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"Hochgebirge der Gelehrsamkeit": Hans Blumenberg zum 100. | BR24

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"Hochgebirge der Gelehrsamkeit": Hans Blumenberg zum 100

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"Hochgebirge der Gelehrsamkeit": Hans Blumenberg zum 100.

Ob Anthropologie, Geschichte oder Technik, Mythos oder Moderne, Metapher oder Anekdote, schwere oder leichtfüßige Essays: Der Philosoph Hans Blumenberg beherrschte eine Fülle von Themen und Formen. Ein Gespräch mit seinem Biografen Jürgen Goldstein.

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"Philosophie ist wesentlich nicht referierbar oder zusammenfassbar. Sonst wäre sie überflüssig; daß sie meist sich referieren lässt, spricht gegen sie." Das ist ein Zitat, das es in sich hat – wenn man über Philosophie sprechen will und insbesondere über einen Mann, der als einer der bedeutendsten Philosophen der Bundesrepublik galt und gilt: Hans Blumenberg, geboren vor 100 Jahren 1920, verstorben 1996. Da wehrt sich einer dagegen, leicht fassbar gemacht zu werden. Und das hat er bis zum Äußersten getan – es gibt für die Öffentlichkeit genau zwei Fotos von Hans Blumenberg, er hat genau kontrolliert, was er von sich preisgeben wollte, wie sichtbar er sein wollte. Einer seiner Schüler ist Jürgen Goldstein, heute selbst Professor für Philosophie an der Universität Koblenz Landau, vor einigen Jahren mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Er hat zum 100. Geburtstags ein umfangreiches Porträt über Hans Blumenberg verfasst. Judith Heitkamp hat mit ihm gesprochen.

Judith Heitkamp: Vielleicht fangen wir mit diesen zwei Fotos an. Ein sehr sprechendes Detail, es entsteht vor dem inneren Auge gleich das Bild eines kontrollierten und zurückgezogenen Menschen. Zu Recht?

Jürgen Goldstein: Ja und Nein. Eigentlich eine Ungeheuerlichkeit, in der heutigen Zeit, die so handy- und selfieverliebt ist, dass einer nur zwei Fotos während seiner gesamten Lebenszeit herausgibt und autorisiert. Ich glaube, das Ganze ist nicht so sehr psychologisch oder biografisch interessant, sondern darin steckt eine philosophische Geste. Blumenberg wollte die Aufmerksamkeit nicht auf sich als Person lenken, sondern auf die Gegenstände, mit denen er sich beschäftigt. Er entzieht sich und will nur durch seine Werke, durch seine Schriften präsent sein. Und ganz unabhängig davon, ob man fotogen ist oder sich als nicht so schön empfindet, ist es für jeden nachvollziehbar, gerade wenn man altert, dass die Wahrnehmung von Fotos etwas Befremdliches hat. Man sieht sich und ist überrascht, dass man so aussieht. Das Aussehen ist nicht deckungsgleich mit dem Selbstempfinden. Das hat Blumenberg in seiner Anthropologie auch sehr subtil reflektiert. Er war ein Autor, der den Schutz des Schutzes stark gemacht hat. Vor den aufdringlichen Blicken der anderen müssen wir uns schützen können. Blumenbergs Denken und Philosophie sind dem Zeitgeist gegenüber widerständig. Wenn man sich jetzt einen verkniffenen, schüchternen Menschen vorstellen würde, wäre das aber der völlig falsche Eindruck. Der Mann war lebensfroh und genussfähig. Er hatte einen unglaublichen Humor. Ich habe nie wieder Vorlesungen besucht, in denen ich so viel gelacht habe wie bei Blumenberg.

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Jürgen Goldstein, Professor für Philosophie an der Universität Koblenz Landau

Ein weiteres sprechendes Detail: Blumenberg war berühmt für seinen Zettelkasten. Ein Umstand, dem Sie auch ein Kapitel widmen.

Ja, das ist eine spannende Sache. Schon während seiner Schulzeit hatte er annähernd 10.000 Karten zusammen. Dann wurde sein Elternhaus ausgebombt. Alle Karten waren weg. Er hat von vorne begonnen auch ein Zeichen für seine Ausdauer und Zähigkeit und seine Karteikarten in einem feuerfesten Tresor verwahrt. Am Ende seines Lebens kam er auf um die 30.000 Karten: lauter Gedankensplitter, Lesefrüchte, die er im Laufe seiner Zeit gefunden hat. Blumenberg hat es meisterlich geschafft, mit diesem Zettelkasten selbstbehauptend umzugehen. Wenn er ein Zitat öfter verwendete, hat er das markiert. Dann wurde die Karte aussortiert. Er wollte verhindern, dass er Lieblingszitate kultiviert und wie ein seniler Philosoph immer wieder dieselben Sachen bringt.

