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© Audio: BR / Foto: dpa/Barbara Gindl
Bildrechte: BR / dpa-Bildfunk/Barbara Gindl

Die Eröffnung macht traditionell der "Jedermann", das Leben und Sterben des reichen Mannes, aktuell in der Regie von Michael Sturminger. Eine solche Inszenierung wird normalerweise mehrere Sommer lang gespielt. Jetzt wurde sie aber radikal verändert.

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Hohe Erwartungen erfüllt: Der "Jedermann" eröffnet Salzburg

Die Salzburger Festspiele sind mit einem umjubelten "Jedermann" in ihre 101. Saison gestartet. Nach einem schwierigen Jubiläumsjahr 2020 mit strikten Corona-Regeln stehen nun wieder alle rund 200.000 Theater-, Opern- und Konzertkarten zum Verkauf.

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Von
  • Sven Ricklefs

Ein Vorhang fällt – und da steht er wie ein Riese: Jedermann, männlich bis zur nackten Brust, nur im roten Höschen und mit blauen Absatzstiefeletten, doch auf seinen Schultern sitzt sie, die Buhlschaft, ihr rotes Kleid fällt über seinen Kopf. Während er spricht, bewegt sie den Mund dazu. Später wird sie sprechen, seinen Text, während man nun auch sein Gesicht sieht.

Mit diesem starken Bild ist von Beginn an klar: Sie sind auch eins, dieser Jedermann und seine Buhlschaft, Lars Eidinger und Verena Altenberger. Nicht nur als ein schönes Paar auf Augenhöhe im erotischen Spiel und in der Verschlingung, in die sie sich immer wieder hineintanzen, sondern auch als Allegorie der heutigen Gesellschaft, für deren toxische Gier eigentlich der weiße alte Mann steht, der aber letztlich auch nur die Speerspitze ist einer durchkapitalisierten westlichen Gesellschaft.

Auch die Buhlschaft ist Teil von diesem Jedermann, der genau weiß, wie das funktioniert, das System des Geldes, das ausbeuten muss, um sich zu vermehren.

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Jedermann-Darsteller Lars Eidinger und Buhlschaft Verena Altenberger bei der Premierenfeier der "Jedermann"-Inszenierung

Sie ist neu, sie ist anders und sie ist überraschend beeindruckend, diese Inszenierung von Michael Sturminger. Es scheint, als hätte er sich noch einmal auf ganz neue Weise mit diesem alten Stoff auseinandergesetzt. Herausgekommen ist ein Spiel vom Sterben des reichen Mannes, das mit der Wucht einer barock-bunten Truppe über die einfache Holzbühne hereinbricht und dem altbekannten Mysterienspiel mal traumtänzerische Leichtigkeit mal comichaft-verzerrten Witz verleiht.

Mal Slapstick, mal Tanz

Da geht Jedermanns Begegnung mit seinem Schuldknecht als brutal-böser Boxkampf im Zeitlupenraffer über die Bühne, da ist der Abschied der Buhlschaft von ihrem Jedermann, den niemand auf seinem letzten Weg begleiten will, ein betörender Tanz, bei dem die Frau im roten Hosenanzug dem fast nackten Mann schließlich ihren roten Chiffonschleier hinterlässt. Wie diese Jedermann-Version überhaupt durch die Zeiten und durch die Geschlechter hindurchfluidiert.

Dabei bedient sie sich mit ihren Kostümen bei Barock und Renaissance ebenso wie in einem fast futuresken 21. Jahrhundert, während Gott, Tod und Teufel weiblich besetzt sind. Zugleich fächert Lars Eidinger seinen Jedermann zwischen einer sehr aktuellen männlichen Sensibilität und der abgründigen Widerlichkeit eines Kapitalisten auf und gibt der sonst so eindimensional allegorischen Figur ungeahnte Tiefe.

Und wenn Verena Altenberger der Buhlschaft ihre ballerinenhafte Selbstverständlichkeit verleiht oder Edith Clever der "Tödin" die ganze Präsenz ihrer schauspielerischen Größe, dann ist man ohnehin mit jedem noch so katholischen Knittelvers versöhnt.

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