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Ausflugslokal am Achensee in Tirol, 1938.

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"Hitlerwetter": Das ganz normale Leben in der Diktatur

Volks-Gasmasken und Lebkuchen-Eber an Weihnachten: Nur zwei Beispiele aus dem Alltag der Deutschen während der NS- Herrschaft. Ein neues Sachbuch des Historikers Tillmann Bendikowski macht mit zahlreichen Details das Leben dieser Zeit greifbar.

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Judith HeitkampJudith Heitkamp
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"Hitlerwetter" war strahlendes Wetter – am 50. Geburtstag des Diktators 1939: sein ganz persönlicher Sonnenschein. Ein Beispiel aus dem Alltag in der Diktatur, den der Historiker Tillmann Bendikowski in zahlreichen anschaulichen Details greifbar macht: ständig marschieren oder Spalier stehen, sonntags Konkurrenz zwischen Familie, Kirche und Partei-Event, Mülltrennung im Kampf für das Volk, Ernteeinsatz für alle – und die Hitlerjugend wollte Geld für die Sammeldose. Details, die beim Panorama-Blick auf die Epoche durchs Raster fallen. Sie seien ihm so wichtig, weil die Geschichte des Dritten Reiches oft als die Geschichte "der anderen" empfunden werde, weit weg von uns selbst, so betont Bendikowski. Das Erzählen des Alltags aber rücke mit vielen Themen sehr nah und helfe, diese Geschichte als eigene zu verstehen. Deshalb erzähle er auch von Winterschlussverkauf und "gesundem Leben" im NS-Staat.

Zwischen Rezepten und sozialer Kontrolle

In 12 Monaten, von Dezember 1938, kurz nach den November-Pogromen, bis Herbst 1939, kriegt das Buch sein Thema zu fassen: zwischen Frieden und Krieg, zwischen christlicher und germanischer Weihnacht, zwischen Homöopathie und Euthanasie, zwischen Muttertag und Sterilisierung, zwischen Arbeitsdienst, Urlaubsfahrt und Terror greift es Quellen auf wie die NS-Backempfehlung zu Weihnachten (germanischer Lebkuchen-Eber) oder die nationalsozialistischen Vorgaben zur Mülltrennung. Die martialische Sprache, mit der die Deutschen zu diesem Zeitpunkt schon lange an Kriegsgedanken gewöhnt werden, reicht in jeden Alltagswinkel. "Jede Hausfrau begeht heute mehr denn je ein Verbrechen an ihrem Volke, wenn sie auch nur ¼ Pfund Küchenabfall in den Mülleimer wirft…", wettert eine Lokalzeitung 1939. In fast jedem Lebensbereich wird klar, dass nicht alle dazugehören. Die eigene Alltagsbedeutung beruht auf Ausgrenzung - "die anderen" müssen auf alles gefasst sein. Der Staat ist brutal, das versteht sich von selbst – er befindet sich ja "im Kampf", ob Muttertag oder Hitlergruß, ob Nachbarn, die verschwinden, ob Arbeitslager.

Eine Diktatur ist auf Zustimmung angewiesen

Nach 1938 konnte niemand mehr den NS-Staat für einen Rechtsstaat halten, betont Tillmann Bendikowski. Dennoch hätte eine Mehrheit der Deutschen sich mit dem System "partnerschaftlich" eingerichtet und abweichendes Verhalten bereitwillig sanktioniert. Auch Antisemitismus war Alltag – sehr alte Ressentiments konnten jetzt gesellschaftlich anerkannt ausgelebt werden und alte Rechnungen beglichen. Jede Diktatur sei auf Zustimmung angewiesen, zitiert der Verfasser Hannah Arendt. Und während das Regime nach dem Münchner Abkommen nach außen Friedenswillen behauptete, verschob es gleichzeitig alle Wirtschaftskräfte in Rüstung und Kriegsvorbereitung. Auch das war im Alltag deutlich zu spüren – an Verknappung etwa und nicht enden wollenden Appellen zur Teilnahme an der deutschen "Erzeugungsschlacht". Die wurde auch in den Küchen und Vorgärten geschlagen, beinhaltete die Anschaffung von Angora-Kaninchen und Ziegen zur Selbstversorgung und den Abbau des Ziergitters an der Gartenpforte – es ging als Rohstoff an die Industrie. Luftschutzübungen waren Pflicht und die "Volks-Gasmaske für die Lieben daheim" wurde als hübsches Präsent für den besser gefüllten Geldbeutel beworben.

Bendikowski macht den Alltag greifbar

Auch die vielen Widersprüche des Lebens zwischen propagandistischem Anspruch und Realität greift "Hitlerwetter" auf; Beispiel etwa das Ideal der viele Kinder gebärenden deutschen Mutter, das die Wirklichkeit zahlreicher berufstätiger Frauen mit Familie vollständig ausblendete. Die strukturelle Überforderung der Landfrauen etwa ist in Parteidokumenten durchaus ein Thema, im offiziellen Frauenbild wird sie ignoriert.

Und so bietet "Hitlerwetter" auch viele Anknüpfungspunkte für heutige Erfahrungen, finden sich scheinbar moderne Begriffe im NS-Kontext verankert. Für den Autor bleibt vor allem ein Eindruck: "Es tat nicht weh, dass es keine Demokratie mehr gab. Ich bin damit so selbstverständlich groß geworden, ich kann mir gar nicht vorstellen, ohne Demokratie zu leben… dann schreibe ich dieses Buch und sehe – Millionen Deutsche konnten ganz gut ohne leben. Das spricht dafür, dass wir in Zukunft wieder mehr in politische Bildung investieren müssen, in Aufklärung und in Geschichtserzählung, um an diese Zeit und diesen Zustand zu erinnern."

Tillmann Bendikowski, Hitlerwetter, Das ganz normale Leben in der Diktatur: Die Deutschen und das Dritte Reich 1938/39, C. Bertelsmann

Tillmann Bendikowski: Hitlerwetter. Das ganz normale Leben in der Diktatur: Die Deutschen und das Dritte Reich 1938/39, C. Bertelsmann

Bildrechte: C. Bertelsmann

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