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Hören, hören, hören: Unsere Top Ten Podcasts des Jahres 2020 | BR24

© Dziubi Steenbergen / Pexels

Die Lust am Podcast-Hören war auch 2020 ungebrochen

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    Hören, hören, hören: Unsere Top Ten Podcasts des Jahres 2020

    Die Lust am Hören wuchs auch 2020 ungebremst: Podcasts sind weiterhin auf dem Vormarsch, jeder dritte Deutsche hört mittlerweile Podcasts. Im Corona-Jahr hatten wir ja auch viel Zeit dafür. Hier die Tipps der Redaktion.

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    Von
    • Hardy Funk
    • Niels Beintker
    • Agnes Popp
    • Simone Stern
    • Lili Ruge

    "Made in Germany – das Flughafenfiasko BER"

    Was haben wir gelacht über das Flughafendebakel BER: Brandmeldeanlagen, die keine Brände melden, automatische Türen, die nicht automatisch aufgehen und immer wieder verschobene Eröffnungen. Und als wirklich alle Witze gemacht waren, war der Flughafen immer noch nicht in Betrieb. Wer allerdings kein Faible für DIN-Normen und Details von Genehmigungsplanungen hatte, tat sich schwer, am Ende bei diesem riesigen Skandal noch durchzublicken. Der Podcast "Made in Germany" erzählt die Geschichte des Flughafen-Fiaskos jetzt in einer Art und Weise nach, die einen eine Folge nach der anderen bingen lässt. Der Journalist Christian Alt und sein Team machen zusammen mit dem SPIEGEL-Reporter Andreas Wassermann aus einem eigentlich viel zu deutschen und viel zu komplizierten Thema einen spannenden Polit-Thriller. Empfehlung: mit der ersten Folge anfangen. Es sind die Menschen zu hören die Teil des Projekts waren. Wackere Landräte, sich selbst überschätzende Bürgermeister, kurz: ein Heer mächtiger Männer, denen man dabei zuhören kann, wie sie in die Katastrophe schliddern. Lachen wird man auch, aber vor allem hat man dank dieses Podcasts endlich einen klaren Blick auf das berühmte Milliardengrab, das genau so jederzeit wieder geschaufelt werden könnte.

    Den Podcast "Made in Germany – das Flughafenfiasko BER" können Sie hier kaufen.

    Ein Tipp von Lili Ruge

    © dpa Bildfunk/Soeren Stache

    Luftaufnahme des Flughafens Berlin Brandenburg "Willy Brandt" im September 2020.

    "Der jüdische Gerichtsvollzieher" – Hörspiel nach Siegfried Lichtenstaedter

    Siegfried Lichtenstaedter (1865-1942) war ein genauer und kritischer Beobachter seiner Zeit. Der Historiker Götz Aly nennt den Münchner Publizisten sogar einen "Propheten der Vernichtung". Bereits in der frühen Weimarer Republik sagte Lichtenstadter den Mord an den europäischen Juden voraus (wie man in einer von Aly herausgegeben Auswahl von Essays und Satiren lesen kann). Einer der wieder ins Bewusstsein gelangten Texte – "Der jüdische Gerichtsvollzieher" – diente als Vorlage für das Hörspiel und diesen Podcast. Der Münchner Musiker, Dramatiker und Autor Richard Oehmann – einer der Köpfe von "Doctor Döblingers geschmackvollem Kasperltheater" wie auch der Band "Café Unterzucker" – hat die Satire inszeniert, mit viel bayerischem Groove. Ausgangspunkt: In der Stadt Anthropoplis wurde der Posten des Gerichtsvollziehers neu besetzt, mit dem Beamten, der die beste Qualifikation hat. Alsbald brechen sich Vorurteile und Hass Bahn, unter anderem im Wirtshaus, bei zarter Stubenmusik. Die Geschichte, die sich mit Ruhe und Gemütlichkeit entfaltet, ist – leider – auch in unserer Gegenwart von großer Aktualität. Eine sehr gelungene Annäherung an Siegfried Lichtenstaedters Welt.

