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"I May Destroy You": Diese Serie sollte man nicht allein sehen | BR24

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Szene aus "I May Destroy You"

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    "I May Destroy You": Diese Serie sollte man nicht allein sehen

    Michaela Coel ist BAFTA Preisträgerin und die von ihr geschriebene Serie "Chewing Gum" war viel gelobt, bunt, eigensinnig. Der Ausgangspunkt ihrer neuen Serie "I May Destroy You" ist eine Vergewaltigung. Daraus macht sie Kunst.

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    Arabella ist ein Star. Sie ist über Twitter berühmt geworden, hat ein Buch geschrieben, das sehr angesagt war – und muss jetzt für das Nachfolge-Buch die nächste Deadline einhalten. Der Verlag wartet schon darauf. Arabella müsste arbeiten – geht dann aber doch mit Freunden trinken. Was als kleine Pause gedacht war, wird zur großen Zäsur: In dieser Nacht wird Arabella unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. Am nächsten Tag erinnert sie sich an nichts. Sie hat nur diesen einen Flashback. Immer wieder sieht sie, wie sich ein Mann über sie beugt und sich rhythmisch bewegt.

    Die ruinöse Macht einer einzigen Nacht

    Die Vergewaltigung und die Suche nach dem Täter lassen Arabella alles hinterfragen. Wo waren ihre Freunde? Wieso war sie allein? Wer ist dieser Mann? Wir sind ganz nah dran. Nicht wie oft im Fernsehen an einem Kriminalfall, sondern an einem Menschen. Selten blitzt in der Serie so etwas wie Pädagogik auf. Als Arabella die Polizeiwache verlässt und die Polizistinnen sagen: Die meisten wissen gar nicht, was alles strafbar ist und was nicht. So kämen Täter*innen davon.

    "I May Destroy You" leistet die Aufklärungsarbeit, die Schule und Gesellschaft bisher kaum übernehmen. Während der zwölf Folgen durchleben Arabella und ihr Umfeld verschiedenste Formen sexueller Gewalt: Sie werden zu Sex überredet, bei einem Date überwältigt, ausgenutzt, manipuliert, beim Sex wird heimlich das Kondom weggelassen. Erst durch dieses Durchdeklinieren wird uns Zuschauer*innen so richtig bewusst: Das ist alles kriminell. Und noch schlimmer: Das kennen wir alles auch schon, unter Umständen aus unserem eigenen Leben.

    Dunkelste Ecken ausgeleuchtet

    Wie eine Taschenlampe leuchtet die Serie in die dunkelsten Ecken von zwischenmenschlichem Umgang. Als würde man nur kurz Staub unter dem Bett wegwischen wollen und dabei bemerken: Da hat ja sich Müll aus mehreren Jahren angesammelt. Und trotzdem wird Sex nicht verteufelt, sind nicht immer Frauen die Opfer und ist die Serie witzig.

    Weil Traumata nicht nur ein Gesicht haben und Arabella ohnehin keinen Pause-Knopf für ihr Leben hat, geht das Leben einfach weiter. Sexuelle Gewalt ist nicht das einzige Thema in diesem Freundeskreis der 30-Jährigen. Die Serie streift alles, was auch uns im Alltag stutzig macht: Rassismus, Klimawandel, falsch verstandenen Feminismus, der ausgrenzt. Das passiert oft ganz nebenbei: Als Arabella, die schwarz ist, von einem Schriftsteller gefragt wird, was ihr Background sei, antwortet sie angespannt: "Ghana". Er meinte aber ihren professionellen Background, wie ist sie zum Schreiben gekommen? Kurzes Lachen, weiter geht's.

    Biografische Details

    Michaela Coel, die die Idee zur Serie hatte, hat die Vergewaltigung, von der die Serie erzählt, in einer Partynacht selbst erlebt. Mehr als zwei Jahre lang habe sie an der Serie geschrieben. Darin finden sich mehrere Parallelen zu ihrem Leben. Das ist hart. Michaela Coel zeigt uns sehr genau, was ihr passiert ist – stellt die Kunst aber nicht über das Wohlergehen ihrer Kolleg*innen. An der Serie war Ita O'Brien beteiligt, eine Intimacy Koordinatorin. Sie achtet am Filmset darauf, dass der Dreh von Vergewaltigungsszenen die Schauspieler*innen nicht traumatisiert. Seit #MeToo herrscht sehr viel mehr Awareness dafür, wie kompliziert das Zusammenspiel von Sex und Respekt ist.

    So viel vorweg: Die letzte Folge der Serie ist Kunst. Trotzdem ist das Ansehen Arbeit. Es ist sehr unangenehm. An einigen Stellen, wie bei der Vergewaltigung, werden sich alle einig sein: Das geht gar nicht. Da wissen wir Bescheid, das ist tragisch, aber leicht einzuordnen. Dann wieder, an anderen Stellen, werden sich nicht alle einig sein. Wird hier nicht übertrieben? Würde ich auch so reagieren? Wäre ich hier Opfer oder Täter*in? Das macht "I May Destroy You" so stark. Allerdings würde ich empfehlen sich "I May Destroy You" mit Freund*innen anzusehen, gemeinsam oder parallel. Ich hatte nach der letzten Folge großen Gesprächsbedarf.

    "I May Destroy You“ ist über sky abrufbar.

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