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Gedenkstätte Konzentrationslager Dachau

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    Holocaust-Gedenken: Wie "Zweitzeugen" an das Grauen erinnern

    Ursprünglich aus einem Studienprojekt entstanden, helfen heute rund 200 sogenannte Zweitzeugen beim gleichnamigen Verein, die Erinnerungen an das Grauen des Holocaust wach zu halten.

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    Von
    • Irene Dänzer-Vanotti

    "Das sind fast so Beziehungen wie zum Großvater zur Großmutter und so fühlt sich das auch an", sagt Ruth-Anne Damm, die Gründerin des Vereins "Zweitzeugen". Wenn sie die besucht, denen sie zuhört, wird sie ausgefragt: wie es ihr und ihrer Familie geht, wie es um Kinder- und Heiratspläne steht. Und dann gibt es Kuchen. "Das ist total herrlich! Das sind Menschen, Menschen, wie Du und ich."

    Zweitzeugen erzählen die Geschichte der Überlebenden weiter

    Aber diese Menschen haben das Grauen überlebt, sie haben andere Bilder im Kopf, erzählen andere Geschichten als die meisten Großeltern. Ruth-Anne Damm prägt sich diese Erzählungen so genau ein, dass sie weiter erzählen kann: Sie ist "Zweitzeugin". Weil die "Erstzeugen", die Zeitzeugen , schon alt sind, und in einiger Zeit gar nicht mehr sprechen werden, hat Ruth-Anne Damm vor zehn Jahren – noch als Studentin – den Verein "Zweitzeugen" gegründet. 120 Jugendliche und junge Erwachsenen können inzwischen nach ausführlichen Gesprächen Leben und Leiden der Opfer bezeugen, selbst wenn es für jeden, der es nicht selbst durchgestanden hat, unvorstellbar bleiben wird.

    Aus zweiter Hand klingt die Geschichte anders

    Als Zweitzeugen bringen sie jetzt stellvertretend Schülerinnen und Schülern die Schicksale nahe, wie das von Rolf Abrahamson. Zu ihm pflege sie eine der engsten Beziehungen pflegt, sagt Ruth-Anne Damm. Der 95-Jährige lebt in Marl im Ruhrgebiet. "Das ist jemand, der gerne Witze erzählt, der unfassbar lustig ist. Es ist ein Mann, mit dem ich unfassbar viel gelacht habe. Der aber tatsächlich sieben grauenhafte Konzentrations- und Arbeitslager überleben musste." Im Lokalfernsehen und vor Schülern hat Rolf Abrahamson davon erzählt, wie 1938 sein Elternhaus in Brand gesteckt und sein Vater mit Eisenstangen niedergeschlagen wurde.

    Jetzt kann er das nicht mehr erzählen, deshalb übernimmt das Ruth-Anne Damm. Sie erzählt, wie die Familie in der Reichspogromnacht überfallen wurde. "Die Familie hatte ein Textilgeschäft und die NSDAP hatte ein Interesse an dem Geschäft." Brutal sei es in Brand gesteckt worden, sei der Vater zusammengeschlagen und liegengelassen worden. "Mit großem Glück hat Rolf und seine Mutter den Vater da noch rausziehen könne, im letzten Moment." Dann sei die ganze Familie ins Gefängnis gebracht worden. Aus dem Mund der Zweitzeugin klingt Rolf Abrahamsons Geschichte anders, als aus dessen unmittelbaren Erfahrung.

    Zeugnis abzulegen als Lebensaufgabe

    Viele Überlebende der Shoah betrachten es als Aufgabe, Zeugnis abzulegen. Ihr eigenes Schicksal zu erzählen, soweit Worte die Wucht der Ereignisse überhaupt treffen können. Es ist ihr Beitrag dazu, dass ein Verbrechen wie die planmäßige Vernichtung des Judentums in ganz Europa nicht wieder geschieht. Wenn Rolf Abrahamson einmal müde wurde, wenn er sich nicht schon wieder seiner Geschichte aussetzen wollte, dann drängte ein Rabbiner ihn dazu, es wieder zu versuchen. Auch das berichtet Ruth-Anne Damm: "Wenn Schüler Dich suchen, dann geh' hin. Und wenn Du von 50 Kindern nur eins erreichst und das versteht, dass Juden nicht besser und nicht schlechter sind als Christen oder Menschen als jeglicher anderen Religion, dann hast Du viel erreicht."

    Die Erzählung wirkt aber nicht nur auf die Schulkinder, die Lehrer, die Eltern. Sie wirkt auch auf Menschen wie Rolf Abrahamson zurück. Sie gibt ihm einen Sinn und vielleicht eine Antwort auf die Frage: Warum habe ich als Einziger meiner Familie überlebt? Warum gehöre ich zu der kleinen Minderheit derer, die davon gekommen sind? Rolf Abrahamson jedenfalls sieht es, so beschreibt es seine Zweitzeugin, als seine Verantwortung, dass er mit seiner Geschichte etwas bewirken kann.

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