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Der Hochhausstreit in München geht in eine neue Runde | BR24

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Hochhaus-Silhouette München bei Sonnenuntergang

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Der Hochhausstreit in München geht in eine neue Runde

Die Hochhaus-Kritiker sind entsetzt, die Stadträte begeistert: Womöglich wachsen in München bald zahlreiche neue Wolkenkratzer in die Höhe, obwohl bei einem Bürgerentscheid vor 16 Jahren die Gegner knapp siegten. Jetzt geht die Debatte weiter.

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München hat keine Skyline. München hat eine Silhouette. Und wenn es nach Karl Hofmann geht, dann bleibt die, wie sie ist. Der 85-Jährige führt den Widerstand gegen ein Bauprojekt an, in dem Experten den größten Eingriff in die Stadtsilhouette seit 1945 sehen. Es geht um ein Grundstück an der Bahnstrecke quer durch die Stadt. Hier steht eine ehemalige Paketposthalle, in der die Deutsche Post inzwischen Briefe sortiert, aber auch das nicht mehr lang. Und hier planen die Star-Architekten Herzog & de Meuron für einen Projektentwickler zwei riesige, markant geschwungene Büro-Hochhäuser, zweimal 155 Meter. Karl Hofmann wendet ein: "Die beiden Türme sind viel zu hoch, die stören die Stadtsilhouette insgesamt, sie stören den Blick vom Schloss Nymphenburg, diese Sichtbeziehung allein schon."

Erste Kratzer am weißblauen Himmel

Höher als 150 Meter, da spricht die Branche von Wolkenkratzern. Eine Frankfurterin zuckt da mit den Schultern, die Finanzmetropole hat fünfzehn dieser Türme. Für eine Münchnerin aber ist das Neuland: Die ersten Kratzer im weißblauen Himmel. Ein einziges Hochhaus hat München bisher, das auch nur in die Nähe dieser Liga kommt: Das "Uptown", das die Münchner als Sitz einer Handyfirma kennen - und dessen ästhetische Anspruchslosigkeit dem legendären Bürgerentscheid gegen Hochhäuser vor 16 Jahren erst den nötigen Schub gab.

© Hermann Dobler/picture alliance

Sonnenaufgang über Hochhäusern

Mit knapp 51 Prozent beschlossen die Münchner damals, dass im Stadtgebiet kein Haus gebaut werden darf, das höher ist als die 99-Meter-Türme der Frauenkirche. Auf Jahre hinaus war München Millionendorf, mal bespottet, mal bewundert. Damals maßgeblich mit dabei: Karl Hofmann und seine Initiative "Architektur und Kultur", die ihren Erfolg nun wiederholen wollen. Grimmig entschlossen, sei er, sagt Hofmann, und kündigt ein Bürgerbegehren an. "Da geben wir uns schon gute Chancen. Seinerzeit waren es 50,8 - aber das reicht. Nach den Meinungsumfragen, die existieren, ist der Zustimmungsgrad heute noch viel höher. Auf jeden Fall müssen wir es probieren!" betont Karl Hofmann.

FDP will "urbane Stadt"

Mag Hofmann auch hoffen, dass die Münchner ähnlich denken wie er - die von ihnen gewählten Vertreter tun es nicht. Der Hochhausstreit ist inzwischen kaum noch ein Streit über das Ob, sondern längst einer über das Wie. Münchens Kommunalpolitiker jauchzen himmelhoch über die Paketposthallen-Pläne - und zwar durch die Bank. Das gesamte Projekt ist wunderbar, heißt es aus der SPD. Die CSU spricht von einem mächtigen Schritt in die Zukunft. Und aus der FDP heißt es: "Wir sind doch kein größeres Deggendorf, sondern eine Stadt, die wirklich urban sein muss, wenn sie attraktiv bleiben will."

© Hermann Dobler/picture alliance

München leuchtet

Kathrin Habenschaden will für die Grünen Oberbürgermeisterin werden: "Ich finde: Architektonisch ansprechende Hochhäuser gehören zu einer Großstadt mit dazu. Man muss ganz genau gucken, wo machen sie Sinn, wo passen sie in die Silhouette, wo passen sie auch zu den Anwohnerinnen und Anwohnern, das muss gut überlegt sein. Aber dann, finde ich, mangelt’s uns momentan schon sehr an ansprechender Architektur. Und ja, tolle Hochhäuser könnten hier einen Input geben, der uns momentan dringend fehlt."

Für das Interview huscht sie kurz aus dem Planungsausschuss raus, in dem es gerade um die Hochhausstudie geht. Eine vom Rathaus veranlasste Untersuchung, die das ganze Stadtgebiet in Kategorien einteilt - lila verwenden die Fachleute für Gegenden, die sich eignen für Hochhäuser über 80 Meter.

"Münchner Stadtbild verschandelt"

Wer in den Wolkenkratzern Bürofläche stapelt, sagt Habenschaden, der hat anderswo wieder Platz für Wohnungen. Ein anderes Argument, das in Münchens Kommunalpolitik immer wieder fällt, ist der Wunsch nach Entwicklung, nach neuen Wahrzeichen. Im Fall der Paketposthalle auch der Wunsch, dass hier ein lebenswertes Quartier entsteht. Habenschadens Mitbewerber Kristina Frank von der CSU und Dieter Reiter von der SPD hatten keine Zeit für ein Gespräch. Aber dass sie gegen neue Hochhäuser grundsätzlich und gegen den Paketposthallen-Entwurf konkret nichts einzuwenden haben, ist bekannt - zum Entsetzen von Karl Hofmann: "Ja, das war für uns erstaunlich - beziehungsweise fast ein Schock, dass fast alle Fraktionen auf diesen Dampfer gehen. Ein Projekt, das das Münchner Stadtbild verschandelt wie kaum ein anderes jemals - dass man das so kritiklos absegnet!".

Kein Gebäude höher als die Türme der Frauenkirche. Daran hat sich die Kommunalpolitik auch noch gehalten, als sie es rechtlich nicht mehr musste. Es scheint, dass diese Zeit jetzt zu Ende geht. Wie hat das ein Leserbrief neulich so schön formuliert? "Eine gewisse Aufbruchstimmung für Hochhäuser macht sich breit." Dazu Kathrin Habenschaden: "Ja, das sehe ich auch so. Das spüren wir auch. Wir spüren, dass die Debatten wieder losgehen. Natürlich macht sich das fest an den Entwürfen für die Paketposthalle für diese beiden hohen Türme von Herzog & de Meuron, die nach meiner Einschätzung eine Bereicherung für die Stadt sind."

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