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Warum das Grundgesetz vor königlicher Kulisse entstand | BR24

© picture-alliance / imageBROKER, Montage: BR

Ein bedeutender Ort der deutschen Demokratie: Auf der Insel Herrenchiemsee fanden 1948 die Vorarbeiten zum Grundgesetz statt.

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    Warum das Grundgesetz vor königlicher Kulisse entstand

    1948 wurde auf Herrenchiemsee die Basis für das deutsche Grundgesetz gelegt - und damit für die Demokratie. Doch warum wurde als Versammlungsort ausgerechnet eine Insel ausgesucht, auf der Ludwig II. ein "bayerisches Versailles" erbauen ließ?

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    „Als am 10. August 1948 bei spärlicher Kerzenbeleuchtung im Alten Schloss der Verfassungskonvent feierlich eröffnet wurde, hörte die Elite der deutschen Staatsrechtler die Eröffnungsrede des bayerischen Staatsministers und Leiters der Staatskanzlei Anton Pfeiffer, der bescheiden sagte: Ich bin ein altmodischer Mensch. Deshalb möchte ich, wenn Sie es gestatten, in dieser Stunde den Heiligen Geist anrufen, damit er uns bei unserer Arbeit erleuchte.“

    So sprach einst Franz Josef Strauß über die Geburtsstunde des deutschen Grundgesetzes. Ja, das C im Namen der CSU hatte damals noch einen vollen Klang. Und Gottlob! rief Staatsminister Pfeiffer damals den Heiligen Geist an und nicht Ludwig Zwo, der ja eigentlich näherlag – schließlich tagte der Verfassungskonvent im Sommer 1948 im ehemaligen Speisezimmer des Märchenkönigs.

    Ein Monument vergangener Pracht der Monarchie

    75 Jahre vorher hatte der „Kini“ die Insel gekauft, um hier ein zweites Schloss Versailles zu errichten. Ein Monument, mit dem er die vergangene Pracht der Monarchie auf einem unbewohnten Eiland architektonisch zu reanimieren versuchte. Und diese Szenerie sollte die Kulisse für eine Zusammenkunft bilden, die erklärtermaßen im Zeichen demokratischer Ideen stand?

    Das offizielle Argument sei damals die Ruhe und Abgeschiedenheit gewesen, heißt es von Strauß. „Darin klang vielleicht eine Erinnerung an die Wahl Weimars für den Ort der Tagungen der verfassungsgebenden Nationalversammlungen 1919 nach.“

    Gegen die "Preußen"

    Doch die Bayern, allen voran die noch unschuldigen CSUler, beriefen sich eben beileibe nicht auf irgendeinen Weimarer Geist. Vielmehr schoben sie das katastrophale Scheitern der ersten Republik auch auf deren zentralistische Konstruktion. Und damit auf die „Preußen“, die deshalb die Marschrichtung dieses Mal auf keinen Fall diktieren durften.

    Während es die Bayern ja schon immer, sprich: seit 1848, besser gewusst haben, als sie sich dagegen sträubten, dass ihr herrliches Land von einem deutschen Einheitsstaat geschluckt würde. Den Verlust von Hoheitsrechten konnte der bayerische König Maximilian II. damals verhindern. Sein Veto führte dazu, dass die Nationalversammlung scheiterte. Nicht verhindern konnte er allerdings, dass etwas später sein wahnsinniger Sohn Bayerns Souveränität aufgab und Preußens Kaiser Wilhelm anerkannte, und zwar nur, weil er das Schmiergeld für seine Protz- und Prunkbauten brauchte. Eine frühe Amigoaffäre, peinlich, peinlich.

    Ein neues Image für Herrenchiemsee

    Psychologisch war es also nachvollziehbar, dass die bayerische Staatsregierung das Image der Insel Herrenchiemsee umdeutete, indem sie hier jetzt Sachverständige und Politiker aus ganz Westdeutschland bei gutem Essen und Zigarren vereinte. So hoffte sie, Einfluss auf eine künftige Verfassung zu nehmen. „Der Genius loci, der war und ist bayerisch. In dem Fall sogar altbayerisch“, sagte Strauß.

    Also letztlich doch irgendwie königstreu. Die neubayerischen Stämme Franken, Schwaben und die Pfalz hatten 1848 nämlich durchaus heftig, aber vergeblich die Abschaffung der bayerischen Monarchie gefordert und versucht, eigene Republiken auszurufen. Separatistische Bestrebungen, die der König mit Gewalt niederschlagen ließ. Es grenzte also an Geschichtsklitterung, wenn Strauß 40 Jahre nach dem Verfassungskonvent und 140 Jahre nach der gescheiterten Paulskirchenverfassung den altbayerischen Geist auf Herrenchiemsee beschwor als: „Nicht idyllisch, ländlich, gemütlich, urwüchsig oder folkloristisch, sondern föderalistisch.“

    Ein rätselhafter Vergleich

    So ein Mia-san-Mia-Gefühl scheint ein dehnbarer Begriff zu sein. Doch das hohe Diskussionsniveau der geladenen Herren führte tatsächlich dazu, dass auf Herrenchiemsee ein respektabler, 95 Seiten umfassender Rohentwurf eines Grundgesetzes entstand. Er beinhaltete das Konzept eines Staatsgebildes, bestehend aus Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat. Als Namen bestimmten die meisten Konferenzteilnehmer die Bezeichnung Bund deutscher Länder.

    Ein wenig rätselhaft war nur der Vergleich, den der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei Anton Pfeiffer für sein Schlusswort im ehemaligen Speisezimmer des „Bayernkinis“ wählte. Er bezeichnete das Stück, das in den vergangenen zwei Wochen hier gebacken worden war, als Pastete. Nicht gerade volksnahe Kost. Die Abgeordneten der Länder kauten an dem Brocken ziemlich herum, bis eine endgültige Verfassung zu Wege gebracht war. Logisch, dass sich der Bayerische Landtag dann traditionsgemäß nicht ein- und unterordnen konnte und mit 101 zu 63 Stimmen gegen das deutsche Grundgesetz stimmte.

    Die Beiträge zur kulturWelt-Serie "70 Jahre Grundgesetz":

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