BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

"Höhle des Schreckens": 2.000 Jahre alte Bibeltexte gefunden | BR24

© Picture Alliance
Bildrechte: Picture Alliance

Schwer zugängliche Höhlen in Israel

Per Mail sharen
  • Artikel mit Bildergalerie

"Höhle des Schreckens": 2.000 Jahre alte Bibeltexte gefunden

Vierzig Skelette erzählen eine schreckliche Geschichte: Sie zeugen von Flüchtlingen des Bar-Kochba-Aufstands von 132 nach Christus. Im unwegsamen Gebiet, wo sie sich hin retteten, wurden jetzt sensationelle Fragmente des Alten Testaments gefunden.

Per Mail sharen
Von
  • Peter Jungblut

Die israelische Presse und die Altertumsforscher sind außer sich vor Freude: Nach sechzig Jahren wurden am Toten Meer erstmals wieder kostbare Bibel-Fragmente gefunden, und zwar in einer schwer zugänglichen Höhle, zu der sich die Archäologen abseilen mussten. In der Gegend, in der es insgesamt rund 500 Höhlen geben soll, waren 1947 die berühmten Qumran-Rollen entdeckt worden, die ältesten überlieferten Bibeltexte überhaupt. Die rund 15.000 Fragmente stammen aus der Zeit zwischen dem 3. Jahrhundert vor Christus und der Zeitenwende und wurden während des Jüdischen Krieges von 66 bis 70 nach Christus in Sicherheit gebracht.

"Richtet wahrhaftig und recht"

Die jetzt neu gefundenen, rund achtzig Pergament-Schnipsel sind anders als die überwiegend hebräischen Qumran-Rollen auf Griechisch verfasst und enthalten nach der Entzifferung der Experten Verse aus dem Zwölfprophetenbuch. Im dort enthaltenen Buch Sacharja heißt es: "Das ist's aber, was ihr tun sollt: Rede einer mit dem andern Wahrheit und richtet wahrhaftig und recht, schafft Frieden in euren Toren; keiner ersinne Arges in seinem Herzen gegen seinen Nächsten, und liebt nicht falsche Eide; denn das alles hasse ich, spricht der Herr."

© Nir Alon/Picture Alliance

Ausgetrocknete Pergamentreste

© Nir Alon/Picture Alliance

Pfeilspitzen der Vorzeit

Oren Ableman, der sich seit langem mit den Schriftstücken vom Toten Meer befasst, erläuterte auf einer Pressekonferenz am Morgen in Israel, dass die neuen, winzigen Fragmente kleine Abweichungen gegenüber bisher bekannten Textstellen des Alten Testaments enthalten, etwa der "Septuaginta"-Version aus dem 3. bis 1. Jahrhundert vor Christus, die als maßgeblich gilt. Joe Uziel, der Chef der Abteilung der israelischen Antikenbehörde, die sich mit den Funden am Toten Meer befasst, sagte: "Wenn wir an die Bibel denken, glauben viele, sie sei unveränderlich gewesen, das war sie aber nicht. Es gibt kleine Unterschiede und einige davon sind wichtig. Jede winzige Information, die wir zufügen können, erleichtert unser Verständnis über die hebräische Fassung der Bibel."

Video der schwierigen Erkundungen abrufbar

Seit 2017 wird in der schwer zugänglichen Gegend erneut intensiv nach historisch bedeutsamen Überresten geforscht. Die "Höhle des Grauens" ist dermaßen versteckt, dass die Archäologen sich nach Angaben der Israelischen Altertumsbehörde achtzig Meter mit alpiner Sicherung abseilen mussten. Ein beeindruckendes Video der schwierigen Erkundungen in der Judäischen Wüste ist auf der Seite der Behörde zu sehen.

© Nir Alon/Picture Alliance
Bildrechte: Nir Alon/Picture Alliance

Schnipsel-Arbeit: Pergament-Fragmente

Ihren schaurigen Namen hat die Höhle, die etwa vierzig Kilometer südlich von Jerusalem liegt, von den vierzig Skeletten, die dort bereits ab 1961 in einer Grabungskampagne des Archäologen Yohanan Aharoni und seinem Team entdeckt wurden. Es soll sich um Opfer des Bar-Kochba-Aufstands handeln. Der messianische Namensgeber der Rebellion hatte seine Landsleute von 132 bis 135 gegen die Römer unter Kaiser Hadrian geführt. Wie schon im großen Aufstand ab 66 siegten die römischen Truppen und metzelten den Anführer und seine Getreuen nieder. Aharoni hatte auch bereits neun Pergament-Überreste sicher gestellt, viele weitere sollen in der Folge auf dem Schwarzmarkt aufgetaucht sein.

Kinder-Mumie unter Steinplatten

Inzwischen wurde auch weitere Details bekannt gegeben. So soll ein rund 10.000 Jahre alter Korb in der Höhle aufgefunden worden sein, möglicherweise die älteste derartige Flechtarbeit der Welt, außerdem die 6.000 Jahre alte Mumie eines Kindes. Daneben kamen Münzen, Pfeilspitzen, Kleidung, Sandalen und Lauskämme zutage, wie die Zeitung "Haaretz" berichtet.

Die Archäologin Ronit Lupu erläuterte, die Leiche sei in einer flachen Grube unter zwei Steinplatten gefunden worden, das Kind sei sechs bis zwölf Jahre alt gewesen und habe zusammengekauert im Grab gelegen. Der Oberkörper sei mit einem Stück Stoff bedeckt gewesen. Der Erhaltungszustand sei vergleichsweise gut, weil das Klima in der Gegend sehr trocken sei.

Politisch ist der Fund heikel: Das Gebiet liegt auf der ""Westbank", also in den seit 1967 von Israel "besetzten Gebieten", aus denen eigentlich keine Fundstücke entfernt werden dürfen. Gleichwohl sah sich die Israelische Antikenbehörde unter Druck, weil in den schwer zu kontrollierenden Gebieten zahlreiche Raubgräber unterwegs sind und bereits viel Schaden angerichtet haben.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!