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Hilfe für Politiker im Dilemma: Vor 100 Jahren starb Max Weber | BR24

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Max Weber (Foto, um 1900. Digitale Kolorierung)

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    Hilfe für Politiker im Dilemma: Vor 100 Jahren starb Max Weber

    Ob Flüchtlingsfrage oder Corona-Krise: Politiker stecken im Dilemma. Zwischen Prinzipientreue und Pragmatismus. Der Soziologe Max Weber gab ihnen mit der Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik ein hilfreiches Instrument in die Hand.

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    München, 28. Januar 1919. Studenten, Intellektuelle, Schriftsteller und Politikinteressierte füllen den Saal der Buchhandlung Steinicke in der Adalbertstraße. Sie wollen den Nationalökonomen und Soziologen Max Weber hören. "Politik als Beruf" ist der Titel seines Vortrags. Schon der erste Satz signalisiert den Zuhörenden, dass etwas Außergewöhnliches folgt: "Der Vortrag, den ich auf Ihren Wunsch zu halten habe, wird Sie nach verschiedenen Richtungen notwendig enttäuschen."

    Max Weber denkt grundsätzlich über Amt des Politikers nach

    "Enttäuschen?" Ja, denn Weber möchte nicht die aktuelle Situation in München kommentieren: Hier tobt der Kampf zwischen königstreuen Kräften und sozialistischen Arbeiter- und Soldatenräten, die den "Freistaat Bayern" ausgerufen hatten. Revolution liegt in der Luft – und Scheitern.

    Doch statt darüber etwas zu erzählen, denkt Professor Max Weber grundsätzlich über das Amt des Politikers nach: Auf welchen Werten soll sein Handeln fußen, wie kann er seine Vorstellungen in Handeln übersetzen? Max Weber zündet ein anderthalb-stündiges inspirierendes Feuerwerk von Gedanken, Zusammenhängen und Thesen. Enttäuschend dürften das am Ende die wenigsten Zuhörenden gefunden haben. Webers letzter Satz wird vielen im Kopf nachgehallt sein, als sie durch die Münchner Winternacht nach Hause gegangen sind:

    "Nur wer sicher ist, dass er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, dass er all dem gegenüber: 'dennoch!' zu sagen vermag, nur der hat den 'Beruf' zur Politik." Max Weber

    Merkel sieht Max Weber als Vorbild

    Hundert Jahre später in Davos am 23. Januar 2019: Präsidenten und Politiker, Manager und Vertreter der Zivilgesellschaft sind im Schweizer Bergdorf zusammengekommen, um über die Weltlage zu sprechen. Darunter die Führungsriege der Vereinten Nationen und der NATO, Friedensnobelpreisträger und Bosse der Weltkonzerne.

    Bundeskanzlerin Angela Merkel tritt ans Rednerpult. Sie bietet ihren Blick zu den Problemen der Welt, schildert die Bemühungen Deutschlands, das Klima zu schützen und den Frieden zu fördern. In ihrer Rede benennt sie einen Menschen, von dem sie gelernt hat, namentlich.

    "Ich sehe mich damit sozusagen auch in der Folge eines von mir sehr verehrten Soziologen, nämlich Max Weber, der vor genau 100 Jahren über die Verantwortungsethik für Politiker gesprochen hat – 'Politik als Beruf' –, uns Leitplanken aufgegeben und gesagt hat: Der Kompromiss ist ein Ergebnis verantwortlichen Handelns von Politikern. Wenn ich sehe, wie oft heute gesagt wird, dass der Kompromiss etwas nicht zu Akzeptierendes ist, etwas Schlechtes, etwas Negatives ist, dann will ich hier ausdrücklich sagen: Eine globale Architektur wird nur dann funktionieren, wenn wir insgesamt fähig zum Kompromiss sind." Angela Merkel

    Gegensätzliche Maximen: Gesinnungsethik und Verantwortungsethik

    Das muss man als Professor erst mal schaffen: Den Verantwortlichen der Welt hundert Jahre nach dem eigenen Tod als zukunftsweisendes Vorbild präsentiert zu werden. Und damit auch noch große Zustimmung bei den Vernünftigen der Welt einzuheimsen – und für Unmut bei denen zu sorgen – die nicht den Kompromiss suchen, sondern ihre nationalen Ego-Trips durchziehen möchten.

    In seinem Vortrag im Januar 1919 entwickelt Max Weber eine Idee: "Wir müssen uns klar machen, dass alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: Es kann 'gesinnungsethisch' oder 'veranwortungsethisch' orientiert sein. Nicht dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: 'der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim', oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat."

