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In Herbert Kapfers Buch "1919 Fiktion" spricht die Zeit selbst | BR24

© dpa/picture alliance

Kriegsschiff der deutschen Marine "Prinz Eugen" im Einsatz

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    In Herbert Kapfers Buch "1919 Fiktion" spricht die Zeit selbst

    Herbert Kapfer hat Hunderte von Quellen aus dem Jahr 1919 zu einem Buch montiert: Auszüge aus Romanen, Aufsätzen, Utopien. So macht er den Versuch die Frage zu beantworten, was der Krieg und die deutsche Niederlage mit den Menschen gemacht hat.

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    "Die Stadt unter dem Meere", ein deutscher Science-Fiction-Roman, der im Jahr 1919 spielt, dem Jahr nach der katastrophalen Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg. Die kaiserliche Marine liegt auf dem Meeresgrund. Sie hat sich selbst versenkt. Doch der Roman dreht die Geschichte einfach um: Eine geheime U-Boot-Flotte baut an einer Wunderwaffe, mit der Deutschland die Welt erobern soll: "In der ganzen Welt wurde von einer geheimen U-Boot-Basis im Mittelmeer gesprochen. Ganze Geschwader der Gegner suchten die Küsten immer und immer wieder ab. Nichts! Nichts! Niemand hatte eine Ahnung, dass sich im eigenen Lande eine unterirdische deutsche Werkstätte befinde, die Granaten und Torpedos herstellte."

    Hunderte von Quellen aus dem Jahr 1919

    Es ist schon beklemmend, wie hier eine Roman-Handlung aus dem Jahr 1919 den Aufstieg des deutschen Führerkultes und die Endsieg-Fantasien der Nazis vorwegnimmt. "Die Stadt unter dem Meere" von Joseph Delmont ist nur eine von hunderten von Quellen aus dem Jahr 1919, die Herbert Kapfer jetzt zu einem Buch montiert hat: Auszüge aus Romanen, Aufsätzen, Utopien - von Revolutionären, Kriegsverbrechern, dadaistischen Künstlern und Vagabunden. Hier spricht die Zeit selbst: Was hat dieser Krieg und die deutsche Niederlage mit den Menschen gemacht? Welche Hoffnungen, Ängste, Visionen entstehen in ihren Köpfen?Herbert Kapfer: "Ich sehe diese katastrophale Niederlage in einer Größenordnung, wie sie vorher geschichtlich nicht da war."

    Für ein imaginäres Deutschland

    Hunderttausende geschlagene deutsche Soldaten kehren heim, gezeichnet von traumatischen Fronterlebnissen, ohne Perspektive in der Heimat. Herbert Kapfer: "Die Ordnung, mit der ich gelebt habe, ist dahin. Für immer dahin. Wer sind wir? Was machen wir?" Eine Welt der Armut, des Hungers, der Revolutionswirren, der Orientierungslosigkeit: "Die Welt ist zerbrochen, und eine andere – und was für eine sie ist, das ist nicht klar. Und das zieht sich durch alle Schichten." Viele Soldaten verleugnen die Realität der Niederlage. Sie kämpfen einfach weiter. In Freikorps. Sie schlagen die Revolutionen in Berlin und München nieder, und ziehen dann nach Osten, führen weiter Krieg, in eigenem Auftrag, für ein imaginäres Deutschland.

    © Porträt von Ursula Litzmann/dpa picture alliance

    Rechtsnationaler Autor Ernst von Salomon

    Herbert Kapfer zitiert in seinem Buch ausführlich die Erinnerungen von Ernst von Salomon, der im Baltikum an zahlreichen Massakern beteiligt war: "Das Gewehr bebte zwischen meinen Knien wie ein Tier. Auf der Brücke purzelten sie, fielen sie, platschten ins Wasser. War es nicht, als spürte ich an den zuckenden Metallteilen des Gewehrs, wie das Feuer in warme, lebendige Menschenleiber schlug? Satanische Lust, wie, bin ich nicht eins mit dem Gewehr? Bin ich nicht Maschine – kaltes Metall? Hinein, hinein in die wirren Haufen. Wann bot sich je einem Gewehre solch ein Ziel?" Dazu Herbert Kapfer: "Das war auch etwas Neues. Denn das waren Attacken gegen Zivilbevölkerung. Das war eben nicht ein militärischer Kombattant, sondern da kam die volle Härte eines völlig asymmetrischen Krieges, von Leuten, die eigentlich gar keinen Auftrag hatten, sondern als Deutsche unterwegs waren."

    © dpa/picture alliance

    Propaganda-Postkarte des österreichischen Flottenvereins

    In Kapfers Buch kann man unmittelbar nachvollziehen, wie sich hier eine ganze Nation radikalisiert, auf der Suche nach einem Ausweg aus der unerträglichen Lage. Und das Überraschende: Vieles davon erinnert fatal an unsere Gegenwart. Herbert Kapfer: "Ein Hang zu autoritären Lösungen, Sehnsucht nach einer starken Hand, völkisches Denken überraschenderweise, das auch wieder kommt. Auch ein radikaler Nationalismus und Antisemitismus. Auch wenn wir heute in einer völlig anderen Situation leben, stellt man natürlich fest, dass sich Verbindungen von selbst einstellen. Nämlich Menschen, die eben nicht genau wissen, in was für einer Gesellschaft lebe ich? Wo soll das eigentlich alles hinführen? Wie werden sich diese ganzen wirtschaftlichen Entwicklungen - Globalisierung usw., die immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen – wie wird sich das auf mein kleines Leben auswirken?” Ein spannendes, hochaktuelles Buch, das ausschließlich aus zeitgenössischen Quellen besteht, und das sich doch selbst liest wie ein Roman.

    Herbert Kapfer: "1919 Fiktion", Verlag Antje Kunstmann München, 440 Seiten, 25 Euro.

    Am 13. März liest der Autor um 20.00 Uhr im Literaturhaus München, am 21. März um 19.00 Uhr in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig , am 3. April um 19.00 Uhr im Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe.

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