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"Hold Up": Frankreich debattiert Corona-Verschwörungsfilm | BR24

© Audio: ARD / Bild: Sadak Souici dpa-Bildfunk

Demos und rechte Aktivisten im Bundestag: So sieht der Corona-Protest gerade bei uns aus. In Frankreich ist das Vertrauen in die Regierung in Sachen Virus-Management noch niedriger. Der Film "Hold Up" im Internet soll gezielt Proteste provozieren.

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"Hold Up": Frankreich debattiert Corona-Verschwörungsfilm

In Frankreich gehören Demos und Ausschreitungen fast zum Alltag, doch im Vergleich zu uns sind die Anti-Corona-Kundgebungen dort noch recht verhalten. Das könnte sich ändern – durch den Film "Hold Up", der im Netz gezielt Proteste provozieren soll.

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Der Film fackelt nicht lange: Kaum hat man sich als Zuschauer, angeheizt durch die dramatische Hintergrundmusik, in eine kritische Stimmung versetzt, geht es auch schon los: "Ich glaube, man kann einen Lockdown rechtfertigen. Zwei davon sind deutlich schwieriger zu rechtfertigen", kritisiert Michael Levitt, Nobelpreisträger der Chemie. Und der Gesundheitsanthropologe Jean-Dominique Michel fügt hinzu: "Sobald sie jemanden glauben lassen, er sei in Lebensgefahr, können sie mit ihm machen, was sie wollen." Und Martine Wollner, Abgeordnete im französischen Parlament konstatiert: "Die Demokratie ist in Frankreich aufgespießt worden."

Verbales Trommelfeuer gegen die Regierung

Man fühlt sich wie in einem verbalen Trommelfeuer. Nach nur einer Minute und 14 Sekunden haben bereits sechs der insgesamt rund 30 Protagonisten des Films solche Statements auf die Zuschauer abgeschossen. Die Zielrichtung ist klar abgesteckt: Das Virus ist doch gar nicht so schlimm, die Politik hat versagt, belügt und knechtet die Menschen mit völlig unangebrachten Maßnahmen, irgendjemand will mit dieser Pandemie viel Geld verdienen.

So oder so ähnlich funktioniert "Hold Up" satte zwei Stunden und dreiundvierzig Minuten am Stück: Ständig tauchen neue oder bereits zitierte Wissenschaftler, Politikerinnen und normale Bürger auf, tatsächliche oder teils auch vermeintliche Fachleute werden mit hochtrabenden Titeln vorgestellt. Deren Aussagen sind schon allein angesichts der Geschwindigkeit des Films kaum nachvollziehbar, geschweige denn überprüfbar. Das sei auch genauso beabsichtigt, glaubt Arnaud Mercier, Kommunikations- und Medienwissenschaftler an der Pariser Universität Panthéon-Assas: "Die Macher haben während der Epidemie sehr genau Personen identifiziert, die zum Teil ziemlich spezielle Meinungen äußern, die nicht von der wissenschaftlichen oder medizinischen Gemeinschaft geteilt werden. Aber diese Leute können Titel vorweisen, mit denen sie eine gewisse Glaubwürdigkeit erheischen."

Krude Thesen und viele Fake News

Dass viele der geäußerten Thesen mindestens krude, oftmals widersprüchlich, manchmal schlichtweg falsch sind, scheint die Macher, die selbst früher als Journalisten in klassischen Medien gearbeitet haben, wenig zu stören: "Das sind ja schließlich nicht meine Thesen, meine Aufgabe war es, einfach der freien Rede eine Plattform zu bieten", rechtfertigte sich kürzlich Christophe Cossé, Produzent von "Hold Up", im Fernsehsender CNEWS. Den Recherche-Redaktionen vieler klassischer Medien hat er damit viel Arbeit bereitet. Sie haben in den vergangenen Tagen in mühevoller Kleinarbeit zahlreiche Falschinformationen des Filmes aufgelistet.

Gérald Roux, der das für den Nachrichtensender France Info getan hat, will den Machern die vermeintliche Arglosigkeit nicht abnehmen. Er beobachtet vielmehr eine Strategie hinter "Hold Up": "Wenn man den Film anschaut, gibt es Teile, die richtig sind, etwa über das schlechte Management der Regierung, die Verwirrung um die Maskenfrage zu Beginn. Der Zuschauer denkt sich: Klar, das ist wahr!" Aber dann entwickele sich die Dokumentation weiter, indem sie falsche, unvollständige oder irreführende Informationen untermische.

Gängige Verschwörungserzählungen

Tatsächlich hat man während des Films das Gefühl, in einen Strudel zu geraten. Maskentragen, Lockdown-Regeln, die Zerstörung der Wirtschaft, das weckt zu Beginn erstmal Zweifel. Wer hat sich nicht schon Gedanken gemacht, ob all das der richtige Weg durch die Pandemie ist? Doch spätestens ab der Hälfte gleitet das als Hochglanz-Dokumentation daherkommende, spendenfinanzierte Werk immer mehr ab und mündet in gängigen Verschwörungserzählungen: Bill Gates will die Menschheit impfen, multinationale Unternehmen arbeiten an der totalen Kontrolle, eine Weltregierung der Reichen will die Weltherrschaft an sich reißen. Die Angstmacherei, die der Regierung in der Pandemie zum Vorwurf gemacht wird, wird im Film selbst schließlich auf die Spitze getrieben. Ein Beispiel dafür: "Für mich befinden wir uns im Dritten Weltkrieg. Aber das ist ein Krieg der Klassen, den die Reichsten gegen die Ärmsten führen. Wie unter den Nazis im Zweiten Weltkrieg wird es auch diesmal einen Holocaust geben, der sicher den ärmsten Teil der Menschheit auslöschen wird. Das heißt: Dreieinhalb Milliarden Menschen!"

Schon drei Millionen Klicks

Von diesem ihrem eigenen Zitat hat sich die Soziologin Monique Pinçon-Charlot mittlerweile distanziert. Auch andere Protagonisten, etwa der ehemalige Gesundheitsminister Philippe Douste-Blazy, sehen ihre Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen, von den Machern falsch eingeordnet und hätten sie am liebsten aus dem Film gelöscht. Dafür dürfte es allerdings zu spät sein. Denn der Film hat in gut einer Woche geschätzt rund drei Millionen Klicks erreicht. Die Aufregung um "Hold Up" ist groß, ebenso die Sorge, dass der Film gesellschaftliche Konflikte anheizen könnte. Medienwissenschaftler Arnaud Mercier hält das allerdings für übertrieben: "Der Film bringt zusammen, was diejenigen, die ihn großartig finden werden, auch vorher schon sehen wollten und in sozialen Netzwerken gefunden haben. Es gibt keine neue, aufsehenerregende Enthüllung in dieser verschwörungstheoretischen Dokumentation." Merciers Analyse: Im Endeffekt wärme der Film das gesamte Essen von gestern einfach in einem Eintopf nochmal auf.

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