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Warum Herta Müller für ein Museum des Exils eintritt | BR24

© picture alliance/ZUMA Press

Herta Müller

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Warum Herta Müller für ein Museum des Exils eintritt

Das Wort "Exil" hat hierzulande noch immer einen kühlen Klang, anders als "Heimatvertriebener", so Herta Müller. Das will die aus Rumänien geflohene Dichterin als Schirmherrin eines Museums des Exils ändern. In München sprach sie über das Projekt.

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Herta Müllers eigene "Fahrt ins Exil" hat Ende Februar 1987 stattgefunden, mit dem Zug – und sie endete auf deutschem Boden in Nürnberg. Was die in Rumänien politisch Verfolgte dort in Franken bei der Registrierung im sogenannten "Übergangsheim" Langwasser erlebte, davon hat die Literaturnobelpreisträgerin später in Gedichten erzählt. Die Verlorenheit des Exils ist darin zu spüren, der Heimwehschmerz, und auch das, was sie "die normale Koffertrauer" nennt: "Der Beamte sagte: Jeder hat den Schädel voller Heimat, / doch die wohnt am Horizont. / Heißt also, dass der leichte Vogel beim Sitzen zuckt. / Ich sag dir, wieso: / Er hat sich beim Fliegen am Himmel verschluckt."

"Casablanca" als Beispiel für die Verleugnung des Exils

Wie ein zerbrechlicher, zitternder Vogel stand Herta Müller am Dienstag in der Münchner Pinakothek der Moderne und sprach über ihre Geschichte und die vieler anderer Künstler sowie über die Tabuisierung des Exils in Deutschland seit Kriegsende: "Es ist bitter, aber es liegt heute fast noch derselbe Schatten wie 1945 auf dem Thema Exil. Wer sich ins Exil retten konnte, galt damals nicht als Opfer, und für die Bundesregierung gelten die Geflohenen bis heute nicht als Opfer, die einen zentralen Gedenkort verdienen." Als Schirmherrin des "Museums des Exils" will Müller einen solchen Gedenkort – um darin die Schicksale der vielen Exilanten zu erzählen, die heute vergessen sind. "So wie der Schauspieler Conrad Veidt heute noch vergessen ist. Er war das Filmgesicht der Weimarer Republik. Er spielte im 'Cabinet des Dr. Caligari' den Cesare. Er trennte sich nicht von seiner jüdischen Frau wie Heinz Rühmann, den heute noch jeder kennt, und der statt ins Exil ins Führerhauptquartier fuhr, um mit Hitler über seine Filme zu sprechen."

Conrad Veidt ging 1933 ins Exil, landete schließlich in Hollywood und spielte 1942 in "Casablanca" mit, jenem späteren Film-Klassiker, über den Herta Müller sagt: "Man sieht in diesem Film die Verzweiflung im Exil, und man sieht anhand dieses Films heute die Verleugnung des Exils in Deutschland nach 1945." Denn neben vielen anderen Emigranten spielte in "Casablanca" der exilierte Conrad Veidt, Ironie der Geschichte, wie so oft – einen Nazi: den deutschen Major Strasser, der den Widerstandskämpfer Victor László sucht, um ihn zu verhaften. Herta Müller: "1952 kam 'Casablanca' dann in die deutschen Kinos und war um 25 Minuten kürzer als das Original. Alle Bezüge zum Exil waren herausgeschnitten. Es gab keinen Major Strasser oder andere Nazis, Victor László hieß nun Victor Larssen und war ein norwegischer Physiker, der ominöse Delta-Strahlen entdeckt hatte und von Interpol gesucht wurde. Aus dem bewegenden Film über das Exil wurde kitschiger Mist in der Tradition der 50er-Jahre, der Sissi- und Heimat-Filme."

Das kollektive Kopfwort "Exil" zum Herzwort machen

Das waren schlagende Beispiele dafür, wie man hierzulande lange Zeit das Thema Exil verdrängte und beiseite schob. Die wahre "Stunde Null", so Herta Müller, erlebe jeder Exilant am völlig fremden Ort seiner Zuflucht. Deshalb sei die "Stunde Null" für 1945 ein "gestohlener Begriff" – wie ihrer Meinung nach auch das Wort "Heimatvertriebener" im Deutschen seltsamerweise ein "Herzwort" ist, von dem ein "warmer Hauch" ausgehe. "Exil" aber klinge wie ein kaltes "kollektives Kopfwort". Die Heimatvertriebenen kamen nach Deutschland und wurden aufgenommen, so Müller, "waren alle in demselben einen Land. Ihr Ankommen bekam dadurch eine Struktur. Es gab für sie sogar ein eigenes Ministerium, also einen Staat, der sich um sie kümmerte. Die von den Nazis Vertriebenen waren und sind bis heute verstreut in der ganzen Welt. Da wartete kein helfender Staat, keine Struktur. Sie waren nirgends willkommen, und so lebte der Einzelne knapp geduldet in diesem Gefälle zwischen abgründigem oder glücklichem Zufall."

Es war eine eindrückliche Rede über das Exil, die Herta Müller gestern in München hielt. Bleibt die Frage, wann und wo das "Museum des Exils" Gestalt annimmt. Im Gespräch ist der Platz hinter dem Anhalter Bahnhof, dem einstigen Zentralbahnhof Berlins. Ein Ort mit Geschichte: Von hier aus sind Zehntausende ins Exil gefahren – unter ihnen George Grosz, Alfred Döblin und Heinrich Mann.

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