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Hype um "Parler": So flüchten Trump-Fans in ihre eigene Realität | BR24

© Sean Meyers/Picture Alliance

Begeisterung für Trump: Fans bei Wahlkampfkundgebung

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    Hype um "Parler": So flüchten Trump-Fans in ihre eigene Realität

    Weil sie mit Facebook, Instagram und Twitter unzufrieden sind, wechseln immer mehr Anhänger des US-Präsidenten zu einer dubiosen rechten Plattform, die mit totaler "Redefreiheit" wirbt. Die Zahl der Nutzer verdoppelte sich in kürzester Zeit.

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    Noch textet Donald Trump seine meist polemischen Botschaften über Twitter hinaus in die Welt, aber das könnte sich bald ändern. Sowohl sein Lieblingsmedium mit der Beschränkung auf 280 Zeichen, als auch Facebook und Instagram haben bereits klar gemacht: Die offiziellen Accounts des amerikanischen Präsidenten werden auf allen Plattformen ab 20. Januar 2021 an Joe Biden übergehen, egal, ob Trump das Wahlergebnis bis dahin anerkennt oder nicht. Ohnehin liegt der US-Präsident mit Twitter im Clinch, seit der Kurznachrichtendienst zahlreiche Wortmeldungen von ihm über die angeblich "gefälschte" Wahl mit dem Warnhinweis versieht, diese Ansicht sei "umstritten".

    Finanzielle Hilfe von Milliardären

    Zahlreiche Trump-Fans sind inzwischen zu Diensten wie "Telegram" (angeblich mit Sitz in Dubai) und "Gab" (Philadelphia) gewechselt, die mit "Redefreiheit" werben und jeden Eingriff in die Inhalte ihrer Nutzer ablehnen. Dazu gehört auch die 2018 gegründete Plattform "Parler" mit Sitz in Hendersen/Nevada. Sie macht in diesen Wochen besonders viele Schlagzeilen, wuchs die Zahl ihrer Nutzer doch unmittelbar nach der US-Wahl von 4,5 Millionen auf neun Millionen. Zu den Hauptförderern dieser radikal-libertären und stark rechtslastigen Diskussionsplattform gehören nach Recherchen des "Wall Street Journals" der milliardenschwere Hedge-Fond-Manager Robert Mercer und seine Tochter Rebekah, eine rechtskonservative Aktivistin, die neben dem 27-jährigen John Matze (Vorstandschef) und Jared Thomson (Technik-Chef) auch zu den Gründern von "Parler" gehört.

    Dass sich Bill Gates auf NBC neulich sehr kritisch über "Parler" geäußert hat, wo sich seiner Meinung nach Holocaust-Leugner tummeln und viel "irres Zeug" zu lesen ist, wird der Plattform bei ihrer Zielgruppe womöglich eher nutzen als schaden. In der Woche direkt nach der Wahl war "Parler" jedenfalls im App-Store von Google die Nummer eins, und auch noch in der vergangenen Woche hielt sie sich auf Platz zwei der Android-Downloads bzw. Platz 11 des Apple-Stores.

    "Immerwährender Trump-Wahlkampf"

    Der Journalist Jack Posobiec, der für den Trump-nahen Sender "One America News Network" (OANN) arbeitet, nannte "Parler" eine "immerwährende Wahlkampf-Veranstaltung". Das angesehene Online-Portal "Politico" verwies allerdings am Wochenende darauf, dass John Matze von "Parler" bis vor kurzem offenkundig noch an linksliberalen Nutzern interessiert war. Jedenfalls soll er "progressiven" Fachleuten, die bei Twitter mehr als 50.000 Follower haben, eine Wechselprämie von 20.000 Dollar angeboten haben, um den Traffic auf seiner eigenen Seite zu beleben.

    © Amy Katz/Picture Alliance

    Am Merchandising-Stand: Trump-Fans

    Inzwischen wimmelt es auf "Parler" von Verschwörungstheorien und absurden Behauptungen über die "gefälschte" Wahl. Daneben wurden auch dutzendfach Videos über den bizarren Aufmarsch von Trump-Anhängern in Washington D.C. am 14. November ("Million MAGA March") hochgeladen. Einige Kommentatoren machen Stimmung gegen Twitter und ermutigen ihre Anhänger, bei einem etwaigen Verbot zu "Parler" zu wechseln. Der republikanische US-Senator Ted Cruz aus Texas hatte noch im Juni geprahlt, die Plattform habe "alles, was die freie Rede" ausmache.

    Die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" nannte "Parler" bereits eine "Echokammer" der Trump-Anhänger und erwähnte namentlich die republikanische Gouverneurin von South Dakota, Kristi Noem, als erklärten Fan des dubiosen Dienstes. Auch der rechte Radiomoderator Mark Levin soll demnach gesagt haben: "Ich werde nicht bei Facebook oder Twitter bleiben, wenn sie mich weiterhin zensieren. Parler ist eine wunderbare Alternative, die gerade wächst, und wir brauchen euch dort so schnell wie möglich."

    Sicher vor "Fakten-Checkern"?

    Andere, wie die britische Rechtsaußen-Stimme Katie Hopkins, die bei Twitter bereits als "Hass-Predigerin" rausgeworfen wurde, "rächen" sich damit, dass sie auf "Parler" in kürzester Zeit 421.000 neue Fans gefunden haben. Den Vorwurf von "Falschinformationen" muss dort niemand befürchten, konservative Republikaner wissen das offenbar zu schätzen. Fox-Business-Moderatorin Maria Bartiromo "bespielt" auf "Parler" rund 1,5 Millionen Anhänger, scheut sich aber auch nicht, weiterhin auf Twitter präsent zu sein, wo sie ebenfalls 900.000 Fans hat. Seriöse Journalisten verwiesen bereits darauf, dass die "Parler"-Fans sich ein Online-Refugium geschaffen hätten, wo sie vor "Fakten-Checkern" absolut sicher seien. Und im "Spiegel" war zu lesen, dass "Parler" ein "schlimmer Sumpf aus Falschmeldungen und ein Paradies für Verschwörungstheoretiker" sei.

    Während Twitter seine Nachrichten auf maximal 280 Zeichen beschränkt, erlaubt "Parler" bis zu 1000 Buchstaben. Tweets werden "Parley" genannt und ein Retweet "Echo" - ansonsten ist alles ähnlich aufgebaut wie bei Twitter. Größter Unterschied ist die zentrale Werbe-Botschaft, wonach "Parler" das "verfassungsgemäße Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigt". Um das zu unterstreichen, lässt das Unternehmen gern auch das amerikanische Wappentier, den Weißkopfseeadler, durchs Bild fliegen.

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