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"I Love You, Turkey" in Nürnberg ist eine verpasste Chance | BR24

© Bayern 2

Wie fühlt es sich an, in einem Land zu leben, das immer enger wird? Ceren Ercan hat mit "I Love You, Turkey" ein Theaterstück über Menschen in der Türkei geschrieben, die oft übersehen werden. Am Staatstheater Nürnberg entfaltet es seine Kraft nicht.

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"I Love You, Turkey" in Nürnberg ist eine verpasste Chance

Wie fühlt es sich an, in einem Land zu leben, das immer enger wird? Ceren Ercan hat mit "I Love You, Turkey" ein Theaterstück über Menschen in der Türkei geschrieben, die oft übersehen werden. Am Staatstheater Nürnberg entfaltet es seine Kraft nicht.

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Es gibt ein Phänomen, nicht nur in der Türkei, das sich "Brain Drain" nennt. Es bedeutet, dass junge, gut ausgebildete Leute, Vertreter der Intelligenz, ihr Land verlassen, ein Land, in dem sie sich keine Aufstiegschancen versprechen, das sie mit ihrer restriktiven Politik drangsaliert, ihren Protest und ihre Freiheit brutal vernichtet. Die türkische Autorin Ceren Ercan hat diese Bewegung in ihrem Stück "I Love You, Turkey" thematisiert, doch betrachtet sie nicht diejenigen, die sich für die Emigration entschieden haben, sondern die, die geblieben sind, die den Mut, die Kraft, das Geld oder die Möglichkeiten nicht hatten, sich irgendwo in Europa oder den USA eine neue Existenz aufzubauen.

Augenzeugen des verschwindenden Lebens

Der Blick der Autorin richtet sich auf die buchstäblich Zurückgebliebenen, die in der Metropole Istanbul mit ansehen müssen, wie sich ihre Stadt drastisch verändert, wie sie ihre ursprünglichen Lebensadern verliert, wie die kleinen Cafes, Bars, das Kopfsteinpflaster und die alten klappernden Straßenbahnen im Istanbuler Stadtteil Taksim verschwinden, wie das lebenswerte Leben verschwindet, um einer gesichtslosen Steppe vor dem Hintergrund hochgetunter Globalisierung Platz zu machen. Ein Ort, an dem das Regime des Präsidenten Erdogan sich wie ein gefährlich vernichtendes Auge des türkischen Big Brother auf sie und ihre Smartphones richtet. Ein Ort der Willkür, an dem sie schließlich jedem misstrauen und auf der Suche nach Sinn keinen Halt und keine Identifikation mit den Wurzeln mehr finden. Es gibt eben keine Hoffnung nach den gewaltsam niedergeschlagenen Protesten auf dem Gelände des Gezi-Parks 2013. Es ist schon erstaunlich, dass ein Stück mit einer solch mutigen Message in Istanbul uraufgeführt werden konnte, noch dazu in einem subventionierten Theater.

© Konrad Fersterer

"I Love You, Turkey" am Staatstheater Nürnberg

Aufführung in Nürnberg bleibt verblüffend kunstlos

In ihrem Stück, das im eigentlichen Sinn kein Stück ist, sondern eine Aneinanderreihung knapper Szenen, ein verzweifelt-satirischer Bühnengesang über den Zustand der türkischen Gesellschaft, platziert die Autorin wie zufällig fünf junge Leute. Sie begegnen sich an dem Unort eines Waschsalons. Knapp schildern sie ihre belanglosen Biographien, die nicht mehr sind als ihre Bewegungen auf Twitter und der Tatbestand, vom Partner in Richtung Arizona verlassen worden zu sein. Doch dann erklärt der Besitzer des Waschsalons urplötzlich, gegen alle seien Gerichtsverfahren eingeleitet worden. Die Türen werden verschlossen. Der Waschsalon Türkei wird zum Gefängnis.

Ceren Ercans Text ist der Versuch eines ambivalenten Stimmungsbildes. Doch das Gefühl der Klaustrophobie, der Ohnmacht, der Angst und der nostalgisch-utopischen Sehnsüchte kann Regisseurin Selen Kara nicht annähernd glaubhaft machen. Ein weitgehend charismafreies Ensemble sagt immer wieder plump Texte an der Rampe in Richtung Publikum auf. Während der Monologe liegen die übrigen Protagonisten apathisch reglos vor den Waschmaschinen, dazu ein paar Videos von der Niederschlagung ziviler Proteste. Das ist bitter und in seiner wahrlich verblüffenden Kunstlosigkeit nicht nur ärgerlich sondern auch politisch eine knallhart verpasste Chance, eine Brücke zu schlagen, Empathie aufzubauen zu den liberalen Kräften, Menschen in einem Land wie der Türkei, über die man in Deutschland viel zu wenig weiß. Ein diskutables Stück, diese deutsche Erstaufführung jedoch ist, für ein Staatstheater zumal, nichts weniger als blamabel.

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