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Queer sein und fromm: Was sagen Juden und Muslime? | BR24

© picture alliance/Nur Photo

Eine Regenbogeflagge, Symbol der LGBTQI-Bewegung

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    Queer sein und fromm: Was sagen Juden und Muslime?

    Beim "AusARTen"-Festival in München kommen Vertreter aus Judentum und Islam zusammen, um über die Haltung ihrer Glaubensgemeinschaften zum Thema Homosexualität zu debattieren. Und über die Erfahrung, zu einer doppelten Minderheit zu gehören.

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    Wissen, wer man wirklich ist: Die Suche nach der eigenen Identität war für den Münchner Dima Bilyarchyk ein langer Prozess. Erst mit 18 hat er sich zu seiner Homosexualität bekannt: "Ich habe mich zuerst bei meinem besten Freund geoutet, dann bei noch einer Freundin, dann irgendwann viel viel später, bei meiner Familie. Und letztendlich dann auch in der jüdischen Gemeinde."

    "Safe Spaces" für queere Menschen

    Heute ist der 25-Jährige froh, dass er diesen Schritt gewagt hat. Dima Bilarchyk weiß aber auch: Sein jüdischer Glaube und seine Homosexualität machen ihn zur Zielscheibe für Anfeindungen. In der Gesellschaft, aber auch in seiner Gemeinde: "In manchen Teilen der jüdischen Gemeinden in Deutschland existiert Homophobie. Da muss einfach viel mehr Aufklärung betrieben werden, Jugendarbeit. Es müssen Safe Spaces geschaffen werden, wo man sich einfach wohlfühlt und sich auch outen kann, auch im jugendlichem Alter."

    Queer und jüdisch oder muslimisch – eine doppelte Minderheit

    In manchen jüdischen Gemeinden würden vor allem Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion schwulen oder lesbischen Menschen feindselig gegenüberstehen. Auch der Antisemitismus mache ihm Sorgen. Dima Bilyarchyk gehört als homosexueller Jude also zu einer doppelten Minderheit in Deutschland - ähnlich fühlt sich Ahmed Sadhkan aus Berlin: Der junge Muslim, der Biotechnologie studiert, versteht sich selbst als "Queer". Der Sammelbegriff "Queer" bezieht sich auf Menschen, die aus der heterosexuellen Norm fallen, zum Beispiel Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen. Das "Queer sein" verbindet Dima und Ahmed – deswegen suchen sie gemeinsam nach Möglichkeiten, wie sie der Homophobie in ihren Gemeinden begegnen können, sagt Ahmed Sadkhan: "Zwischen uns Muslimen und der jüdischen Community gibt es sehr viele kulturelle und religiöse Überschneidungen, weil sich Traditionen ähneln. Der Austausch ist superwichtig."

    AusARTen: Ein Kulturfestival zur kulturellen und gesellschaftlichen Vielfalt

    Für mehr Toleranz in ihren Religionsgemeinschaften setzen sich die beiden derzeit im Rahmen des Festivals "AusARTen" in München auf Initiative des Münchner Forum für Islam ein. Ein Festival, das auf die künstlerische und gesellschaftliche Vielfalt in Deutschland hinweisen möchte. Mitinitiatorin Sapir von Abel: "Wir sind ein Kulturfestival, das eben nicht aus der Sicht der Mehrheitsgesellschaft Inhalte schaffen möchte, sondern wir geben unseren Blick auf Themen, die spezifisch uns als Juden und Muslime bewegen, Z.B. Antisemitismus, Feminismus, und in diesem Fall auch LGTBQ. Wir möchten miteinander sprechen und mögliche Lösungsansätze finden."

    Nicht nur als homosexuell wahrgenommen werden

    Dima Bilyarchyk hat mittlerweile auch in seinem Umfeld Gleichgesinnte gefunden, in Berlin, wo er nach seinem Studium hingezogen ist. Dort engagiert er sich im jüdischen Verein "Keshet", das bedeutet auf Hebräisch "Regenbogen". Der Verein setzt sich für die Sichtbarkeit von queer-jüdischen Personen ein. Im Sommer hat Dima Bilyarchyk zum Beispiel mit 80 anderen ein Shabbat-Fest im Freien gefeiert. Eines liegt dem 25-Jährigen BWL-Studenten noch besonders am Herzen: "Mir ist es ganz wichtig, dass ich nicht nur gesehen werde, als der schwule jüdische Dima, sondern mich macht ja noch so viel mehr aus. Ich bin Sohn, ich bin Bruder, ich definiere mich auch, über das, was ich studiert habe, was ich jetzt beruflich ausübe. Das sind ja alles viele Facetten in meinem Leben."

    Dima Bilyarchyk möchte nicht auf seine sexuelle Identität reduziert werden, sondern als Dima Bilyarchyk wahrgenommen und akzeptiert werden. In seiner jüdischen Gemeinde und auch überall sonst.