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Warum Europas Geschichte einer Fahrt in der Achterbahn gleicht | BR24

© picture alliance/dpa

Stürmische Zeiten über Europa: Ian Kershaw erzählt die Geschichte unseres Kontinents in seinen großen Büchern "Höllensturz" und "Achterbahn".

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Warum Europas Geschichte einer Fahrt in der Achterbahn gleicht

Frieden, Wohlstand, Fortschritt – mit diesen Schlagworten wird die Geschichte des modernen Europa oft beschrieben. In "Achterbahn" kritisiert der Historiker Ian Kershaw dieses Bild als unvollständig: Der Kontinent habe immer auch Krisen durchlebt.

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Ian Kershaws großes Buch über Europas Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts trägt dann auch den Titel "Achterbahn". Für den britischen Geschichtswissenschaftler soll diese Metapher dazu beitragen, den Blick innerhalb Europas zu erweitern. Meistens konzentriere man sich nur auf Westeuropa, sagt Kershaw im Gespräch. "Die Vorstellung, es sei alles mehr oder weniger glatt gegangen – wir haben Frieden, wir haben Wohlstand, wir haben Fortschritt erlebt –, entspricht einer westeuropäischen Perspektive. Ich wollte bewusste Osteuropa, Südosteuropa und den Mittelmeerraum in das Bild einbeziehen. Dort verlief die Geschichte alles andere als glatt." Die Diktaturen in Spanien, Portugal und Griechenland verdeutlichen das. Ebenso die Geschichte der kommunistischen Staaten im geteilten Europa. Und schließlich die Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien in den 90er-Jahren.

Der Band "Achterbahn" schließt an an den ersten Teil der europäischen Geschichte mit dem Titel "Höllensturz". Nicht das Jahr 1945 – das Ende des Zweiten Weltkriegs – wird in Ian Kershaws Darstellung zur Zäsur. Sondern vielmehr das Jahr 1950, verbunden mit dem Ausbruch des Korea-Krieges und des entfesselten Kalten Krieges. Die politische Spaltung Europas in West und Ost mutet aus heutiger Sicht surreal an, schreibt Kershaw. Er zeigt, wie sehr der Kalte Krieg Europas weitere Geschichte bestimmt hat. "Ich wollte die Jahre nach dem Krieg nicht als Anfang, sondern als Ende einer Epoche betrachten", erzählt der Historiker über seine besondere Periodisierung. "Aber dann passierte im Jahr 1949 sehr viel, nicht zuletzt wurde die erste russische Atombombe gezündet. Man hat die Pattsituation zwischen den beiden neuen Supermächten, zwischen der Sowjetunion und den USA." Und Europa war völlig abhängig von diesen beiden Staaten.

Die liberale Demokratie als Erfolgsmodell

Im Westen des nunmehr geteilten Kontinents konnte die liberale Demokratie fest verankert werden – Spanien, Portugal und auch Griechenland in dieser frühen Phase einmal ausgenommen. Gerade in Österreich, Italien und in der Bundesrepublik erweist sich diese Demokratisierung als großer Fortschritt, erinnert Ian Kershaw. Ein wichtiger Grund für diese Entwicklung ist der Kalte Krieg und die Bedrohung durch die Atomwaffen. "In den ersten Jahren war es nicht so eindeutig klar, dass sich die liberale Demokratie durchsetzen würde", so der Historiker. "Der Kommunismus war in einigen Ländern noch immer im Kommen – und man könnte denken, dass sich nicht die Rechte, sondern die Linke durchsetzen würde. Doch dann ging der Trend zum Kommunismus mit Beginn des Kalten Krieges zurück." In fast allen Ländern Westeuropas setzte sich eine konservativ geprägte Demokratie durch.

