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Wie Holly Herndon mit einer künstlichen Intelligenz Musik macht | BR24

© Boris Camaca

Holly Herndon mit ihrem Chor-Ensemble und der künstlichen Intelligenz "Spawn", die in einem selbstgebauten Gaming-Computer steckt.

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    Wie Holly Herndon mit einer künstlichen Intelligenz Musik macht

    In den Münchner Kammerspielen spielt die Avantgarde-Pop-Künstlerin Holly Herndon erstmals ihr Album "Proto" live. Dabei rückte sie die Menschlichkeit in den Vordergrund, obwohl ihre Musik vor allem mit dem Computer entsteht – zusammen mit einer KI.

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    Holly Herndon singt mit Maschinen. Nicht durch Maschinen. So wie etwa Daft Punk durch einen Vocoder oder Cher durch Autotune. Sie singt gemeinsam mit einer Maschine. Die Wahlberlinerin aus Tennessee hat zusammen mit ihrem langjährigen Kollaborateur Mat Dryhurst und Ensemble-Programmierer Jules LaPlace die künstliche Intelligenz "Spawn" entwickelt. In einem selbstgebauten Gaming-PC untergebracht, kann "sie" eigenständig Gesangsmelodien komponieren und singen.

    Dafür fütterte Herndon die KI monatelang mit ihrer eigenen Stimme und lud in Berlin zu Chorabenden, um "Spawn" an Call-and-Response-Gesängen weiter lernen zu lassen. Mittlerweile ist "sie" in der Lage, eigenständig zu performen. Ein gleichwertiges Ensemble-Mitglied sei "sie", erklärt Herndon. Zumindest im Studio.

    Tanz den Algorithmus...

    Bei ihrem Konzert an den Münchner Kammerspielen, im Rahmen des Festivals "Politik der Algorithmen – Kunst, Leben, Künstliche Intelligenz", muss die KI leider zuhause bleiben. Die Bühnenreife hat "Spawn" noch nicht erlangt. Dafür hat Holly Herndon für die erste Darbietung ihres neuen Albums "Proto", einen fünfköpfigen Chor mit an Board. Das einzige Live-Instrument ist Stimme. Die elektronische Musik stampft, wabert und rumpelt vom Laptop durch die Boxen. Klar, solch verschachtelte Arrangements kann kein Mensch nachspielen, auch wenn sie ein Mensch programmiert hat.

    Eben dieses Paradox ist ein Kernthema von Herndons Arbeit. Generell das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. Die Erzählung vom technischen Fortschritt hält sie gemeinhin für zu negativ und proklamierte gerne den positiven Umgang mit der technischen Revolution. Vermenschlicht ihre eigene KI, nennt "sie" ihr Baby und macht sich selbst zur Mutter.

    Dem wilden, avantgardistischen Moment ihrer Computermusik setzt Herndon folkloristische, sakrale und tribale Chöre und Gesänge gegenüber. Sie symbolisieren den Menschen in seiner Ursprünglichkeit, aus einer Zeit ohne Technik. Diese zwei Pole drückt Herndon auf "Proto" zusammen, bis sie sich nicht mehr voneinander abstoßen. Es geht um die Symbiose, den Einklang von Mensch und Maschine. Der Mensch soll nicht verschwinden, sondern zusammen mit der KI performen. Tatsächlich ist es kaum festzustellen, wann Herndon, der Chor oder KI singt. Gruselig und erstaunlich zu gleich.

    ... tanz den Jesus Christus

    Begleitet wird die knapp einstündige Show von animierten Visuals, die auf einer überdimensional großen Rückprojektion den Songs ein Gesicht geben. Die meisten muten an wie aus einem Videospiel: weitläufige Landschaften, Berge und Wälder. Einmal regnet es Frösche. Ansonsten bleibt es meist zu lieb, zu vorsichtig, zu natürlich. Das Wort "elfisch" fällt. Und ja, man könnte an Herr der Ringe denken. Vermutlich will Herndon ihrer technischen Musik, eine naturbezogene optische Ebene entgegnen, die wiederum am Computer entstanden ist. Aber so dreht sich das Ganze doch einmal zu viel im Kreis.

    Als die Visuals beim letzten Song dann eine riesige Kathedrale durchfliegen und der Chor auf der Bühne sakralen Mönchsgesang anstimmt, entsteht für einen kurzen Moment der etwas schale Eindruck, man sei in einem KI-Gottesdienst gelandet. Zum Glück pustet die treibend ravige Techno-Zugabe all die spirituellen Gedanken dann wieder aus dem Kopf. Der technische Fortschritt, das Zusammenleben mit der künstlichen Intelligenz muss nicht gepredigt werden, sondern gelebt. Und vor allem: getanzt.

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