BR24 Logo
BR24 Logo
BR24

Horror des Schweigens: Der Film "Drei Tage und ein Leben" | BR24

© BR

Eine Geschichte von Schuld - die Literaturverfilmung "Drei Tage und ein Leben"

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Horror des Schweigens: Der Film "Drei Tage und ein Leben"

Schuld und Sühne in der belgischen Provinz: Der Film "Drei Tage und ein Leben" erzählt die Geschichte eines lebenslangen Verdrängens: beklemmend atmosphärisch und mit Sinn für die schreckliche Macht des Zufalls.

Per Mail sharen
Von
  • Marie Schoeß

Kurz vor Weihnachten verschwindet Rémi: ein wackerer kleiner Junge, blond, pausbäckig und sowohl zurückhaltend als auch gewitzt genug, um von den Größeren auf Streifzüge in den nahegelegenen Wald mitgenommen zu werden. Von seiner Schwester Emilie zum Beispiel oder von Antoine, dem Nachbarsjungen, der eigentlich in Emilie verliebt ist, sich ersatzweise aber auch mal einen Ferientag mit Rémi vertreibt. Genauso will es Rémi auch am Morgen seines Verschwindens. Unauffällig schlägt er sich an die Seite von Antoine und stapft mal hinter, mal neben ihm in den Wald.

Tödlicher Unfall

Nur sucht Antoine heute seine Ruhe von dem kleinen französischen Dorf, in dem sie alle leben. Auch Rémi will er nur loswerden und macht, was eigentlich nicht zu ihm passt: Er wirft einen Stock nach dem jüngeren Spielgefährten – nichts als Abschreckung, aber er trifft, Rémi fällt, landet auf einem Stein und ist sofort tot. All das bleibt dem Dorf verborgen, es geschieht im Dickicht des Waldes. Die Zuschauerin aber sieht es gleich zu Beginn des Films. Sie sieht auch, wie Antoine jetzt den toten Rémi versteckt, wie er sich verängstigt ins Haus zurück schleicht und vom Fenster aus beobachtet, wie das Dorf das Verschwinden bemerkt.

Antoine in seiner Beklommenheit zu beobachten – im Erschrecken über das eigene Wesen, in der Angst, entlarvt zu werden –, ist gerade deshalb reizvoll, weil der Film sein Innenleben in atmosphärischen Bildern spiegelt: in der oft verhangenen, nebligen Stimmung des Dorfes; und in der Aura des einstigen Fluchtpunktes, dem Wald, der in seiner Weitläufigkeit, Abgeschiedenheit plötzlich nur noch feindselig wirkt. Nicht anders als das Dorf selbst, das schon zuvor mit kurzen Szenen der Grausamkeit vorgestellt wurde. Das Ausmaß der hier herrschenden sozialen Kontrolle wird indes erst nach dem Verschwinden Rémis deutlich.

© Nicolas Schul

Suchen und Verdächtigen: Die Dorfgemeinschaft organisiert sich

Bleiben und Büßen statt Davonlaufen

Manchmal wirkt es, als würde der "Drei Tage und ein Leben" (nach dem Roman von Pierre Lemaitre) zu sehr auf die Kraft des trauernden und verwirrten Kindergesichts setzen – Antoine, wie er sprachlos der Mutter gegenübersitzt, Antoine, wie er krank wird, den Appetit verliert –, aber dann nimmt die Geschichte eine überraschende Wende, springt Jahre nach vorn. Antoine – nie geständig, nie enttarnt – kehrt nach dem Studium ins Dorf zurück. Eigentlich nur um Adieu zu sagen, er will Arzt werden, ins Ausland gehen, so weit weg wie möglich, und davor: Ein paar alte Kisten zu Hause abladen.

Der Besuch endet anders als geplant – warum sei nicht verraten, aber die Wende macht den eigentlichen Reiz des Films aus. Denn was als Geschichte eines Davonlaufenden beginnt, endet als Geschichte über das Bleiben und Büßen, über eine Schuld, die nie ausgesprochen und doch eingestanden und vielleicht sogar beglichen wird. Diese Wende, überhaupt: der Lebensweg von Antoine, mag nicht immer glaubwürdig erscheinen und auch das Schweigen, die Mechanismen im Dorf müssen nicht jeden überzeugen. Gleichzeitig sollte sich aber jeder die Gegenfrage stellen: Welches Leben wäre das denn schon, glaubwürdig, überzeugend in all seinen wirren Wendungen und spontanen Entscheidungen? Nur eine lohnende Frage, die dieser Film sich und seinen Zuschauern stellt.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!