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"Hillbilly Elegie": verlogener Blick auf die US-Unterschicht | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: Netflix

Sozialdrama mal anders: "Hillbilly Elegie" kommt völlig ohne Gesellschaftskritik aus.

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"Hillbilly Elegie": verlogener Blick auf die US-Unterschicht

Die Buchvorlage beschrieb 2016 die sozialen Probleme der weißen US-Unterschicht. Davon ist im neuen Film "Hillbilly Elegie" von Ron Howard nichts mehr zu sehen. Was bleibt ist ein Feelgood-Movie – mit einem verlogenen Blick auf die US-Arbeiterklasse.

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Von
  • Moritz Holfelder

"Hillbilly Elegie" beginnt in den Appalachen, jener abgelegenen Region in Kentucky, die in einem alten Landeskundebuch der USA ehedem als Gegend beschrieben wurde, in der "die Bewohner in den Bergen leben, sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und nach Lust und Laune durch die Gegend ballern." Als Hill-Billies, als Hinterwäldler, werden die Einwandererfamilien in den Appalachen bis heute bezeichnet: weiß, kinderreich, gläubig und rückständig. So das Klischee. Sie lebten ziemlich isoliert und oft untereinander verfeindet in finsteren Tälern von ein bisschen Landwirtschaft und vor allem von der Schwarzbrennerei.

Die Ur-Oma des 13-jährigen Jade hört sich eine Predigt im Radio an, während der Junge mit dem Fahrrad zum nahen See fährt. Jade ist der Ich-Erzähler des neuen Films von Oscar-Preisträger Ron Howard ("A Beautiful Mind"). Der erzählt die Geschichte einer Familie über drei Generationen hinweg, immer munter zwischen verschiedenen Zeit- und Ortsebenen hin- und herspringend.

Familie und Gesellschaft in der Krise

Jade schafft es irgendwann, sich von seiner Herkunft aus einer zerrütteten Unterschichtsfamilie zu befreien: Der Vater hatte ihn zur Adoption freigegeben, nachdem die Mutter drogensüchtig wurde. Als Jurastudent an der Eliteuniversität in Yale bleibt er zerrissen – zum einen schämt Jade sich für seine Abstammung, zum anderen ist er doch auch stolz auf seine Familie, die alle Krisen irgendwie überstanden hat.

Wer nach der Wahl 2016 in den USA verstehen wollte, was die Donald-Trump-Fans antrieb, der konnte das unter anderem in dem autobiographischen Sachbuch von J.D. Vance nachlesen, das dem Film als Vorlage diente. Untertitel: "Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise". Der heutige Kapitalmanager und Autor beschreibt darin, wie der amerikanische Traum den ärmeren Menschen abhandenkam, vor allem durch die Globalisierung und daraus entstandene wirtschaftliche Entwicklungen. Auch in der deutschen Übersetzung wird deutlich, warum so viele Menschen einen tyrannischen Sexisten und Rassisten zum US-Präsidenten wählten.

Sonnig und drollig – Sozialdrama ohne Gesellschaftskritik

Wer nun Ähnliches von dem Film erwartet, wird bitter enttäuscht. Regisseur Ron Howard interessiert sich nicht für die soziopolitischen Aspekte des Buchs. Er möchte vor allem eine Geschichte vom Zusammenhalt einer Familie erzählen, sowie vom persönlichen Reifen seines Protagonisten – und das ohne gesellschaftskritische Zusammenhänge. Ganz nach dem Traumfabrik-Motto: Wie lassen sich arme Leute in Not so darstellen, dass daraus ein Hollywood-Feel-Good-Movie wird?

Die Sonne scheint, die Filmmusik von Hans Zimmer plätschert munter dahin und auf die US-Unterschicht wird geschaut, als wäre sie eine drollige Spezies auf einem fremden Planeten. Viele Drohnenaufnahmen stehen formal für diesen verlogenen Blick von oben herab. Da hilft auch die Starbesetzung nicht: Glenn Close gibt die Oma von Jade und wirkt so, als würde sie tatsächlich daran glauben, nur durch eine zerzauste Perücke und einen herabhängenden Mundwinkel zu einer Frau der Unterschicht zu werden; nicht anders Amy Adams als drogenabhängige Mutter, die kaum glaubhafter erscheint.

So sind die Bilder in "Hillbilly Elegie" zwar immer gut ausgeleuchtet, aber sie zeigen Menschen, die eben ausgestellt werden wie wunderliche Wesen. Man kann sie zwei Stunden lang beobachten, ohne sich wirklich für sie interessieren zu müssen.

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