Die enorme Bildung und Belesenheit wird immer genannt, wenn es um Blumenberg geht. Während wir heute ja häufig denken, dass wir im Zweifelsfall alles schnell googeln können, was wir wissen müssen. Warum ist Bildung-im-Kopf-haben ein Wert für sich?

Nicht zuletzt, weil das ein unverlierbarer Schutz ist. Wir haben hier einen Autor vor uns, der erlebt hat, dass Lübeck 1942 ausgebombt wurde. Wie schnell alles weg sein kann. Dann kommt es darauf an, wie er sagt, was man eigentlich als Welt und Horizont im Kopf hat, auf welches Bildungsgut man zurückgreifen kann. Wenn man danach sucht, wozu Gelehrsamkeit gut sein kann, ist Blumenberg ein guter Autor.

Sie schreiben, sein Denken gleiche einem Hochgebirge der Gelehrsamkeit. Warum sollten wir uns heute auf diese Gebirgstour mit Hans Blumenberg begeben?

Ich glaube, er würde eine Antwort darauf verweigern … er hat keine Frage so sehr verachtet und gehasst wie "Wozu Philosophie?" Es hat ihn auf die Palme gebracht, er war nicht bereit, rechtfertigen zu müssen, warum man philosophieren soll. Es gibt aber eine ganz andere, charmante Einladung. Blumenbergs Philosophie ist im Kern bestimmt davon, die Aufmerksamkeit zu steigern auf alles, was denkbar ist. Er hat eine Lust am Bemerken, am Interpretieren, am Denken. Nicht spröde und hölzern, die Funken flogen nur so. Wer sich mit Blumenberg beschäftigt, wird aufmerksamer gegenüber den Themen, mit denen er sich beschäftigt.

Wie kriegen wir ihn dann zu packen?

Gar nicht. Das wäre ja auch verrückt, wenn wir einen, der sich so verborgen hat und zu entziehen suchte, durch eine Formel oder ein Resumé oder ein Fazit zu fassen kriegten. Blumenbergs Philosophie ist vielleicht eher dadurch attraktiv, dass man sie zwar nicht zu fassen bekommt, sondern an verschiedensten Stellen in sie eintreten kann. Ob man sich für Anthropologie oder Geschichte oder Technik interessiert, für den Mythos oder für die moderne Zeit, für die Metapher oder für die Anekdote, ob man den schweren gelehrten Aufsatz sucht oder den leichtfüßigeren Essay das ist alles bei Blumenberg zu finden. Das macht es, glaube ich, auch so attraktiv.

Ein Stichwort, zu dem ich gern noch kommen würde: Katholizismus. Obwohl Sie mir jetzt vielleicht gleich sagen, dass das wieder biografisch ist … der religiöse Weg, den er gemacht hat. Er galt im Dritten Reich als Halbjude, weil die Mutter konvertierte Jüdin war, hat selbst katholische Theologie studiert und dann, wie er schreibt, im Laufe seines Lebens den Glauben verloren, aber die Kirche behalten. Was ja eine bemerkenswerte Zuordnung ist, bei den meisten ist es andersrum. Welche Rolle spielen Kirche und Katholizismus bei Hans Blumenberg?

Biografisch eine wichtige. Der Mann wollte Priester werden, hat zumindest katholische Theologie studiert. Das ist allerdings nicht ganz so unüblich gewesen damals, wenn man etwa an Martin Heidegger denkt, der auch Priester werden wollte, bevor er zur Philosophie übergegangen ist. Ich glaube nicht, dass Religiosität ein Schlüssel für die Philosophie Blumenbergs ist, wenngleich sich aus diesem biografischen Umstand seine exzellenten theologischen Kenntnisse erklären und sein Gespür für das Phänomen überhaupt, etwa bei seinem Buch über die Matthäus-Passion. Diese Welten waren ihm nicht fremd, wenngleich seine gesamte Philosophie theologiekritisch oder -skeptisch formuliert worden ist. Und jetzt muss ich doch einmal ins Biografische gehen. Er hat spät bekundet, in seinem letzten Brief, dass er die Liebe zur Kirche behalten hat. Das hat den Hintergrund, dass seine Mutter als Jüdin unter den Nazis in einem katholischen Hospiz bis zu ihrem Tode gepflegt wurde. Eine eigene Form von Schutz und Widerstand und dass er der Kirche nie vergessen.

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