    Den Podcast zum Hörspiel "Der jüdische Gerichtsvollzieher" nach Siegfried Lichtenstaedter finden Sie hier.

    Ein Tipp von Niels Beintker

    © BR/Stefanie Ramb

    Bei den Aufnahmen im Studio: Die Musiker Andreas Stauber und Michel Watzinger

    "Der Mörder und meine Cousine" – Der erste True Crime-Podcast von Bayern 2

    Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem (Ex-)Partner ermordet. Burchard Dabinnus‘ Cousine Saskia ist eine von ihnen und im Podcast "Der Mörder und meine Cousine" erzählt er ihre Geschichte. Oder vielmehr, wie ihr Partner, der schon mal eine Frau ermordet hatte, noch einmal zum Täter werden konnte. Dabei wirft der spannend erzählte Podcast auch ein Licht auf uns als Gesellschaft: Lassen wir sogenannte "Beziehungstäter" zu einfach davonkommen?

    Den Podcast "Der Mörder und meine Cousine" finden Sie hier.

    Ein Tipp von Simone Stern

    © BR/Jonathan Osenberg

    Der Autor und Sprecher Burchard Dabinnus

    "Friedrich Hölderlin – Der Dichter des Klimawandels"

    Auf Madagaskar werden alle 10 Jahre die Toten ausgegraben und mit einem großen Umzug gefeiert. Jan Snelas Podcast über Hölderlin hat mit dieser Art von ekstatischer Ahnenfeier mehr zu tun als unsere getragenen deutschen Jubiläen für große Dichter und Denker. Snela, selber Literat, verzichtet auf alles Geraune um die Umnachtung des Dichters (DANKE! DANKE!). Er feiert den großen Liebeslyriker, den Naturdenker, den Vorläufer der Umweltbewegung. Das alles mit solch literarischem Verve, dass es zwar uns Hörende manchmal fast aus der Kurve trägt. Aber egal, wir bleiben dran, weil uns sofort ein kluger und immer auch schöner Satz wieder gefangen nimmt – und eine ausgezeichnete Produktion. Dieser Podcast ist ein Einzelstück – aber wer ihn hört, ist dem Radio verfallen. Und wie allen, die bei den Konzerten von Velvet Underground dabei waren und daraufhin sofort selbst eine Band gründen mussten, so geht es uns: Wir wollen selbst so was Schönes machen – oder mindestens hören. Jetzt, sofort, weil der Hölderlinsche Funke in uns brennt.

    Jan Snelas Podcast über Friedrich Hölderlin finden Sie hier.

    Ein Tipp von Martin Zeyn

    © picture alliance / Fine Art Image / Heritage Images

    Friedrich Hölderlin in einer anonymen historischen Darstellung:

    "Meine geniale Freundin" – Hörspiel nach Elena Ferrante

    Ich gebe zu, die Bestseller, die eine italienische Schriftstellerin unter Pseudonym verfasste, haben mich nicht sonderlich beeindruckt. Und das Raunen, wer sich nun unter dem Namen Elena Ferrante verbergen könnte, auch nicht. Umso begeisterter war ich von der Umsetzung der Roman-Tetralogie in ein Hörspiel. Die ersten vier Teile der Neapolitanischen Saga sind fertig, keine Angst, es geht dann noch weiter. Toll und dicht umgesetzt ist die Geschichte um zwei Freundinnen, um Lenù und Lila, die in einem Armenviertel Neapels groß werden und leben, sich emanzipieren. Angesiedelt ist die Story in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts und wir tauchen ein durch die Musik von Ulrike Hage und die Geräusche, die einen einhüllen und forttragen in den Süden Italiens. Tolle Regie, wunderbare Schauspielerinnen. Nicht einfach aus einer derart ausufernden Geschichte mit einem überbordenden Figurenpersonal ein Hörkunststück zu machen. Ich bleibe dran!

    Das Hörspiel "Meine geniale Freundin" finden Sie hier.

