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Antoine Coypel: 'Susanna und die beiden Alten', um 1695; nach der biblischen Erzählung aus dem Buch Daniel 13,1-64.
© picture alliance / akg
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Antoine Coypel: 'Susanna und die beiden Alten', um 1695; nach der biblischen Erzählung aus dem Buch Daniel 13,1-64.

"Oh my God!", hört man sie oder ihn häufig beim Liebesakt stöhnen: In den Liebeskomödien Hollywoods passt das offensichtlich zusammen: Sex und Gott. Im Bett, so scheint es, lauten die drei beliebtesten Worte eines Paares nicht "Ich liebe Dich", sondern: "Oh, my God!"

Werbebotschaft: Im Paradies gibt es Sex zur Genüge

Hollywood schaut bekanntlich dem Volk aufs Maul. Die Werbeindustrie übrigens auch. Zum Beispiel, wenn sie Models für Unterwäsche mit Engelsflügeln ausstattet. Blonde Locken, Schmollmund und weiße Spitzenunterwäsche: Im Himmel geht es ziemlich sexy zu, lautet die Botschaft. Im Paradies müssen sich die Menschen um nichts sorgen, auch nicht um Sex, den gibt es zur Genüge.

Viele Menschen beschreiben den Liebesakt als einen wundervollen Schwebezustand, der sich anfühlt, als sei man im siebten Himmel. Wer sexuell erfüllt lebt, wirkt meist ausgeglichen. Sex macht glücklich. Nicht nur in Filmen. Nicht nur im Himmel. Sondern auch auf Erden.

Sex und Glaube? Gedanken an Missbrauch werden wach

Befangener als Filmemacher scheinen die Kirchen mit dem Thema umzugehen. Davon zeugen die Schlagzeilen, die über Schlimmes berichten. Sex und Glaube? Unwillkürlich denkt man da heutzutage an den sexuellen Missbrauch, den Geistliche Kindern und anderen Schutzbefohlenen angetan haben. Statt zu himmlischen Freuden zu führen, wird der Sex für die Opfer zur Hölle.

Vielleicht liegt es daran, das die positive Verbindung zwischen Lust und Gott in den Kirchen über Jahrhunderte immer wieder negiert wurde. Mit schlimmen Folgen: Das Schöne und Lustvolle wurden zur Sünde erklärt. Die fleischliche Lust wurde zugunsten geistlicher Höhenflüge ins Reich des Dunklen verdrängt.

Lustverbot wirkt im Zölibat nach

Die Lust sollte den Menschen von der Kirche ausgetrieben werden. Ein später Schatten davon ist der Zölibat. Kein Wunder, dass Fälle sexuellen Missbrauchs häufiger in der katholischen als in der evangelischen Kirche vorkommen. Wenn Lust unter den Deckmantel der Reinheit verdrängt wird, sucht sie sich auf anderen Wegen ihr Recht, vermuten Psychologen.

Dass die Lust in den Kirchen so ins Hintertreffen geriet, ist erstaunlich. Denn das Heilige Buch der Christenheit, die Bibel, geht ziemlich unbefangen mit dem Sex um. Unbefangen - nicht leichtfertig. Sexualität hat dort mit gegenseitigem Erkennen zu tun. Das macht schon die Schöpfungsgeschichte deutlich: "Adam erkannte seine Frau Eva", heißt es da. In der hebräischen Sprache ist das ein Synonym für den Geschlechtsakt.

M. Franceschini: Lot und seine Töchter (um 1676)

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Bibel schildert Sex bemerkenswert lebensnah

Liebevoller Sex und Gewalt, Vielehe und sexuelle Abhängigkeiten, Prostitution und romantische Begegnungen, Haremsgeschichten und Verführungen: Die Bibel schildert den Sex bemerkenswert lebensnah. Wie ein Manifest der Lust wirkt das biblische "Hohelied", das voller erotischer Bilder ist.

"Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; ja, deine Liebe ist köstlicher als Wein. Seine Linke liegt unter meinem Haupte, und seine Rechte herzt mich." Hohelied 1,2
"Siehe, meine Freundin, du bist schön; deine Augen sind wie Tauben hinter deinem Schleier und dein Mund ist lieblich. Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge einer Gazelle, die unter den Lotosblüten weiden. Rund sind deine Schenkel wie zwei Spangen, die des Meisters Hand gemacht hat." Hohelied 4,1

"Oh my God", möchte man da sagen. Aber Gott kommt bemerkenswerterweise im ganzen "Hohenlied" nicht vor. Jedenfalls nicht namentlich. Wohl aber im Hintergrund. Dass die Lust, die die beiden spüren und sich gegenseitig bereiten, von Gott gewollt ist – das ist offenbar. Unerwähnt scheint Gott so etwas wie der Schöpfer der Lust des Paares zu sein.