    Max-Weber-Platz in München erinnert nicht nur an Sozialethiker

    In München in unmittelbarer Nähe des bayerischen Landtags findet sich der Max-Weber Platz. "Viele meinen ja, der Max-Weber-Platz ist nach dem berühmten Soziologen Max Weber benannt", erklärt die Grünen-Politikerin Margarete Bause. "Tatsächlich wurde er aber nach einem Haidhauser Geschichtsschreiber gleichen Namens benannt und erst Ende der 80er Anfang der 90er Jahre gab es eine Initiative, den Max-Weber-Platz in Max-Weber-Platz umzubenennen. Diese Initiative war erfolgreich und mittlerweile beruft sich der Max-Weber-Platz auf zwei berühmte Max Weber in München: den Soziologen und den Geschichtsschreiber."

    Margarete Bause kennt den Bayerischen Landtag wie ihre Westentasche. 14 Jahre war sie hier Abgeordnete der Grünen, unzählige Debatten und politische Entscheidungen prägte sie mit. Seit 2017 gehört sie dem Deutschen Bundestag an. Das Hauptthema der Politikerin: Menschenrechte. Gerade Webers Differenzierung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik empfindet sie als hilfreich.

    "Ich glaube, dass in nahezu jeder Person, die Politik als Beruf gewählt hat, auch eine Mischung von beiden drin steckt, von Gesinnung, von ganz grundlegenden Überzeugungen. Und dann muss man natürlich gucken, mit welchem Mittel, mit welchen Bündnissen, mit welchen Kompromissen man diesen Zielen, die einem so wichtig sind, auch tatsächlich näher kommt." Margarete Bause

    Webers ethische Unterscheidung gegen Friedensbewegung

    Margarete Bause wurde von hohen Idealen in die Politik getrieben. Gleichstellung von Mann und Frau, Menschenrechte, Friedenspolitik, Umweltpolitik. Von Anfang an trat sie als Grünen-Politikerin für ziemlich hohe Ziele ein. In den 1980er-Jahren etwa, in der Aufrüstungsdebatte. Der eiserne Vorhang teilte noch die Welt, der Westen wollten mit einer neuen Aufrüstung den Osten zur Abrüstung zwingen, in Deutschland sollten neue Waffen stationiert werden.

    Die Friedensbewegung demonstrierte dagegen, viele Plakate zeigten Jesus, wie er ein Gewehr zerbrach. Hunderttausende protestierten – doch die Politiker ließen sich nicht von den Plänen ihrer Abschreckungspolitik abbringen. Im Bundestag ging es damals hoch her. Heiner Geissler, damals Generalsekretär der CDU, verwendete Max Webers ethische Unterscheidung, um gegen die Friedensbewegung anzugehen:

    "Der Pazifismus der 30er Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem unterscheidet, was wir heute in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen haben, dieser Pazifismus der 30er Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht." Heiner Geissler

    Max Webers Begriffe eignen sich offensichtlich in zweierlei Hinsicht sehr gut: Zum Streiten und zum Nachdenken über die eigene Haltung. Denn wie sollte eine Politikerin handeln, wenn sie sich pazifistischen Idealen verbunden weiß, wenn sie also der Überzeugung ist, dass Krieg nicht mit Waffen zu beenden ist, sondern nur mit Frieden und mit Schritten der Abrüstung? Was tun, wenn die eigene Gesinnung zu radikaler Friedenspolitik anhält – wohl wissend, dass sie trotz ihres hehren Zieles damit die Kriege auf der Welt nicht beenden wird?

    "Das Mögliche erreichen, indem man nach dem Unmöglichen greift"

    Politikerin Margarete Bause hat viele solcher inneren Zerreißproben durchlebt – und überstanden. Die härteste fand 1999 statt: Serbien führte einen grausamen Krieg um die Region Kosovo. Um weiteres Blutvergießen zu verhindern, wollte die NATO Kampfeinsätze fliegen. Ohne Zustimmung des Deutschen Bundestags ging das nicht. Die friedensbewegten Grünen stellten in einer Koalition mit der SPD die Bundesregierung. Nun steckten sie in einem Dilemma.

    "Da hatten wir tatsächlich auch diese Auseinandersetzungen wenn man so will zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik, also der Frage: Kann man mit einer absolut pazifistischen Position in einer Situation, wo ein brutaler Aggressor Völkermord begeht – ist das noch auch vor der eigenen Gesinnung her zu verantworten", erklärt Bause. "Alles was man tut oder nicht tut hat ja Folgen und für alles muss man Verantwortung übernehmen und gerade in der Politik und gerade in so einem Fall, wo es um Krieg und Frieden geht, wo es um Vertreibung und Ermordung geht, können wir dann nur sagen: Wir machen uns die Hände nicht schmutzig, wir greifen da nicht ein?"

    Die Grünen stimmten damals für den Kampfeinsatz und begründeten dies mit der humanitären Situation. "Das hat mich persönlich damals heftig umgetrieben, ich glaube es gab keine politische Entscheidung, die mich so tief umgetrieben hat", sagt Margarete Bause. Ein Satz aus der Rede Max Webers wirkt wie ein Motto über ihrem Beruf der Politikerin:

    "Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. Es ist ja durchaus richtig, und alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, dass man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre." Max Weber

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