    Ein Tipp von Martina Boette-Sonner

    © BR/Ulrike Kreutzer

    Christiane Roßbach als Elena

    Bayern 2 Lesungen

    Die Literatur, die uns bewegt – ab ins Ohr damit. Alle Bayern 2-Lesungen in einem Podcast, mit viel Herzblut von drei Lese-Menschen zusammengestellt: Cornelia Zetzsche, Antonio Pellegrino, Judith Heitkamp. Preisgekröntes, Klassisches, Unerwartetes. Durchs Buchmesse-Land Kanada streifen, mit Robinson in die größte Isolation von allen gehen, Amerika mit Charles Dickens‘ Augen sehen und Europa afropäisch mit denen von Johny Pitts. Mit frühen Reiseverweigerern Abenteuer im Garten erleben oder mit schriftstellerischen Puppenspielertricks die Untiefen der Augsburger Puppenkiste … Tolle Stimmen, sorgfältige Regie, und jede Woche gibt’s drei Mal Nachschub. Jüngste Folgen: Wolfgang Pregler liest Christine Wunnicke, Caroline Ebner liest Dina Nayeri, Irina Wanka liest Maria Lazar. Immer eine neue Welt.

    Die Podcasts zu allen Bayern 2-Lesungen finden Sie hier.

    Ein Tipp von Judith Heitkamp

    © BR/Lisa Hinder

    Selber lesen? Muss nicht sein: Es gibt großartige Sprecher, die Literatur zum Hörgenuss machen

    "Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau"

    Dieser Podcast macht sprachlos und wütend und ist 2020 absolute Pflicht: Die Feature-Reihe sucht nach der Wahrheit in einem der größten Justizskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. Im Jahr 2005 verbrennt ein Asylsuchender aus Sierra Leone in einer Zelle der Polizeistation Dessau. An der Aufklärung seines Todes scheitert die Justiz bis heute. Ein Jahrzehnt lang hat die Journalistin Margot Overath Akten durchforstet, mit Freunden und Angehörigen des Opfers, Polizeibeamten, Staatsanwälten, Brandgutachtern, Forensikern und Kriminologen gesprochen. Sie geht erstmals über die isolierte Betrachtung des Falles hinaus, zeigt neue Zusammenhänge auf und lässt auch bislang unbekannte Zeugen zu Wort kommen. Über fünf Folgen demontiert Margot Overath Stück für Stück das widersprüchliche Konstrukt vom Selbstmord und fügt die Indizien zu einem neuen Bild zusammen. Die Autorin geht behutsam, aber beharrlich vor, lässt Aussagen von Experten und Zeugen auch mal für sich stehen. Overath deckt das Fortbestehen autoritärer Strukturen und brutaler Polizeimethoden aus DDR-Zeiten auf, die auf Alltagsrassismus und gewaltbereiten Rechtsradikalismus treffen – gedeckt und verharmlost von Behörden und Politik. Zwei weitere Todesfälle zeigen aber, dass Rassismus nur ein Aspekt ist. Es geht um das individuelle Ausleben von Machtgelüsten an Schwächeren und um ein Versagen des Systems. Der Doku-Podcast veranschaulicht auch, warum Opfer von Polizeigewalt so wenig Aussicht auf Gerechtigkeit haben. Ein sensibles Hörstück, das frei von jeder reißerischen Erzählhaltung zeigt, was im Rahmen eines Rechtsstaats möglich ist. Spannend und aufschlussreich!

    Den Podcast "Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau" sowie ein Interview mit Autorin Margoth Overath über ihre Recherche: weitere Infos finden Sie hier.

    Ein Interview mit Autorin Margoth Overath über ihre Recherche finden Sie hier.

