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Historisches Papiertheater in der Nürnberger Kunstvilla

Papiertheater gelten als "Playstations" des 19. Jahrhunderts. Diese kunstvollen Nachbildungen großer Theaterbauten haben viele Kinder früher geliebt. Papiertheater wurden von Generation zu Generation weitervererbt und zählten zu den hochpreisigen Luxusspielsachen. Die Nürnberger Kunstvilla ist nun im Besitz eines solchen Papiertheaters, das nicht nur von der Theaterbegeisterung des 19. Jahrhunderts und der großbürgerlichen Kindererziehung erzählt, sondern auch von der Bedeutung deutscher Kultur für jüdische Emigranten.

Vorgänger des Playmobilschlosses

78 cm hoch und 70 cm tief ist das liebevoll gearbeitete Papiertheater mit dem Namen „Thalia“. Ein sogenanntes Industrietheater, das um 1900 entstanden ist. Wie die Leiterin der Nürnberger Kunstvilla, Andrea Dippel erklärt, nannte man diese Theater Industrietheater, weil sie in einer Kiste verstaubar waren und sich in dieser Kiste alles befand, was man zum Bespielen brauchte: Das Proszenium, also der eigentliche Theaterbau, den man dann in Löcher einsteckte, dahinter dann die Kulissen und das rückseitige Bild. "Man kann sich das ähnlich vorstellen, wie ein Playmobilschloss heute", erklärt Andrea Dippel.

Viele Kulissen und Figuren

Mit über 100 Spielfiguren wie Rotkäppchen oder Robinson Crusoe ist das Papiertheater ausgestattet und es hat 32 verschiedene Kulissen. Alles ist mühevoll handgefertigt. Die einzelnen Kulissen bestehen aus Karton, zum Teil aber auch aus Spanplatten.

Ein Stück Geschichte

Mit diesem Papiertheater kommt auch ein Stück Hausgeschichte zurück in die Nürnberger Kunstvilla. Denn es stammt aus der Familie des Mannes, der die Villa 1895 als Wohnhaus erbauen ließ: Emil Hopf. Der Bauherr stammt aus einer sehr wohlhabenden Familie von Hopfenhändlern und Bankiers. Sein Großvater Löb Hopf war 1850 nach Aufhebung des Niederlassungsverbots als einer der ersten Juden nach Nürnberg gezogen und hatte dort das Bürgerrecht erlangt. Während des Nationalsozialismus musste die Familie ihre Heimat verlassen.

Lange Reise

Museumsleiterin Andrea Dippel ist verblüfft, dass die Familie Hopf, das großformatige Papiertheater bei ihrer Flucht mitgenommen hatte. Sogar über einen Umweg nach England, wo sie ein bisschen Hausstand eingelagert hatte, wurde es ihr später nach New York nachgeschickt. Vier Generationen haben mit dem Papiertheater der Familie Hopf gespielt. Nach fast 100 Jahren ist es nun aus Amerika nach Nürnberg heimgekehrt.