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"i,i" von Bon Iver: Auf dem neuen Album fügt sich alles zusammen | BR24

© Graham Tolbert / Crystal Quinn

Das Mastermind hinter Bon Iver: Justin Vernon

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    "i,i" von Bon Iver: Auf dem neuen Album fügt sich alles zusammen

    Eigentlich sollte es erst Ende August erscheinen: "i,i", das vierte Studioalbum von Bon Iver. Der Überraschungs-Release ist zwar weniger experimentell als der Vorgänger, aber alles andere als ein musikalischer Rückschritt.

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    Musik machen ist ein ständiges Auseinandereißen und wieder Zusammensetzen. Ein laufender Prozess von Zerstörung und Kreation. Mit "i,i" fügt Justin Vernon aka Bon Iver das wieder zusammen, was er mit dem Vorgängeralbum "22, A Million" auseinandergerissen hatte. Das Ergebnis: Ein Album mit einer fast wunderlichen Leichtigkeit.

    Ja, die elektronischen Spielereien des Vorgängers sind geblieben, bleiben jedoch dezent, sind eher Stilmittel als dominierendes Element. Mal knistert es hier, mal dröhnt dort ein verzerrrter Synthie unverfroren um die Ecke, mal schleicht sich ein Sample unter die Gitarrenakkorde. Auf der hymnischen Vorabsingle "Hey, Ma" zieht sich ein unaufdringlicher "Klick" durch den Song, der im Kern aber das ist, womit Mastermind Justin Vernon mit "For Emma, Forever Ago" 2008 auf einer einsamen Jagdhütte irgendwo in Wisconsin angefangen hatte: ein hymnischer Folksong.

    Das beste beider Welten

    Auch der zweite Vorabsong "U (Man like)" bleibt zurückhaltend und unaufgeregt: Ein Gospel-Piano inklusive Chor, begleitet von der grellen Sonne, die sich langsam durch die dichte Wolkendecke schiebt. Schon nach den ersten Songs wird klar: "i,i" wird all jene Folk-Puristen wieder zurückholen, die mit "22, A Million" vergrault wurden. Spätestens, wenn der gewaltige "Naeem" zur Mitte des Albums mit seinen kilometerbreiten Gitarren, den hoffnungsvollen Bläsern und der treibenden Marschtrommel an das großartige "Perth" vom selbstbetitelten zweiten Album erinnert, sollte jeder Bon Iver-Fan längst dahingeschmolzen sein.

    Justin Vernon ist die Lehrbuchdefinition eines Tausendsassas: DeYarmond Edison, Mount Vernon, Volcano Choir, The Shouting Matches oder Big Red Machine – die Liste seiner Projekte ist beeindruckend lang. Dazu kommen seine Auftritte als Feature Gast für Kanye West oder James Blake, der im Gegenzug auf "i,i" zu hören ist. Außerdem arbeitet Vernon als Produzent für Rapper Vince Staples, Kids See Ghosts oder die Folk-Girl-Band The Staves.

    Die erträgliche Leichtigkeit des Seins

    Gut möglich, dass es sich für Justin Vernon wie nach Hause kommen anfühlt, wenn er alle paar Jahre ein neues Bon Iver-Album aufnimmt. Ein Zuhause, wo er zur Ruhe kommen kann und all die Einflüsse verarbeitet, die er die Jahre davor aufgesaugt hat. Während Vernon beim letzten Album ziemlich aufgewühlt gewesen sein muss, scheint er jetzt selbstbewusst und mehr bei sich zu sein. Das hört man vor allem an seiner Stimme. Während er auf "22, A Million" kaum eine Gelegenheit ausgelassen hat diese zu verzerren, zu pitchen, zu dämpfen, in Autotune zu tränken – schlicht zu verkünsteln oder vielmehr zu verkünstlichen, hört man auf "i,i" Vernons Stimme so oft wie schon lange nicht mehr komplett sauber. Noch nie stand sein Gesang so im Vordergrund. Er leitet die Musik an, anstatt sich ihr unterzuordnen.

    Es ist fast schon beängstigend, wie Bon Iver immer wieder Alben mit Meisterwerk-Potenzial veröffentlichen. So sehr, dass man sich fast nicht mehr trauen mag, dieses Prädikat zu verteilen, aus Angst, es könnte sich ob des inflationären Gebrauchs selbst auflösen. So viel sei gesagt: "i,i" ist vielleicht das ehrlichste Album, das Bon Iver je veröffentlicht haben. Es verbindet wie selbstverständlich Folk, Gospel und Electronica. Mit einer beeindruckenden Leichtigkeit, schwebend, fast schon gasförmig – ein Album wie eine Wolke.

    "i,i" von Bon Iver erscheint am 30. August 2019 bei Jagjaguwar. Digital ist es ab sofort erhältlich.

    © Jagjaguwar

    CD Cover von Bon Iver - "i,i"

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