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Helmut Schleich als Franz Josef Strauß
© BR/Jacqueline Krause-Burberg

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Judith Heitkamp
© BR/Jacqueline Krause-Burberg

Helmut Schleich als Franz Josef Strauß

Er ist ein großer Parodist und verkörpert Franz Josef Strauß ebenso überzeugend wie Uli Hoeneß, die Queen, Andrea Nahles oder Josef Ratzinger, den Papst in Rente: Helmut Schleich. Judith Heitkamp im Gespräch mit Helmut Schleich über Kunstfiguren, das reale Leben, den privaten Schleich und Typen in der Politik.

Judith Heitkamp: Wer sind Sie gerade und wie viele?

Helmut Schleich: Ich habe mich dazu entschlossen, um diese Uhrzeit alleine zu erscheinen.

Ist das der Fluch des Kabarettisten, dass alle immer erwarten, dass man jetzt noch eine Pointe draufsetzt?

Naja, es ist natürlich auch die Berufung und die Aufgabe des Kabarettisten, auf alles eine Pointe und eine Polemik und einen Spott zu setzen. Freilich erwarten die Leute von mir, dass ich als Strauß sofort zu jeder Lebenslage und zu jeder Situation einen Kommentar loslassen kann, es passiert mir auch, dass mitten in der Stadt Leute plötzlich stehen bleiben: "Uuii, der Herr Strauß!" Was soll man sagen – das ist lustig, manchmal ist es auch vielleicht nur lustig gemeint, aber es ist auf jeden Fall charmant und nett. Und es ist ja auch schön, wenn einen die Leute kennen und mögen.

Bedienen Sie es dann spontan?

Na, das mache ich nicht. Da fangen wir nicht an, der Straßenbahn-Kabarettist zu werden ...

Ich habe zu diesem Jubiläum, 50. Sendung Schleich-Fernsehen, ein bisschen in der BR-Mediathek gestöbert und mir auch die Lebenslinien über Sie angeguckt, das große Porträt-Format des BR-Fernsehens. Sie auf der Bühne und Sie privat – kommt einem fast vor wie zwei verschiedene Leute. Wie würden Sie denn den privaten Menschen Helmut Schleich beschreiben?

Ich glaube nicht, dass das so weit auseinander ist. Natürlich bin ich privat nicht von früh bis spät zu Hause der Spaßvogel, aber das, was mich privat beschäftigt, was mich ärgert, was mich erheitert, fließt zum Glück in diesen Kanal, der sich auf der Bühne kreativ und erheiternd ergießen kann. Das ist ein großes Privileg gegenüber anderen Menschen, die sich genauso viel ärgern, aber solche Dinge nicht in diesem Forum loswerden können. Insofern hängen diese beiden Helmut Schleichs, der auf der Bühne und der private, schon zusammen ...

... logischerweise zusammen – aber auch wenn Sie mir gegenübersitzen: Sie sind vorsichtig, Sie formulieren vorsichtig, die Stimme ist ein bisschen zurückhaltender – es ist so, als könnten Sie die Bühnenpräsenz an- und ausschalten.

Ich denke, das ist bei vielen Kollegen so, dass sie auf der Bühne eine gewisse andere Identität und eine gewisse Figur geben. Ich bin ja auch ganz gern mal privat, da bin ich nicht so unter Strom. Ist ja auch wichtig.

Auch Andrea Nahles hatte schon ihren Auftritt bei SchleichFernsehen

Auch Andrea Nahles hatte schon ihren Auftritt bei SchleichFernsehen

Was verändert sich, wenn Publikum da ist?

Die Anspannung, manche sagen Lampenfieber – das ist es aber nicht nur. Letztlich ist es der Respekt vor den Leuten, die kommen, dass man sich dann auch anstrengt, dass es was Gescheites wird, das gehört schon dazu.

Sie haben mal eine Zeitlang damit ausgesetzt, vor Publikum live aufzutreten. Konnten Sie das entbehren?

