© Christian Kleiner/Nationaltheater Mannheim

Der "Elefantengeist" predigt im Rollstuhl

Morgen Abend wird am Nationaltheater Mannheim das neue Stück "Der Elefantengeist" von Lukas Bärfuss uraufgeführt. Tatsächlich sammelte Helmut Kohl Elefanten-Figuren, die teilweise im Deutschen Historischen Museum Berlin ausgestellt sind. Dieses Hobby inspirierte Bärfuss offenbar zu einem Stück über den Altkanzler, in dem es um Machtstrukturen und die deutsche Geschichte geht. Aus diesem Anlass sprach Barbara Knopf für die kulturWelt auf Bayern 2 mit dem Schweizer Autor.

Barbara Knopf: Auch, wenn Angela Merkel die Vertrauensfrage nicht stellen will, irgendwie scheint ihre politische Zukunft ja doch verbunden mit einer Schicksalsfrage für Deutschland, ja Europa. Wie wird es weitergehen, wie gehen Politiker überhaupt mit Macht um? Das ist eine Frage, die weit über die politische Bühne hinaus auf echten Theaterbühnen verhandelt werden kann. Herr Bärfuss, der “Elefantengeist“ ist ein Auftragswerk. Haben Sie als Schweizer die notwendige Distanz zu einem Epoche machenden deutschen Bundeskanzler

Lukas Bärfuss: Ja, das mag vielleicht zutreffen, aber ich fühle mich natürlich schon als „Kulturdeutscher“. Es ist meine Sprache, es ist auch meine Kultur. Ich habe meinen Verlag in Deutschland, ich habe den größten Teil meiner Stücke in Deutschland uraufgeführt, deshalb fühle ich mich da gar nicht so sehr als Fremder.

16 Jahre lang war Helmut Kohl Kanzler, von 1982 bis 1998, letztes Jahr ist er gestorben. Auf was haben Sie sich denn konzentriert?

Zu Beginn eigentlich auf nichts. Ich habe diesmal sehr breit recherchiert, ich kam auch gerade aus einer anderen Recherche zur deutschen Innenpolitik in den Achtzigerjahren. Als die Sandra Strunz mich dann gefragt hat, die Regisseurin, ob ich dazu bereit wäre, war ich natürlich schon in der Materie drin, und ich muss sagen, dass mein Bild bis von Helmut Kohl bis dahin ein sehr ambivalentes war. Der „Kanzler der Einheit“, europäische Versöhnung und gleichzeitig natürlich immer diese Korruptionsaffären. Nein, ich mache eigentlich immer bei jedem Stück, bei jedem Buch, das ich schreibe, einen großen Lernprozess durch. Aber so viel wie dieses Mal habe ich noch nie gelernt, muss ich sagen.

Der "Elefantengeist" beim Bewundern seiner Sammlung

Der "Elefantengeist" beim Bewundern seiner Sammlung

Was haben Sie denn gelernt?

Ich habe gelernt, dass es zum Beispiel so etwas wie eine Entnazifizierung nicht gegeben hat. Ich habe gelernt, dass der Versuch von Helmut Kohl, die alten Nazis in der Partei zu integrieren, dass ihn das eigentlich die ganze Zeit über beschäftigt hat. Auch, dass er einen faustischen Pakt eingegangen ist mit den Industriellen, die ja durch Arisierungen im Dritten Reich zu ihrem Vermögen gekommen sind, also den Flicks, dem Fritz Ries.

Geht es bei diesem faustischen Pakt auch um seinen eigenen Machtverlust? Wie ist er damit umgegangen? Es trägt ja doch durchaus Züge einer antiken Tragödie, dieser Aufstieg, und letztendlich hat der Mann ja einen Preis dafür bezahlen müssen.

Das spielt sicher eine Rolle. Ich habe nur den Eindruck, dass bereits seine Mythologisierung eingesetzt hat ein Jahr nach seinem Tod, der gilt eigentlich nur noch als großer Staatsmann, als Kanzler der Einheit, und die dunklen Seiten seiner Persönlichkeit, die werden weggewischt. Uns geht es gar nicht darum, ein Denkmal vom Sockel zu stürzen, sondern dass man, wenn man unsere aktuelle Zeit mit den rechtsextremen Umtrieben zum Beispiel verstehen will, dass man dann gut beraten ist, die Vergangenheit in den Blick zu nehmen und sich schonungslos mit ihr auseinanderzusetzen.