    Ein Tipp von Agnes Popp

    © pa / dpa / Peter Endig

    Zelle Nr. 5 im Polizeirevier Dessau-Roßlau

    "Reflektor"– Musik-Podcast mit Jan Müller von Tocotronic

    Der Bassist von Tocotronic – der Band, die mich durch meine harten Zeiten als Außenseiter in einer Kleinstadt gebracht hat – macht einen Interview-Podcast mit Musikern und Musikerinnen: Logisch bin ich ab Folge eins dabei. Und erstmal überrascht, wie professionell und angenehm Jan Müller, der sich bei Tocotronic-Konzerten stets noch ein Quäntchen wortkarger gibt als der Durchschnitts-Bassist, die Durchschnitts-Bassistin eh schon sind, die Gespräche führt. Als nächstes bin ich überrascht, wie eklektisch Jans persönliche Auswahl der Gäste ausfällt: Neben erwartbaren Namen wie Frank Z von Abwärts, Annett Louisan von Hans-A-Plast oder Thees Uhlmann von Tomte waren auch schon der Rapper Xatar, die Sopranistin Sarah Maria Sun, die DJ Helena Hauff oder Reinhard Mey zu Gast. Jan spricht mit ihnen gerne bis zu zwei Stunden über den eigenen Lebensweg, wie sie zur Musik kamen, was sie daran schätzen und wie sie mit dem Erfolg oder seinem Ausbleiben umgehen. Intimere und aufschlussreichere Porträts von Musikern gab und gibt es kaum anderswo. Vielleicht auch, weil nur das Podcast-Format – ohne Zeitbegrenzung, ohne Einspielungen und Ablenkungen vom Gespräch – das erlaubt. Beste Folge ganz persönlich ist die mit dem super geerdeten Tilman Rossmy von "Die Regierung".

    Alle Folgen von "Reflektor" finden Sie hier.

    Ein Tipp von Hardy Funk

    © Viertausendhertz

    Jan Müller im Gespräch mit dem Rapper Xatar

    "Roll Over Beethoven. Eine Hörspiel-Sitcom aus dem alten Wien"

    Dieser BR-Podcast ist einer der lustigsten Beiträge zum 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens im Dezember 2020. Christoph Maria Herbst ("Stromberg") gibt in diesem Hörspiel, das gleichzeitig eine Sitcom von Johannes Mayr und Ulrich Bassenge ist, einen opportunistischen wie genervten Meisterkomponisten. Der teilt sich mit seinem Neffen eine Frau, gibt widerwillig einem völlig talentlosen Mitglied des Kaiserhauses Klavierunterricht, muss ein Groupie, einen schleimigen Schweizer, immer wieder vor der Haustüre loswerden. Keine Minute ohne Pointe. Selten so gelacht.

    Den Podcast "Roll Over Beethoven" finden Sie hier.

    Ein Tipp von Stefan Mekiska

    © BR/Ulrike Kreutzer

    Christoph Maria Herbst als Beethoven

    "Was mit Kunst" von Johann König

    Dass Johann König was mit Kunst macht, ist nicht neu – er zählt zu den bedeutendsten Galeristen der Welt. Zu tun hat er mit ihr schon ein Leben lang, auch wenn er das anfangs gar nicht so prickeln fand. Seine Mutter ist Illustratorin, sein Vater war Rektor der Städelschule in Frankfurt und Leiter des Museum Ludwig in Köln. "Ich war im Wettbewerb mit der Kunst um die Aufmerksamkeit meiner Eltern", sagt er heute rückblickend und dass ihn die Kunst als Kind eher gelangweilt und genervt habe.

    Eigentlich macht Johann König jetzt was mit Medien. Auch das ist nicht neu: 205.000 Menschen folgen seiner Galerie auf Instagram, nochmal fast 80.000 ihm selbst. Die FAZ nannte ihn den "Popstar unter den deutschen Galeristen". Aber das Popstar-Image greift nur bedingt, wenn man sich seinen Podcast "Was mit Kunst" – das ist neu – anhört. Johann König wirkt angenehm geerdet, normal und aufrichtig interessiert, wenn er sich mit bekannten Größen der Kunstszene unterhält, die er überwiegend auch als Galerist vertritt. Katharina Grosse, Erwin Wurm oder Norbert Bisky geben tiefe Einblicke in ihr Leben, sprechen über ihren Werdegang und die Kunst – und gelegentlich werden die Zuhörerinnen und Zuhörer über Einblendungen mit Hintergrundwissen versorgt. König will "ein breiteres Publikum" für Kunst begeistern. Das könnte klappen.

    Den Podcast "Was mit Kunst" finden Sie hier.

    Ein Tipp von Maximilian Büch

    © Lukas Gansterer

    Johann König in seiner Galerie

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