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Homeland Elegien: Ayad Akhtars messerscharfe Prosa über die USA | BR24

© Audio: BR/ Bild dpa / picture alliance

Ayad Akhtars "Homeland Elegien" nimmt die islamische Community New Yorks unter die Lupe und rechnet mit der weißen Kaste der herrschenden Amerikaner ab.

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Homeland Elegien: Ayad Akhtars messerscharfe Prosa über die USA

Seine radikalen Stücke gehören zu den meistgespielten auf Deutschlands Bühne. Jetzt hat Pulitzerpreisträger Ayad Akhtar einen rasanten USA-Roman geschrieben: "Homeland Elegien". Klug, schonungslos, von essayistischer Tiefe.

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Von
  • Cornelia Zetzsche

Ayad Akhtar schrieb den Roman "Homeland Elegien" in beispielloser Wut, im Zwei-Wochen-Takt, wie im Delirium, sagt er. Seine Mutter starb, der Vater versank in Alkoholismus, Trump wurde Präsident, und im Land triumphierten ein maßloser Merkantilismus, Armut und schamlose Vulgarität. Grund genug für Klagelieder, "Homeland Elegien"; die Geschichte von Ayad in New York, Sohn pakistanischer Eltern mit oszillierendem Ich, mal Muslim, mal Amerikaner. Die Mutter ist dem Heimatland Pakistan verbunden. Der Vater ist erfolgreich als Kardiologe berühmter Leute, auch von Donald Trump, geblendet vom Amerikanischen Traum, seine neue Identität fixiert auf Amerikas Idee vom individuellen materiellen Wohlstand. Als sein Ruin droht, verliert der Vater die Bindung an Amerika.

Abrechnung mit der postaufklärerischen weißen Kaste

Wieder nimmt der Pulitzerpreisträger die muslimische Community unter die Lupe, vor allem aber ist "Homeland Elegien" eine beißende, messerscharfe Abrechnung mit der postaufklärerischen weißen Kaste und einem Land, das von Konzernen regiert wird und das öffentliche Leben ausbluten lässt. "Ein Unternehmen wie Facebook schert sich nicht um die Gemeinden. Wenn in den USA ein Walmart eröffnet, gehen der Gemeinde 86 Cent eines Dollars, der in diesem Supermarkt ausgegeben wird, verloren. Kleine Läden müssen schließen. Warum wurde erlaubt, dass ein Walmart mancherorts über 50 Prozent Marktanteile hat", fragt Ayad Akhtar und sieht gute Gründe für den Zorn im Land. Auch die Demokraten hätten die Mittel- und Unterschicht im Stich gelassen, weite Teile von Amerikas Heartland sieht er verödet. In diese Lage kamen Trump und das Showbiz der Information, das die Gründe der Wut verschleiert.

"Trump kam zu einer Zeit an die Macht, als Geschäftsleute zu höchster Macht aufgestiegen waren. Und wir sitzen da wie Primaten und starren auf unsere Bildschirme, süchtig nach Schlagzeilen und Social Media, und Trump repräsentiert den weitverbreiteten Narzissmus, der die Bürger zutiefst verdummt als politische Anwälte der eigenen Sache", sagt Akhtar. Schon seine Stücke haben schockiert, dieser Roman ist ähnlich radikal und zugleich, als Prosa, ungleich vielschichtiger.

Der Künstler als Gewissen der Gesellschaft

Als Patchwork der Begegnungen, der Dialoge und Biographien bietet "Homeland Elegien" eine komplexe Analyse US-amerikanischer Zustände und verblüffende Perspektiven. Zusammengehalten vom rasenden Monolog seines Helden und Alter Ego Ayad, der Erfolge feiert, reich wird, Sex hat, seinen Weg sucht; nicht gläubig, aber muslimisch geprägt ist, und als solcher immer rassistisch angefeindet. Atemraubend eine Schlüsselszene, als Ayad bei 9/11 durch New Yorks Staub irrt und – als Schutz – zu einem silbernen Kettchen mit christlichen Kreuz greift. Jetzt werde die Anti-Terror-Ära abgelöst von der Covid-Ära, sagt Akhtar und jongliert virtuos mit Fakten und Fiktion.

Ein Kunstwerk sei keine Korrektur der Wirklichkeit, könne aber ihr Spiegel sein, sagt Ayad Akhtar. Er möchte seine Leser da abholen, wo sie sich zwischen Fakten und Fiktion verirrt haben, vor den Bildschirmen, süchtig nach Schlagzeilen und Instagram. Er sieht den Künstler als Gewissen der Gesellschaft, den Roman als Chance, zu einem tieferen öffentlichen Gespräch und Verständnis darüber zu gelangen, was mit den USA geschah.

"Homeland Elegien" ist ein Hybrid: Familien- und Bildungsroman, Memoir und Zeitgeschichte, zornige Hommage und Anti-Idyll, Klagelied, Gesellschaftspanorama und filmische Prosa mit vielen Grautönen; klug, schonungslos, von essayistischer Tiefe; vor allem aber der zutiefst diskursive Roman eines versierten Dialektikers. Spannende Aufklärung in postaufklärerischer Zeit, mit einer Analyse grundlegender Probleme und einer Feier des kritischen Denkens.

Homeland Elegien von Ayad Akhtar ist übersetzt von Dirk van Gunsteren im Claassen Verlag bei Ullstein erschienen.

© Claassen/ Montage BR

Cover: Homeland Elegien

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