Mit der Krone auf dem Kopf

Mit der Krone auf dem Kopf

Wobei ich in der Vorankündigung gelesen habe, das liest sich ein bisschen wie Science-Fiction, also in die Zukunft gerichtet, dass Wissenschaftler den Kanzlerbungalow freilegen. Was finden Sie da?

Sie finden natürlich eben diesen Elefantengeist, der sich immer noch in diesen Ruinen aufhält und keine Ruhe gibt. Aber Science-Fiction ist es eigentlich nicht. Ich glaube, die archäologische Expedition hat sehr viele Parallelen mit einer Parteienstruktur, mit der Art und Weise wie ja in einer bürgerlichen Partei Politik betrieben wird. Sie hat auch viel zu tun natürlich mit dem Ensemble. Man findet sich zusammen in einer Gruppe, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, und mir ging es nicht irgendwie um Science-Fiction oder Raumschiffe oder Zukunftstechnologie, sondern eigentlich um die soziale Struktur.

Die Parteienstruktur steht ja jetzt auch im Fall von Angela Merkel sehr im Vordergrund. Wird sie gestützt, wird sie nicht gestützt, kann man überhaupt Parallelen ziehen von Helmut Kohl zu dem derzeitigen Parteien-System? Sehen Sie Parallelen? Sehen Sie Gefahren?

Ja, eindeutig. Man muss ja wissen, dass Frau Merkel natürlich ihr politisches Handwerk auch unter Kohl gelernt hat. Wenn man zum Beispiel sieht, wie sie ohne Nachsichtigkeit ihre politischen Gegner aus dem Weg geräumt hat, dann sieht man sehr viele Parallelen zum Stil von Helmut Kohl. Ich fand auch jetzt bei der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU es sehr erstaunlich, dass sich der Gegenkandidat eigentlich rechtfertigen musste, dass er überhaupt antrat. Ich glaube, der Herr Kauder war dreizehn Jahre ohne Gegenkandidat, und das gehört doch zur politischen Kultur, auch zur innerparteilichen politischen Kultur, dass es eine Vielfalt gibt. In der CDU ist Vielfalt natürlich eigentlich ein Problem, das sehen Sie schon an der Tatsache, wie viele Parteivorsitzende es seit 1972 gegeben hat. Es waren zwei, mit einem kurzen Intermezzo durch Herrn Schäuble von zwei Jahren, aber das zeigt doch, dass es eine sehr hierarchische und sehr autoritäre Kultur gibt in dieser Partei.

Mürrische Mienen im Kanzlerbungalow

Mürrische Mienen im Kanzlerbungalow

Auch eine Machtzementierung. Man sagt ja auch immer, das fällt den heutigen so schwer, von der Macht zu lassen. Aber vielleicht lässt ja auch die Macht die Mächtigen nicht los?

Ja, das ist sicher so. Ich glaube, dazu kommt natürlich eine Traumatisierung in Deutschland durch die Instabilität in der Weimarer Republik, das man eigentlich keine Unruhe will. Und wenn sich dann mal jemand durchgesetzt hat, an die Spitze gekommen ist, dann will man eigentlich sehr lange dort bleiben, bis zum bitteren Ende, und das Ende ist eigentlich immer bitter, also die Übergänge, die Machtübergabe, das ist in Deutschland immer mit sehr viel Blut und Tränen verbunden.

Gäbe es dann einen Tipp, wie man sich besser mit der Vergangenheit auseinandersetzt? Ihr Stück zielt offensichtlich darauf, dass man das für die Zukunft besser lösen könnte, loszulassen?

Ja, das wäre sicher einen Versuch wert. Ich bin noch nicht sicher, ob man das auf individuelle Individuen übertragen kann. Ich glaube, da gibt es auch strukturelle Gründe und das hat mich eigentlich am meisten umgetrieben. Ich muss sagen, dass die Kontinuität der nationalsozialistischen Eliten im Nachkriegsdeutschland eigentlich mehr oder weniger weiterging. Von 7,5 Millionen NSDAP-Mitgliedern 1945 wurden nur 6500 verurteilt. Das ist weniger als ein Promille, und die haben es natürlich geschafft, auch ihre Kultur in diese neue Republik hineinzutragen, und das scheint mir doch sehr unaufgearbeitet zu sein. Da wäre es gut, wenn man sich einen nüchternen und auch wahrscheinlich sehr unangenehmen Blick in die eigene Geschichte erlauben würde.

Wieder am 29. September, sowie 3. und 5. Oktober, viele weitere Termine am Nationaltheater Mannheim.

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