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"Der tut einem leid": Christian Stückl inszeniert in Wien "Hiob" | BR24

© Reinhard Werner/Burgtheater

Er schaut tief ins Gebetbuch

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    "Der tut einem leid": Christian Stückl inszeniert in Wien "Hiob"

    Es ist die Rolle seines Lebens: Peter Simonischek spielt den frommen Juden Mendel Singer, der in Joseph Roths Roman "Hiob" von einer Reihe schwerer Schicksalsschläge heimgesucht wird. Seine Botschaft ist eindeutig: "Wir haben nicht genug geliebt!"

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    Marlene Dietrich nannte es ihr „Lieblingsbuch“, Stefan Zweig und Ludwig Marcuse zählten zu seinen Bewunderern, und auch sonst hat Joseph Roths chassidischer Sinnsucher-Roman „Hiob“ viele begeisterte Leser – und Leserinnen – gefunden. Der Belgier Koen Tachelet hat den Stoff vor zehn Jahren für die Münchner Kammerspiele aufbereitet, manche erinnern sich vielleicht noch an Johan Simons Inszenierung aus dem Jahr 2009. Jetzt hatte „Hiob“ am Wiener Burgtheater Premiere, ebenfalls in der Tachelet-Fassung.

    Warum lässt Gott das Böse zu? Hat das menschliche Leiden einen Sinn? Produziert Gott das Böse womöglich gar selber, um seine Knechte und Mägde hienieden zu prüfen? Das sind die Fragen – tiefe, existenzielle Fragen –, die in „Hiob“ verhandelt werden. Der Titelheld sagt über sich: "Ich bin ein ganz gewöhnlicher alltäglicher Jude in einem ganz gewöhnlichen russischen Dorf." Mendel Singer, so heißt der Tora-Lehrer, den Joseph Roth im fiktiven russischen Schtetl Zuchnow ein ärmliches, aber leidlich erfülltes Leben führen lässt.

    © Reinhard Werner/Burgtheater

    Peter Simonischek in der Rolle seines Lebens

    "Wir haben nicht genug geliebt"

    Mendel hat eine Frau und drei Kinder, als sein jüngster Sohn Menuchim geboren wird. Menuchim leidet an einer Entwicklungsstörung, er wird zum Epileptiker – nicht zuletzt, weil sein Vater sich weigert, ihn ärztlich behandeln zu lassen. Man müsse auch in Fragen der Kindergesundheit vor allem auf Gott vertrauen, meint der fromme Mendel. Peter Simonischek hat ein ambivalentes Verhältnis zu der Figur, die er am Burgtheater auf beeindruckende Weise zum Leben erweckt: "Na ja, sie geht mir so nahe, dass ich sie spielen kann. Der tut einem einfach leid, in der Hilflosigkeit, mit seinem Buch in der Hand, dieser Fundamentalist, dem die Welt zusammenbricht. Der hat zwar die Tora auswendig gelernt und bringt sie seinen Schülern bei, aber gottseidank hat er mitten im Stück einmal eine Erkenntnis: Wir haben nicht genug geliebt. Das ist die Erkenntnis des Fundamentalisten."

    © Reinhard Werner/Burgtheater

    Das Verhängnis nimmt seinen Lauf

    Er guckt tiefer ins Gebetbuch

    Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als Mendel Singer sich von seiner Frau und seiner Tochter überreden lässt, dem ältesten Sohn in die USA zu folgen, ins gelobte Land der Gedemütigten und Verfolgten, nach New York. Den behinderten Menuchim – er kann nur EIN Wort sagen: „Mama“ – lassen die Singers in Zuchnow zurück. Joseph Roth erzählt in „Hiob“ von einem Mann, der mit dem Leben hadert und mit dem Allmächtigen kämpft. Denn Gott schickt seinem gläubigen Diener eine Prüfung nach der anderen: Mendel Sohn Schemarja fällt als US-Soldat im Ersten Weltkrieg, sein zweiter Sohn Jonas, er hat den Waffenrock des Zaren übergestreift, wird auf Europas Schlachtfeldern vermisst, Tochter Mirjam landet in der Psychiatrie, und Frau Deborah stirbt aus Kummer über all dem Leid. Mendel Singer sitzt in New York, das ihm fremd ist – und geht mit seinem Gott ins Gericht. "Er guckt einfach tiefer ins Gebetbuch als aufs Leben", sagt Peter Simonischek. "Und daher kommen seine Probleme."

    Christian Stückl sagt über seine Inszenierung: „Dass die Leute ihre Heimat verlieren, dass Leute ihre Familie verlieren, dass Leute aus ihren Angeln gerissen, dass Leute ihren Glauben verlieren, das sind ganz aktuelle Themen, und mich hat das Stück lange gereizt, und ich habe es hier angeboten gekriegt, und ich habe gesagt, das mach ich auf alle Fälle, und mit Simonischek und Regina Fritsch und den anderen macht das total Spaß. Und es ist, glaube ich, ein wichtiges Stück.“

    © Reinhard Werner/Burgtheater

    Ununterbrochen auf der Bühne

    Altmodisches Schauspieler-Theater

    Die Tragödie des Mendel Singer vollzieht sich in Stückls Inszenierung auf einer effektvoll ausgeleuchteten Bühne, die ein paar Hügel symbolisiert, dahinter prangt marlborowerbungsmäßig in Riesenlettern der Leuchtschriftzug „America“. Es ist altmodisches Schauspielertheater im besten Sinn, das Stückl und seine Akteure da bieten, Schauspielertheater auf höchstem Niveau. Exzellente Leistungen bringen vor allem Regina Fritsch als Mendels Frau Deborah und Tino Hillebrand als Menuchim, der behinderte Sohn auf die Bühne. Herausragend allerdings: Der 72-jährige Peter Simonischek in einer der Rollen seines Lebens. Zweieinhalb Stunden lang betet, streitet, flucht, liebt, debattiert und leidet er als Mendel Singer praktisch ununterbrochen auf der Bühne, man muss das gesehen haben, wie der wuchtige alte Mann einen Schicksalsschlag nach dem anderen einsteckt, wie er mit seinem Gott kämpft, ringt und hadert, wie er am Schluss doch noch so etwas wie Erlösung erfährt. Wem dieser Abend – und das Schicksal Mendel Singers – nicht zu Herzen geht, dem ist nicht zu helfen.

    Das Wiener Burgtheater zeigt "Hiob" wieder am 28. Februar, sowie am 2. und 7. März, weitere Termine folgen.

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