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Highlights der Hofer Filmtage 2019 | BR24

© Filmtage Hof

Szene aus "1986" von Lothar Herzog, dem Gewinner des Goldpreis

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    Highlights der Hofer Filmtage 2019

    Heute gehen die 53. Hofer Filmtage zu Ende. Von den gut 140 Spiel- und Dokumentarfilmen, die auf dem internationalen Festival zu sehen waren, sollten Sie sich diese vier besonders merken. Darunter "1986" von Lothar Herzog, der Goldpreis-Gewinner.

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    Rund 35.000 Euro ist der Goldbarren wert, den die Friedrich-Baur-Stiftung auf den Hofer Filmtagen für den besten Debütfilm verleiht. Gestern Abend ging diese wichtigste Auszeichnung des Festivals an Lothar Herzog für seinen Film "1986", zu recht! Obwohl es auch noch andere sehr starke Filme zu entdecken gab, die hoffentlich bald einen Verleih bekommen und in die Kinos kommen.

    "1986" von Lothar Herzog

    "1986" und ist das Spielfilmdebüt von Lothar Herzog, einem in Berlin lebenden Regisseur und Drehbuchautor, der bislang vor allem Kurzfilme gemacht hat. Die Jahreszahl, die im Filmtitel steckt, weist auf den großen Themenkomplex der Handlung hin – es geht um die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Allerdings nur rückblickend, denn der Film spielt in der Gegenwart. Hauptfigur ist eine junge Frau namens Elena, eine Studentin aus Minsk, deren gesamtes Leben von dem Nuklearunfall beeinflusst ist. Nicht gesundheitlich, sondern seelisch: Ihr Vater hat nach der Havarie als Liquidator in der Zone gearbeitet und dort illegale Geschäfte mit kontaminierten Wertstoffen gemacht – bis zu dem Tag, an dem er verhaftet wurde. Es geht also um eine gestörte Vater-Tochter-Beziehung, aber auch um die Auswirkungen, die diese vergiftete Beziehung auf Elenas gesamtes Leben hat. Denn sie ist von Grund auf misstrauisch, was wiederum auf ihre Beziehung zu ihrem Freund abfärbt – eine Kettenreaktion auf emotionaler Ebene. Das Drama, das in Weißrussland ohne deutsche Darsteller und komplett auf russisch gedreht wurde, hat bei den Hofer Filmtagen den Hauptpreis erhalten: den Hofer Goldpreis.

    Kinostart: noch ohne Verleih, aber Lothar Herzog ist zuversichtlich.

    © Hofer Filmtage

    Szene aus "Coup" von Sven O. Hill

    "Coup" von Sven O. Hill

    Die Geschichte ist fast zu absurd, um wahr zu sein. Aber wenn man ein bisschen Seemannsgarn wegzupft und die nostalgische Verklärung abzieht, dann wird sich der millionenschwere Bankbetrug, der in "Coup" erzählt wird, schon ungefähr so zugetragen haben. Dokumentarfilmer Sven O. Hill hat für sein Spielfilmdebüt ein Hamburger Original interviewt. Sein Name und die aller anderen Beteiligten werden verschwiegen – aus nachvollziehbaren Gründen. Denn 1988 hat der Protagonist von "Coup", ein damals 22 Jahre alter Bankangestellter, festgestellt, dass er eigentlich nicht mehr arbeiten möchte. Also hat er nachgedacht, eine Sicherheitslücke im Börsensegment seines Arbeitgebers entdeckt, die Bank um 2,5 Millionen D-Mark erleichtert und sich nach Australien abgesetzt.

    Warum das scheinbar perfekte Verbrechen schlussendlich doch gescheitert ist, der tiefstapelnde Hochstapler aber ungeschoren davon gekommen ist, erzählt Sven O. Hill in einem herrlich unterhaltsamen Genremix aus Dokumentation, Spielfilm und liebevoll laienhafter Animation. Bei den Hofer Filmtagen wurde "Coup" mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino ausgezeichnet. Das dürfte auch Rocko Schamoni freuen, der in "Coup" eine Gastrolle als windiger Winkeladvokat übernommen hat.

    Kinostart: noch ohne Verleih, aber es gab ein paar Gespräche auf den Hofer Filmtagen und Sven O. Hill ist zuversichtlich.

    © Hofer Filmtage

    Szene aus "Kopfplatzen" von Savas Ceviz

    "Kopfplatzen" von Savas Ceviz

    Wie schwer es vielen fällt, über das Tabuthema Pädophilie zu reden, konnte man in Hof beobachten, wenn es um das Drama "Kopfplatzen" ging. Ob nach der Premiere beim Filmteam-Interview oder im direkten Gespräch: Früher oder später wurde nach Worten gesucht, um ja nicht etwas Falsches zu sagen oder so etwas wie Solidarität mit den Tätern zu signalisieren. Dass nicht jeder Pädophile automatisch Täter ist, sondern viele Betroffene unter ihrer sexuellen Neigung leiden und dagegen ankämpfen, will Regisseur und Drehbuchautor Savas Ceviz mit seinem Spielfilmdebüt deutlich machen. In "Kopfplatzen" spielt Max Riemelt einen Architekten, der sich in den kleinen Sohn seiner Nachbarin verliebt. Noch nie hat er sexuelle Handlungen mit Kindern vorgenommen, doch nun wird der Wunsch nach körperlicher Nähe bei ihm immer größer. Unweigerlich gerät er in eine Abwärtsspirale, die bald zu eskalieren droht.

    Auch wenn "Kopfplatzen" einige erzählerische Schwächen hat, das Hauptanliegen der Filmemacher bleibt unbenommen: Sie möchten das Tabu brechen und wünschen sich, dass das Thema Pädophilie öffentlich und vor allen Dingen sachlich diskutiert wird.

    Kinostart: voraussichtlich Frühjahr 2020

    © Hofer Filmtage

    Szene aus "Das Wunder von Taipeh" von John David Seidler

    "Das Wunder von Taipeh" von John David Seidler

    Für diese Dokumentation gab es bei der Premiere auf den Hofer Filmtagen Standing Ovations, Jubelrufe und außergewöhnlich langanhaltenden Applaus. John David Seidler, seit Jahren als Dokumentarfilmer mit Schwerpunkt Fußball tätig, hat eine Geschichte ausgegraben, die selbst Wikipedia nicht kennt. Noch. Denn spätestens wenn die PR-Maschine für "Das Wunder von Taipeh" anläuft, dürfte die Wissenslücke auch hier geschlossen sein. In seiner Dokumentation lässt Seidler ehemalige Spielerinnen der SSG 09 Bergisch Gladbach ihre Geschichte erzählen – nämlich die vom überraschenden Sieg bei der inoffiziellen Weltmeisterschaft im Frauenfußball 1981 in Taiwan. Zu dieser Zeit war Frauenfußball, der in Deutschland bis 1970 offiziell verboten war, vom DFB mehr geduldet als gefördert. Eine Frauennationalmannschaft gab es nicht. Also reisten die damaligen Rekordmeisterinnen aus Bergisch Gladbach nach Taipeh – und holten den Pokal trotz widriger Umstände.

    Angereichert mit historischem Filmmaterial erzählen Fußballerinnen wie Anne Trabant-Haarbach, Bettina Krug und Ingrid Nanzik anekdotenreich und witzig von schwierigen Spielbedingungen, chauvinistischem Gebaren und fehlender Anerkennung – vor, während und nach dem Wunder von Taipeh.

    Kinostart: unbekannt, seit der Premiere in Hof gibt es aber einen Verleih .

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