Noch wichtiger ist aus Kershaws Sicht ein zweiter Grund für die Konsolidierung der liberalen Demokratie: ein außerordentliches Wirtschaftswachstum, in der modernen Geschichte beispiellos. "Ohne diesen wäre es wahrscheinlich nicht so leicht zur Konsolidierung der Demokratie gekommen", sagt Ian Kershaw. "Und der Boom war wirklich beispiellos. Man hatte Wachstumsraten von manchmal weit über 6 Prozent – und vor allem in Ländern, die stark im Krieg gelitten hatten." Auch in Osteuropa habe es einen wirtschaftlichen Boom gegeben, dieser sei ein globales Phänomen. "Westeuropa hat deutlich davon profitiert. Das schuf die Gelegenheit, dass sich die liberale Demokratie durchsetzen und konsolidieren konnte."

© dpa

Der Historiker Ian Kershaw. In seinem neuen Buch "Achterbahn" erzählt er von der Geschichte Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Erosion der Demokratie in der Gegenwart

Mit Blick auf Europas Geschichte im noch jungen 21. Jahrhundert lässt sich umgekehrt schlussfolgern, dass eine ernste wirtschaftliche Krisensituation auch die liberalen Demokratien mehr und mehr in Bedrängnis bringt. Ian Kershaw spricht mit Blick auf unsere Gegenwart von einer ernsten Krise, die gewissermaßen ein Konglomerat verschiedener Krisenerscheinungen ist – begonnen mit der internationalen Finanzkrise im September 2008 über die ihr folgende Wirtschaftskrise in vielen europäischen Ländern bis hin zu den Gefährdungen durch den islamistischen Terrorismus, die Folgen des Klimawandels und auch Russlands Politik gegenüber Europa. "Wir erleben diese Gesamtkrise und den Aufstieg des Populismus in fast allen Ländern Europas. Und wir wissen nicht, ob und wie dieses Phänomen gebändigt werden kann – und ob und wie wir eigentlich unsere geschätzten liberalen Werte aufrechterhalten können. Das ist eine echte Gefahr für das Europa, das wir seit dem Zweiten Weltkrieg kennen."

Angesprochen auf die momentane Verfassung der Europäischen Union – in den Zeiten der Brexit-Debatten – argumentiert Ian Kershaw, viele Europäer sähen die EU heute als eine Sammlung von ganz abstrakten Institutionen, die dort, wo sie sitzen, Anordnungen und Gesetze erlassen. Das sei wichtig für das Leben der Menschen. Und doch spiele Europa im Alltagsleben nur indirekt eine Rolle. "Eigentlich muss man neue Wege finden. Früher gab es den Idealismus, was die europäische Integration bedeuten sollte. Aber heutzutage ist dieser Idealismus völlig abgeflaut. Ich bin kein Politiker und verstehe nicht, wie man das machen kann. Aber man muss Wege finden, um die demokratischen Kräfte von unten zu mobilisieren, um die Gesellschaft der EU zu mobilisieren. Eine EU-Identität kann es durchaus geben. Doch die muss eigentlich im Einklang stehen mit den nationalen Identitäten."

Und trotzdem Optimismus

Ian Kershaws Geschichte Europas endet ambivalent. Kein Wunder, erlebte der Kontinent vor einigen Jahre die schwerste wirtschaftliche Krise seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren. Und trotzdem glaubt der Historiker, dass die Europäische Union die Herausforderungen der unmittelbaren Gegenwart bewältigen kann, egal ob mit 28 oder 27 Mitgliedsstaaten. "Natürlich kann man mit Optimismus in die Zukunft blicken", sagt Kershaw. "Und man muss das eigentlich auch. Aber das bedeutet, dass die EU sich selbst reformieren müsste – dass man dieses Gebilde irgendwie erneuern und die Gesellschaft dafür mobilisieren müsste." Europa brauche Impulse und Energie. Und doch: "Es gibt keine Einigkeit in den Reformbestrebungen. Dabei ist es notwendig, dass sich die EU reformiert, im Lauf der nächsten Jahre. Ansonsten könnte es sein, dass der Brexit der Anfang vom Ende der EU ist." Vorerst gilt, mit den Worten von Ian Kershaw: "Die einzige Gewissheit, die wir haben, ist die Ungewissheit." Die Fahrt in der Achterbahn dauert an.

Ian Kershaws Buch "Achterbahn. Europa 1950 bis heute" ist – in der Übersetzung von Klaus-Dieter Schmidt – bei der DVA erschienen.

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