger, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Bayreuth. Doch das sei nicht der einzige Grund. "Das Zusammenspiel von einfacher Botschaft und moderner Musik scheint interessant für die Leute zu sein."

Kein Sex außerhalb der Ehe

Die leicht verständlichen Predigten haben laut Bochinger oft traditionalistischen Inhalt. Beim Thema Sexualität etwa, findet Konstantin Fritz, Pressesprecher des ICF München, klare Worte: "Ich persönlich finde, dass der schützende Bund der Ehe für eine glückliche Sexualität ausschlaggebend ist." One-Night-Stands hingegen sieht er kritisch - es gehe darum, den Menschen zu finden, den Gott für einen vorgesehen habe.

"Jesus, es geht nur um dich“, singt die Band, das Publikum wiegt sich im Takt der Musik. Später schreiben die Besucher ihre schlechten Gewohnheiten auf Zettel, um sie an ein Kreuz zu pinnen. Und vor dem Ende der Veranstaltung sorgt die Moderatorin für die Anbindung der neuen Besucher: "Komm nächsten Sonntag und schließe Dich den Leuten an. Sei nicht alleine!"

Spenden für die Freikirche

Die Show, die Band, das Personal, Events und Sonderprojekte, das alles kostet natürlich. Das ICF München mit seinen Ablegern in Augsburg, Freising und Passau hatte im vergangenen Jahr Ausgaben von über vier Millionen Euro. Mehr als drei Viertel dieser Summe wurden durch Spenden gegenfinanziert, größter Einnahmeposten: "der Zehnte".

"Wenn man sich dieser Kirche zugehörig fühlt, kann man den Zehnten seines Einkommens dieser Kirche geben. Das ist ein biblisches Prinzip von Freikirchen weltweit." Konstantin Fritz, ICF München

Fachstelle Infosekta: "ICF ist nicht harmlos."

Keine feste Mitgliederstruktur und Spenden nur auf freiwilliger Basis - dennoch wird das ICF von Beratungsstellen beobachtet. Von einem "modernen Antimodernismus mit bibelfundamentalisitischer Auffassung" spricht etwa Dr. Matthias Pöhlmann, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Gefährlich nein - zumindest nicht für Leib und Leben, aber auch nicht harmlos, ist die Einschätzung der konfessionell unabhängigen Fachstelle Infosekta in der Schweiz. Dem Land, in dem sich die ICF-Bewegung in den 1990er-Jahren gegründet hat. Die Unterordnung unter ein System, das mit Gemeinschaft und Freizeitgestaltung lockt, könne kurzfristig stabilisierend sein. Mittelfristig bestehe aber für die Anhänger dieser und ähnlicher Bewegungen die Gefahr der seelischen Abhängigkeit.

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