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Höllische Revue: "Moskau, Tscherjomuschki" in Gelsenkirchen | BR24

© Bettina Stöß/MiR Gelsenkirchen

Seelenlose Tanz-Roboter

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Höllische Revue: "Moskau, Tscherjomuschki" in Gelsenkirchen

Dimitri Schostakowitsch wagte sich nach Stalins Terror erst wieder 1958 an ein Bühnenwerk: Mit wilder Lust an Satire machte sich der Komponist über die korrupte, staatliche Wohnungspolitik lustig. Ein aktuelles Thema? Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Eine Operette über Wohnungsnot, über korrupte Verwalter und das Gerangel unter den Mietern? Auf diese Idee konnte nur ein ausgewiesener Satiriker wie Dimitri Schostakowitsch kommen. Ein Wunder, dass er diese Idee 1958 auch tatsächlich umsetzen konnte, denn jahrelang hatte der Komponist die Finger vom Musiktheater gelassen, aus gutem Grund: Als junger Mann hatte er sich bei keinem Geringerem als Stalin mit seiner in der Tat wuchtigen gesellschaftskritischen Oper "Lady Macbeth von Mzensk" unbeliebt gemacht, und das war lebensgefährlich.

Gerangel um Wohnung Nr. 48

Seitdem hatte der schwer traumatisierte Schostakowitsch keine Note mehr für Theater geschrieben, sondern sich im Wesentlichen auf Sinfonien, Kammer- und Filmmusik beschränkt. Erst unter Chruschtschow traute er sich wieder an eine Operette, damals herrschte kurze Zeit "Tauwetter" in Moskau, da war Kritik an selbstherrlichen Hausverwaltern und kleinen Parteibonzen möglich, ja sogar erwünscht. "Moskau, Tscherjomuschki", das war damals ein neues Hochhausviertel mit heiß begehrten Wohnungen, und Schostakowitsch machte sich einen Spaß daraus, das bizarre Gerangel um Wohnung Nr. 48 zu schildern. Hört sich in Gegenden wie München, wo zu Besichtigungen hunderte von Interessenten erscheinen, hoch aktuell an, und nicht nur dort, doch bei der Premiere in Gelsenkirchen war das überraschender Weise kein Thema. Der deutsch-französische Regisseur Dominique Horwitz, bekannt als brillanter Chansonier, fand das Stück als Immobilien-Schwank fad:

Ich wollte wie Schostakowitsch eine Gesellschaftskritik machen, und der Original-Plot schien uns nicht mehr zeitgemäß. Deshalb haben wir uns für eine andere Geschichte entschieden, die aber nicht weniger satirisch ist, nicht minder sarkastisch oder fast zynisch ist. Das ganze ist ja eine Polit-Satire, eine Gesellschafts-Satire. Wir haben uns orientiert an Aldous Huxleys "Schöne Neue Welt", das war unser inhaltlicher Strang der Geschichte. - Dominique Horwitz

Freiheit gibt´s nur auf Droge

Also zeigte Horwitz "Moskau, Tscherjomuschki" als bitterböse und groß produzierte Entfremdungs-Revue, eine so ätzende Revue, dass sich das ursprüngliche Stück darin regelrecht auflöste. Doch auf eine Geschichte kam es Horwitz nicht an, sondern auf Schostakowitschs höhnisch-sardonische Musik und eine Abrechnung mit der modernen Arbeits- und Lebenswelt. Wie Roboter schuften Menschen in einer Spielzeug-Fabrik, ruhig gestellt mit Glückspillen, terrorisiert von Aufsehern, und in der Pause zwangsweise bespaßt mit einem schrulligen Kostümfest. Freiheit gibts nur auf Droge. Sah optisch aus wie Szenen aus Nordkorea, war aber ausdrücklich auf den Westen gemünzt.

Das ist eine Gesellschaftskritik, die hier bei uns passt, wo der Mensch in der Gesellschaft zufrieden gestellt wird oder sich selbst zufrieden stellt. Wo wir vermeintlich meinen, es läuft doch alles gut, und wo das Individuum an Bedeutung verliert, bis man gar keine Individualität mehr hat und wo die auch nicht mehr gefragt wird. - Dominique Horwitz

Kluft der Stadtreinigung

Vor allem der erste Teil dieser Revue war befremdlich, aber konsequent. Nach der Pause hatte das Publikum verstanden, dass hier die Story fehlte, insofern also nichts zu verstehen war. Die Revue als solche ist ja gerade als "bunter Abend" definiert, also ohne inneren Zusammenhang. Da lösten sich die Rollen auf, Chor und Solisten verschmolzen sehr eindrucksvoll zur Masse Mensch, sämtlich in oranger Arbeitskluft, wie sie Mitarbeiter der Stadtreinigung tragen. Ausstatter Pascal Seibicke hatte das alles mit viel Sinn für grellen Sarkasmus bebildert: Der Fabrikboss trägt Pelzkragen, seine Geliebte streichelt den giftgrünen neuen Mantel, die Aufpasser schüchtern das Personal mit Drachen-Fratzen ein.

Kein Trost in Gelsenkirchen

Der Abend war also greller als Satire, brutaler, massiver, gelegentlich grotesk, etwa als ein Schwanensee- und Nussknacker-Ballett auftrat, denn auch im klassischen russischen Tanz werden Individuen ja zur Formation gestanzt, steht nicht der persönliche Ausdruck, sondern die Geometrie im Vordergrund. Ob das wirklich auf die deutsche Gegenwart passt oder nicht doch eher auf Nordkorea, darüber lässt sich füglich streiten, als Gesamtkonzept war es schlüssig. Unter der Leitung von Stefan Malzew spielte die Neue Philharmonie Westfalen sehr kraftvoll auf, mit Lust am donnernden, gewollt hohlen Effekt, ja am Kreischen und Zetern - hier werden die vermeintlich pathetischen Fanfaren zur aberwitzigen Zirkusnummer, wie es Schostakowitsch sicher beabsichtigt hatte. Sehr bewegend, wie diszipliniert der Chor bei Arbeits-Gymnastik, Bespaßung und Fließband-Schuften mitmachte. Unter den zahlreichen Solisten sorgten Anke Sieloff und Rolf Schneider für eine romantische Einlage mit ihrem Traum vom eigenen Klingel-Schild. In Moskau ist dieser Traum für viele ja immer noch unerschwinglich, von München nicht zu reden. Aber Glück hat mit der Wohnung ja ohnehin nichts zu tun - und das ist kein Trost, wie sich am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen heraus gestellt hat.

Nächste Aufführungen am 8., 13. und 21. April, weitere Termine

© Bettina Stöß/MiR

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