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Frauenpower oder -wahnsinn?

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    Heuschrecken-Fanatiker hört Stimmen: "Salome" als Bibel-Satire

    Ein Märchen ausdrücklich "nur für Erwachsene": Das Burghauser "Theater für die Jugend" zeigt die biblische Geschichte um Johannes den Täufer als Fundamentalismus-Tragikomödie. Herodes ist pervers, die Welt perverser. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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    Alle paar Minuten rutscht ihm eine Mini-Bibel aus dem Gürtel, aber König Herodes Antipas, der "Tetrarch" und unumschränkte Alleinherrscher von Galiläa schaut kein einziges Mal hinein. Stattdessen treibt er sich ausdauernd an der Tempelmauer herum, auf der Suche nach Lustknaben und -mädchen. Dieser Herodes nämlich ist vor allem ein perverser Masochist, für den sich Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Mario Eick vom Burghauser Theater für die Jugend die fernsehbekannte österreichische Leidensfigur Hermes Phettberg zum Vorbild genommen hat. Eick ließ sich von Oscar Wildes Drama "Salome" (1893) zu einer eigenen Textfassung der biblischen Geschichte inspirieren. Auch in diesem Fall wird Johannes der Täufer am Ende auf Wunsch der enttäuschten Prinzessin Salome enthauptet, aber anders als in der antiken Überlieferung haben die beiden zunächst tatsächlich eine echte Chance, miteinander glücklich zu werden. Schließlich ist Johannes seine Ideologie aber wichtiger als seine Liebe.

    Herodes bringt Johannes auf die eine Idee

    In dieser "Salome" geht es also in erster Linie um den Fanatismus des Propheten, der merkwürdiger Weise zunächst gar keine Lust hat, ein Fundamentalist zu werden. Herodes persönlich bringt Johannes erst auf die Idee mit der Gottsuche, der Heuschrecken-Diät, der Wüsten-Wanderung und der Taufe im Jordan. Als begnadeter Populist spielt der König glaubwürdig vor, wie heutzutage so ein Asket und Prediger erfolgreich sein könnte, nämlich mit emotionalen Appellen an die Wutbürger aller Zeiten und Länder. Johannes hält sich so sehr an die vergifteten Ratschläge des Tetrarchen, dass er am Ende selbst glaubt, mit Gott zu sprechen. Der allerdings kann schlecht zuhören.

    Himmlische Erlösung, irdische Erleichterung

    Mario Eick ist da eine intelligente, unterhaltsame und bitterböse Satire gelungen, weniger auf die Bibel, als auf Heilsprediger und Volkstribunen, die immer gern himmlische Erlösung und irdische Erleichterung versprechen. Herodes denkt bei seiner eigenen Taufe allerdings nur an die Frisur, lässt sich gern erotisch fesseln und löffelt dabei gierig Rote-Beete-Schaum. Herodias, seine skrupellose und kriegerische Zweitfrau, hat nichts anderes im Kopf, als die Golan-Höhen zu verteidigen und mit dem römischen Statthalter ins Bett zu steigen. Kein Wunder, dass deren Tochter aus erster Ehe, Salome, trotz reichlich Goldschmuck allmählich den Verstand verliert. Fast schafft sie es, mit Johannes ins Ausland zu gehen und ein neues Leben zu beginnen, aber eben nur fast. Eine schräge und überraschend heitere Lehrstunde über einen reichlich lüsternen und arbeitsscheuen Herodes, der bei weitem der Normalste von allen zu sein scheint, und das will was heißen.

    Kopf in der Silberschale

    Die Zuschauer bleiben über etwa 100 pausenlose Minuten gebannt bei der Sache, geben Szenen-Applaus und lachen herzlich, denn Herodes selbst verkündet ja, es sei alles nur Spiel. Trotzdem liegt der Kopf von Johannes am Ende dekorativ auf der Silberschale, und die königliche Familie stellt sich zum sardonischen Erinnerungsfoto auf. Schade, dass es in der Antike noch kein Facebook gab! Einmal mehr hat Mario Eick bewiesen, dass er und seine Truppe, darunter Bálint Walter als Johannes der Täufer, mit ganz geringem äußerem Aufwand höchst populäres, politisches Volkstheater machen können. Nach Erlösung sehnen sich doch alle, und wer wäre nicht gern ein neuer Mensch? Aber ohne Sex und Geld macht es halt keinen Spaß.

    Weitere Vorstellungen am 4. und 18. März, sowie am 15. April in der Burghauser Märchenalm.