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Over- und Badacting als Grundprinzip: "Amphitryon" in Berlin | BR24

© Bayern 2

Herbert Fritsch, einst Schauspieler an Frank Castorfs Volksbühne, hat sich vor etwa zehn Jahren als Regisseur neu erfunden und inszeniert heute eine Art Turbo-Spaßtheater. An der Berliner Schaubühne hat er sich nun Molières "Amphitryon" vorgeknöpft.

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Over- und Badacting als Grundprinzip: "Amphitryon" in Berlin

Herbert Fritsch, einst Schauspieler an Frank Castorfs Volksbühne, hat sich vor etwa zehn Jahren als Regisseur neu erfunden und inszeniert heute eine Art Turbo-Spaßtheater. An der Berliner Schaubühne hat er sich nun Molières "Amphitryon" vorgeknöpft.

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Das ist ja auch der Hammer: Da kommt man aus dem Krieg nach Hause und muss feststellen, dass man schon da ist: Zuhause bei der Gattin, im Ehebett. Das ist es, was Amphitryon und seinem Diener Sosias geschieht. Dass es zudem gleich auch noch Götter waren, um nicht zu sagen in einem Fall der Göttervater höchstpersönlich, der sich da verkleidet ins Gemachte gesetzt hat, macht die Sache auch nicht besser. Denn wer einmal wie die Amphitryon-Gattin Alkemene von Nektar und Ambrosia gezüngelt hat, wer will sich danach noch mit Wein und Bier begnügen?

Für Herbert Fritsch liegt nach eigenen Worten im Motiv vom Doppelgänger und in der Verwechslung das Grundprinzip der Komödie verborgen. Und wer nach rund 100 Minuten die Schaubühne in Berlin wieder verlässt, muss zugeben: Mehr braucht es tatsächlich nicht.

Herbert Fritsch, der Meister der hochgetunten Komödie

Wohl sehr bewusst hat sich Herbert Fritsch, der Meister der hochgetunten Komödie nicht für Heinrich von Kleists tiefbohrende Version entschieden, die den mythischen Fall mehr tragisch als komisch durchdekliniert, sondern für Molières Vorlage aus dem Jahr 1668, die den Plot als funkensprühendes Barockfeuerwerk abfackelt.

© Schaubühne Berlin / Thomas Aurin

Staunt seinen vielen schlechten Pointen mit verzerrter Miene hinterher: Joachim Meyerhoff (links), hier mit Bastian Reiber in "Amphitryon"

Und das Gleiche tut nun Herbert Fritsch: Indem er mit seinen regenbogenfarbenen Papiergassen die Barockbühne zitiert und mit Federboa und Kriegerröckchen gleich noch die Barockkostüme dazu parodiert. Und: Indem er sein Ensemble in einem irrwitzigen Tempo gleich ein ganzes Kaleidoskop von Theaterformen auffächern lässt, das von der Clowneske bis zum Menuett, vom Musical bis zum Krimi und vom Melodram bis zur Commedia dell'arte reicht. Dass dabei das Over- und Badacting die grundlegende Spielhaltung ist, ist hier System, und macht bei so viel Schauspielkunst des gesamten Ensembles gerade erst den hohen Reiz und die Komik dieses Theaterabends aus.

Schreck lass nach, was ist die Pointe schlecht

Zwar heißt das Stück "Amphitryon", doch die eigentliche Hauptrolle darin ist die des Dieners Sosias, dem der Doppelgänger in Gestalt des Götterboten Merkur auch ganz physisch an den Kragen geht. In Berlin spielt ihn Joachim Meyerhoff, der Star des Wiener Burgtheaters, der nach 14 Jahren Österreich verlassen hat, um nun an der Schaubühne neu zu beginnen. Allein zu sehen, wie er mit verzerrter Miene seinen vielen schlechten Pointen nachstaunt, ist eine Wucht.

Natürlich gibt es auch in dieser Inszenierung jene kurzen Einsichten in die tiefere Bedeutung, in denen der Spaß ein Ende hat und jene zeitlose Kränkung hervorschimmert, die es für den Menschen bedeutet, nicht einzigartig zu sein. Bei Herbert Fritsch sind das nur ganz kurze Schreckmomente, doch gerade sie sind es, die seine Komödien so stark machen.

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