Erbsündenlehre rückt Sex ins Reich des Teufels

Viele Stimmen gab es, die dieses Buch aus der Bibel verbannen wollten. Die Kirchenväter - also die ersten Theologen der Kirche - versuchten, es zu entfleischlichen und deuteten es als Sinnbild der Beziehung zwischen Christus und Maria oder der Kirche. Ungezügelte Lust zwischen Menschen? Das durfte nicht sein.

Der Kirchenvater Augustinus hatte vor seiner Bekehrung ein ausschweifendes Leben geführt. Mit dem christlichen Glauben übernahm er jedoch die leibfeindlichen Ansichten des jungen Christentums, wetterte gegen Ausschweifungen und Begierden. Und stellte die Lehre der Erbsünde auf: Seit Adam und Eva wird demnach durch jede Zeugung Sünde auf körperlichem Wege weitergegeben. Jeder Geschlechtsverkehr ist demnach sündig. Ein Kreislauf, den man nur durch Keuschheit stoppen kann. Sexualität rückt damit gänzlich ins Reich des Teufels.

Mystikerinnen erzählen von sehr erotischen Visionen

Sehr fantasievoll suchten sich im Mittelalter die Mystikerinnen ein Ventil für das Verbotene. Als "Bräute Christi" vereinten sich ehelos lebende fromme Frauen in einer geheimnisvollen, nicht körperlichen Weise mit Christus. Das schildern Visionen, die sich bisweilen wie echte erotische Begegnungen lesen.

"O du brennender Gott in deiner Begierde! O Du fließender Gott in deiner Liebe! O du schmelzender Gott in der Vereinigung mit deiner Geliebten! O du ruhender Gott an meinen Brüsten, ohne den ich nicht sein kann. O Herr, minne mich gewaltig und liebe mich oft und lang."

J. B. Nattier: Joseph und Potiphars Weib (um 1700)

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Sollte ständige Lust unser Leben bestimmen?

Wäre es wünschenswert, ständig lustvoll himmlische Freuden zu erleben? Wäre es auszuhalten, wenn die Lust nicht nur kurz, sondern ständig unser Leben bestimmen würde? Klaas Huizing ist einer der wenigen Theologieprofessoren, die sich mit solchen Fragen beschäftigen. An der Würzburger Universität lehrt er "Systematische Theologie und Gegenwartsfragen" - für die er bemerkenswert offene Antworten findet.

"Himmlisch ist eine Metapher für Ewigkeit, sie bezieht sich nicht auf nur auf den Augenblick des Orgasmus, der sich auf schmale 15 Sekunden beschränkt. Sobald aber das Thema Ewigkeit auf den Plan tritt, droht in der Regel die Angst vor der Langeweile. Diese Angst lässt sich nehmen, wenn man den intimen Akt als Vorgeschmack auf die Ewigkeit deutet. " Klaas Huizing, Theologieprofessor in Würzburg

Den hohen Ansprüchen genügt der Alltag in den seltensten Fällen. Beileibe nicht nur auf dem Gebiet der Sexualität. Höhepunkte heißen Höhepunkte, weil sie herausragen aus dem meist doch geruhsamen Alltag, in dem viele Niederungen zu durchschreiten sind. Auf eine andere Weise jedoch kann die Lust doch den Alltag beeinflussen - auf eine gute Weise, meint Theologieprofessor Klaas Huizing:

"Bei himmlischer Lust denke ich in der Tat auch an Sexualität im Alltag. Himmlisch ist die Lust dann, wenn sie im Alltag nachwirkt, wenn man im Nachklang befriedigt und entspannt in den Tag und durch den Tag kommt." Klaas Huizing, Theologieprofessor in Würzburg

Gott lässt sich auch im Sex entdecken

Gott und Sex passen laut Klaas Huizing also zusammen - nicht nur in Hollywoodfilmen. Jedoch auf eine andere, noch tiefere Weise, als man es im ersten Moment vermuten könnte. Gott bewertet nicht, auf welche Weise wir Menschen uns körperlich näherkommen. Gott ist einfach dabei und lässt sich entdecken - nicht nur in Kirchen und Gottesdiensten, sondern auch im Sex. Schade, dass diese Art, sich Gott zu nähern, von den Kirchen so wenig anerkannt oder verkündigt wird. Befreiter Sex könnte Menschen helfen, Gott neu zu entdecken. Und der Glaube könnte Menschen helfen, Sexualität neu zu entdecken.

"Ich sage meinen Studenten oft: Wenn Glaube einen versklavt, ängstlich macht oder bedrückt, wird er falsch verstanden. Dann sollte man sich nach etwas Anderem umschauen. Glaube macht nur Sinn, wenn er eine Entlastung für den Alltag ist. Glaube muss im Grunde genommen entstressend wirken - auch in der Sexualität." Klaas Huizing, Theologieprofessor in Würzburg

Autoren

Uwe Birnstein

Sendung

Evangelische Perspektiven vom 10.02.2019 - 08:35 Uhr