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Hörspiele: In Zeiten der Pandemie ist "die Kunstform ein Segen" | BR24

© Audio: BR / Bild SWR

Hörspiele sind Pop. Und im boomenden Podcast-Angebot sind sie Leuchttürme der Innovation

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Hörspiele: In Zeiten der Pandemie ist "die Kunstform ein Segen"

Hörspiele sind Pop. Und ein wohltuender Gegenpol zu den boomenden Podcasts. Das können Sie bei den – heuer digital stattfindenden – ARD Hörspieltagen selbst erleben. Und entscheiden, welches Hörspiel mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wird!

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Von
  • Benedikt Mahler

Eines hat das Hörspiel ausgerechnet mit dem Stummfilm gemein: Es wird heute oft als anachronistisch wahrgenommen und noch schlimmer: als defizitär. So wenig wie der Stummfilm ein Film ist, dem der Ton fehlt, ist das Hörspiel ein Film, dem das Bild fehlt.

"Streng genommen ist Hörspiel heute immer noch Pop. Über die Radiofrequenzen und natürlich auch über Podcasts und Streams, erreicht die Kunstform meist mehr Hörerinnen und Hörer als eine Buchpublikation Leser, oder eine Theaterinszenierung Zuschauer", so Anja Mauruschat. Die Medienwissenschaftlerin erforscht seit vielen Jahren die Eigenart dieser Kunstform: Das Besondere daran sei, dass das Hörspiel einem die Möglichkeit gebe, den Hörsinn zu schärfen, zu lernen genau hinzuhören. "Nicht nur zu hören, sondern auch das Zuhören zu kultivieren und dadurch auch Empathie zu kultivieren."

Im Rennen um den ARD Hörspielpreis: "türken, feuer"

Solingen 1993. Ein Brandsatz. Fünf Menschen sterben in einem brennenden Haus. Özlem Özgül Dündar hat die Geschehnisse literarisch aufgearbeitet und ein Hörspiel daraus gemacht . "türken, feuer" ist schonungslos, bildgewaltig und hochemotional inszeniert. Gerade steht es mit 11 anderen im Wettbewerb um den ARD-Hörspielpreis 2020. Beim Publikumspreis der ARD Hörspieltage entscheiden die Hörer und Hörerinnen, welches Hörspiel die Auszeichnung bekommt. Hier kann man noch bis zum Freitag, 6. November, sein Votum abgeben:

Noch nie waren Audio-Produkte in ihrer Vielseitigkeit so populär wie in der Gegenwart. Weil heute fast jeder ein Smartphone samt Kopfhörer mit sich trägt, liegen Audios on-demand, also Podcasts im Trend. Profitiert auch das Hörspiel davon? "Überspitzt könnte man sagen, dass das Hörspiel von diesem Podcast-Hype nicht profitiert," sagt Mauruschat. "Es geht dabei um die Haltung, die man diesen Audiostücken gegenüber bringt. Und da ist der Podcast etwas, das eher auf Konsum zielt und Hörspiel etwas, das auch mit einer ästhetischen und bewussten Auseinandersetzung und Reflexion des Gehörten zu tun haben sollte, im Idealfall."

Hörspiele und der Podcast-Boom

Podcasts setzen bewusst auf eine schlankere und schnellere Produktion mit weniger Akteuren. Besonders beliebt sind freie Gesprächsformate, für die keine Nische zu klein ist. Ein Garant für eine breite Hörerschaft sind außerdem True Crime-Formate – angereichert mit Original-Tönen und Interviews.

Und noch etwas hat der Podcast-Hype absorbiert und verstärkt: das serielle Erzählen. Die Netflix-Tangente hat auch Einfluss auf das Hörspiel - inhaltlich, aber auch technologisch: Homers Odyssee in 21 Teilen gab es zwar auch früher schon. Das Epos gewinnt aber eine neue Hörerschaft, wenn die 24 Teile statt in einer dicken CD-Box digital auf dem Smartphone zu hören sind. Überdies hat sich das Hörspiel schon längst von der rein literarischen Sphäre emanzipiert.

"Wenn wir an das Goldene Zeitalter der 30er-, 40er- und 50er-Jahre denken, da war das Hörspiel sehr von den Literatinnen und Literaten geprägt und das hat sich geändert", so Mauroschat. "Es ist viel offener geworden für Musikerinnen und Klangkünstler, aber auch für Performance-Gruppen. Also ich glaube, die Bandbreite ist viel größer geworden." Zu hören ist das etwa in "Die Revanche der Schlangenfrau", das ebenfalls im Rennen um den ARD Hörspielpreis ist. Ob surrealistischer Klangcomic, Literaturklassiker oder radioTatort: Das Hörspiel offenbart gerade jetzt eine ganz besondere Attraktion. Für Macherinnen und Macher, wie für seine Hörerschaft – linear wie on-demand.

Der Auftrag von öffentlich-rechtlichen Sendern ist nach Mauruschat, Kunst und Kultur nicht nur zu fördern, sondern auch zu generieren. Und jetzt in Corona-Zeiten würden wir ja gerade merken, wie schwierig es für Künstlerinnen und Künstler sei, wie existenziell bedroht sie gerade seien, und: "was für ein Segen da die Kunstform des Radios ist, die auch in Pandemie-Zeiten wunderbar Zuhause empfangen werden kann."

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