Ich konnte das schon gut entbehren, habe aber gemerkt, dass dieser Auftritt vor Publikum meine künstlerische Basis ist, meine künstlerische Heimat. Deswegen habe ich mich schon sehr gefreut, als ich zurückgekehrt bin auf die Bühne letztes Jahr im Mai, mit einem neuen Programm, bei dem ich im Übrigen viele der Figuren aus meinem Repertoire weggelassen habe. Ich mache sehr viel mehr Schleich pur mittlerweile und nehme die Figuren nur zu Kurzauftritten dazu. Da hat sich bei mir in dieser kreativen Pause auch künstlerisch was verändert.

Wobei eine Parade-Rolle bleibt, Franz Josef Strauß. Sie werden – Sie haben es erzählt – sogar angesprochen als "Herr Strauß" auf der Straße, den Sie auch wirklich bis hin zur Körpersprache imitieren. Was ist das Wichtige an der Körpersprache von Strauß?

Es ist bei allen Figuren so, dass sie auf der Bühne sehr stark von ihrer Körperlichkeit geprägt sind, die Haltung, die Stimme, das ist bei Strauß das Bullige, das Wuchtige, das "Hier bin ich, jetzt explodier ich gleich", das ihn für mich zu einer interessanten satirischen Figur macht, zu einer satirischen Waffe. Weil er in diesem Dreieck Brutalität – Sentimentalität – Vitalität, in dem ich diese Figur beschreibe, sehr bayrisch, ja archetypisch bayerisch ist.

Helmut Schleich als Uli Hoeneß

Helmut Schleich als Uli Hoeneß

Sie legen ihm oft andere Ansichten oder untypische Ansichten in den Mund. Was aber nur funktioniert, solange das Publikum weiß, was die typischen Ansichten sind. Ändert sich das eigentlich bei jungen Zuschauern, die sich nicht mehr so genau auskennen in den bundesdeutschen Streitfragen vor 30, 40, 50 Jahren, als Strauß so präsent war?

Natürlich ist das so, der echte Strauß ist eine historische Figur. Wenn junges Publikum bei mir im Theater ist, dann sprechen die mich hinterher an – die können das ja schnell googlen, auch in der Pause – und dann sagen die zu mir, der echte Strauß sei ja gar nicht so lustig gewesen. Will heißen: Die nehmen die Kunstfigur einfach als Kunstfigur. Weil er ja auch ein archetypischer Bayer und verbaler Gewaltmensch ist, und mit dieser Art zu formulieren und polemisch zu werden hat er ja auch als Kunstfigur eine Qualität.

Für welche Politiker ist man als Kabarettist heute besonders dankbar?

Neu in der bayerischen Politik in der ersten Reihe gehört mit Sicherheit Hubert Aiwanger dazu. Bei anderen wird es schwieriger. Ich habe in der aktuellen Folge SchleichFernsehen zum ersten Mal Gerhard Schröder gemacht. Hatte ich noch nie gespielt. Ich war sehr überrascht, wie nah die Optik hinkommt, mit entsprechender Maske, das ist wirklich verblüffend. Und ich habe da auch gemerkt, was für eine Type Schröder war und wie wenig Typ dagegen die Frau Merkel ist. Wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, an dieses Nicht-Typ-Sein in der Politik. Das kann man jetzt gut oder schlecht finden – ich finde es eher schade.

Wen treffen wir noch in der 50. Sendung?

Morgen geht die Sicherheitskonferenz an, man kann auch sagen, die Waffenhändler-Weltmesse. Ursula von der Leyen muss sein, dann Franz-Josef Strauß, es hilft ja nix, Andi Scheuer, und dann haben wir einen schönen Rückblick mit vielen Figuren von König Ludwig II. über Uli Hoeneß über Kim Jong Un und Kardinal Marx. Schöne Zusammenstellung.

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Judith Heitkamp

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kulturWelt vom 14.02.2019 - 08:30 Uhr