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Herzchen-Kultur im Netz und die Folgen für die Liebe | BR24

© picture alliance / AA

Herzchen-Icon auf Instagram-Button

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    Herzchen-Kultur im Netz und die Folgen für die Liebe

    Das Herz gilt als universell verständliches Symbol – und ist Zeichen für Liebe und Menschlichkeit. Auf Instagram, Facebook und Co scheint dieses Symbol geradezu inflationär gebraucht. Was macht das mit der Liebe?

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    Die Philosophin Rebekka Reinhard befasst sich als Magazin-Herausgeberin viel mit den Themen Digitalisierung und Social Media. Ihrer Meinung nach ist die große Herausforderung in der digitalen Kommunikation - speziell wenn es um die Herzchen-Kultur gehe - herauszufinden: "Was ist echt, was ist echt gemeint? Und was ist fake, was ist nicht echt gemeint?"

    Echtes Herz oder Inszenierung?

    Allein auf der Chatplattform WhatsApp haben Nutzer die Auswahl zwischen über 20 unterschiedlichen Herzchen-Emojis: darunter kleine, pinke, tanzende Herzchen, ein in Schleife eingewickeltes Herz und ein großes rotes Herz, nicht gezählt die Smileys mit Herzchen-Augen, Herzchen-Wangen oder einem küssenden Herzmund.

    Diese Symbole könne man verschicken, um Zuneigung oder eine Freundschaftsbeziehung zu unterstreichen - meist spielten aber auch andere Absichten eine Rolle: "Was dient sozusagen nur dazu, mich selbst zu inszenieren, welche Herzchen benutze ich, um mich selbst in ein gutes Licht zu rücken und welche Herzchen benutze ich vielleicht auch, um mein Gegenüber zu manipulieren."

    Ein gesendetes Herzchen lasse die Freundin schon mal über die Meinungsverschiedenheit hinwegsehen oder bringe den Partner dazu, doch noch schnell die Spülmaschine einzuräumen, bevor ich nach Hause komme. Das funktioniere aufgrund seiner starken Symbolkraft, so Reinhard: "Wir leben ja längst nicht mehr in einer Kultur des Textes, der Schrift, sondern in einer Bildkultur. Kulturwissenschaftler sprechen ja schon seit langem vom sogenannten Iconic Turn, also von der bildbezogenen Wende, die natürlich durch die Digitalisierung noch mehr zugenommen hat. Damit ist einfach gemeint, eine Bildkultur die wirkt über Symbole, Icons, Ikonen, die früher natürlich auch, klar, eine religiöse Bedeutung hatten."

    Das Herz - Symbol für die ewige Liebe

    Ursprünglich entstammt das heute universell verständliche Herz-Symbol wohl den stilisierten Darstellungen von Feigen- oder Efeublättern - diese Blätter symbolisierten aufgrund ihrer Langlebigkeit bereits in vielen vorchristlichen Kulturen die ewige Liebe. Seit dem frühen Christentum verfestigte sich die Bedeutung des Symbols besonders durch die Herz-Jesu-Verehrung. Das durchbohrte Herz Jesu wurde – und wird von den Gläubigen auch heute noch - als Ursprung der Liebe, der Sakramente und sogar der Kirche selbst angebetet. Nach den Worten der Philosophin erreicht das Herz-Symbol viel schneller einen emotionalen Effekt, als es ein geschriebenes Wort je könnte.

    Wer das digitale Herzchen nicht nutzen möchte, der kann es - zumindest auf WhatsApp – auch umgehen. Schließlich gibt es hier noch eine große Anzahl weiterer Emojis: Luftballons, Tiere oder Blumen.

    Anders ist das auf der Social-Media-Plattform Instagram, derzeit mit rund einer Milliarde Usern das drittgrößte soziale Medium weltweit, nach Facebook und Youtube. Hier ist der herzförmige Button der einzige, mit dem man interagieren kann. Die Nutzer klicken auf Herz um zu zeigen, dass ihnen die Bilder, die von anderen gepostet werden, gefallen.

    Das Herzchen führt zur Ökonomisierung des Gefühls

    Herzchen zu verteilen wird auf Instagram meist von ökonomischen Absichten bestimmt, das Herz wird zu einer Währung. Je mehr ich davon vergebe, desto mehr bekomme ich zurück, desto mehr Geld kann ich gegebenenfalls mit dem verdienen, was ich verkaufe. Die ökonomische Sphäre sei heute total emotionalisiert, sagt die Philosophin Reinhardt. "Auf der anderen Seite sind aber auch unsere Gefühlswelten auf ganz subtile Weise von Marktmechanismen durchdrungen. Weil wir einfach Menschen sind, die immer schauen: Was bringt es mir? Ist dieses Gefühls-Investment, das ich da gerade im Begriff bin zu tätigen, ist es das wirklich wert."

    Kommunikation mit Abstand

    Reinhard plädiert deshalb für einen bewussteren Herzchen-Einsatz. "Indem wir unser Hirn und unser eigenes Herz benutzen, genau hinzuschauen, bevor wir irgendetwas liken, bevor wir eine WhatsApp-Nachricht verschicken und immer erstmal in sich reinfühlen und spüren, was genau wollen wir jetzt eigentlich damit machen?"

    Kommunikation mit Anstand

    Ein weiterer Tipp der Philosophin: Die digitale Kommunikation zwar mit Anstand, aber auch mit etwas Abstand betrachten, sich klar machen, dass sie eher wie ein Spiel funktioniert und nie so wichtig sein kann wie eine echte, analoge Beziehung. So gesehen könne uns dann das ein oder andere Herzchen, die ein oder andere Liebesbotschaft, vielleicht auch mal den Alltag versüßen: "Herzchen verschicken geht schnell und die Botschaft knallt, beruhigt und gibt einem auch, das muss man auch sagen, einen kleinen positiven Adrenalin-Kick, es werden Endorphine ausgeschüttet, zumindest für einen Bruchteil von Sekunden."