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"Ich habe etwas gegen das Wort Raubkunst" | BR24

© Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, digitale Reproduktion: Jester Blank GbR

Die Kazike, ein Beispiel der Goldschmiedekunst der Quimbaya im heutigen Kolumbien, zeigt vermutlich einen Priesterfürsten.

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"Ich habe etwas gegen das Wort Raubkunst"

Sollen europäische Länder Kunst aus den ehemaligen Kolonien zurückgeben? Ein einfaches Ja oder Nein gibt es nicht, meint der Dokumentarfilmer Peter Heller. Er hat auf dem Kunstmarkt in Afrika recherchiert – und sieht auch Probleme bei der Rückgabe.

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Die TEFAF in Maastricht ist die wichtigste Messe für Alte Kunst und Antiquitäten, die Königin der Kunstmessen, wie man sagt – aber jeder Thron hat seine Schattenseite. Und die heißt beim Handel mit außereuropäische Kunst: Kolonialismus. So ist auf der diesjährigen TEFAF eine Debatte um Restitution entbrannt. Und nicht nur dort. Der Dokumentarfilmer Peter Heller hat mehrer Dokus über koloniale Kunst gemacht. Im Interview erzählt er, warum die Ankündigung Macrons, alles zurückgeben zu wollen, nicht nur auf Freude traf – auch in Afrika.

Barbara Knopf: Herr Heller, Sie haben schon oft einen Blick auf afrikanische Kunst geworfen – allerdings keinen begehrlichen Händlerblick, sondern einen dokumentarischen. Ihr neuester Film, der im Juni auf Arte ausgestrahlt werden soll, ist die Fortsetzung eines Films, den sie vor fünf Jahren schon gemacht haben: "Markt der Masken". Was haben Sie für Erfahrungen gemacht in Afrika? Wie reagiert man auf die Bestrebungen der europäischen Museen, die sich ja nicht ganz einig sind?

Peter Heller: Zunächst einmal: Den Vorrang hat der französische Staatspräsident genommen, indem er einfach sagte, wir werden uns damit befassen und ihr habt zurückzugeben, ein Teil wenigstens. Das führte in westafrikanischen Ländern – und um die geht es ja hauptsächlich – erstmal zu massiven Freudereaktionen, zumindest bei den Intellektuellen und bei den Museumsleitungen. Die Reaktionen der Händler, die auch heute noch mit afrikanischer Kunst handeln – meistens Auftragskunst, auch wenn es sich in unserem Verständnis um Kopien handelt – sind ziemlich bestürzt. Deren Preise sinken. Die Chancen, ihre Masken zu verkaufen, sinken. Auch Galeristen in Europa sind davon betroffen, das merkt man jetzt an den Messen.

Es handelt sich dabei um die Kopien von Originalen, die bereits in den europäischen Ländern gelandet sind?

Die bekommen teilweise Bücher von Galeristen aus Europa geschenkt. Sehr schöne Masken-Fotobände oder Fachzeitschriften mit Bildern, und schnitzen diese teilweise nach. Wir haben so etwas verfolgt, vor fünf Jahren, das war der Film "Markt der Masken". Da waren wir dabei, als das gefakt wurde. Wobei man sagen muss, das kann ja genauso kunstvoll sein. Eine Fälschung entsteht erst dann, wenn die Urheberrechte, also die Papiere, gefälscht werden. Und das passiert meistens in Europa. Momentan ist es so, dass es einen sehr hochpreisigen Markt gibt, das geht in die Millionen. Ich verfolge zum Beispiel in diesem Film den Weg einer sehr schönen Maske, die ursprünglich aus Nigeria kommt, die dann über Togo und die Schweiz in die USA gewandert ist, und jetzt von einem Museum zurückgegeben wird, weil sie praktisch nicht mehr ausstellbar ist – weil sie als Raubgut gilt. Das ist jetzt ein Tabu geworden. Damit entsteht ein enormer Schaden für die Händler, Zwischenhändler und Galeristen.

Das ist die Situation der Händler in Afrika. Aber jetzt gibt es noch die europäischen Museen, wo man sehr vorsichtig laviert. Da gibt es schon auch noch so eine Art postkoloniale Arroganz, wenn man sagt: Es gibt ja nicht genug Museen in Afrika, wohin die Kunst rückgeführt werden könnte. Haben Sie da auch Erfahrungen gemacht?

Gut, es gibt natürlich Museen in Afrika, sogar in so armen Ländern wie Mali. Das Nationalmuseum in Bamako ist ein wunderbares, gut ausgestattetes Museum. Und es ist auch bestückt, weil das Land so reich an Kunstschätzen und eigenen Traditionen ist, dass es da immer noch Sachen gibt. Da wurde nicht zu 90 Prozent weggeschleppt wie in vielen anderen Ländern. Aber das ist das einzige Museum im Lande. Es wurden zum Beispiel Museen gebaut – zum Beispiel 2010 im Dogonland (in Mali, Anm. d. Red.), das haben wir auch gefilmt – die man heute vergessen kann, weil es keinen Tourismus mehr gibt, nichts, durch diese Umstürze in Mali, durch die Salafisten und die Kämpfe. Dort sind Museen gestorben. Dann gibt es ein Land wie Nigeria, das hat eine ganze Anzahl von Museen. Und es gibt Länder, in denen es zwar Museen gibt wie in Togo, aber da steht fast nichts drin. Oder in Guinea: Obwohl aus den Nachbarländern sehr viel Kunst auf dem Markt ist – dort ist nämlich der Umschlagplatz – steht im Museum fast nichts.

Haben Sie auch mit Museumsleuten in Afrika gesprochen?

Wir haben sogar ganz aktuell mit Museumsleuten in Westafrika gesprochen. Der Museumsleiter in Mali war geradezu begeistert, er hat sich total gefreut, aber auf jeden Fall erwarten die natürlich auch eine Art von Austausch, was Museumswissen und Ausbildung betrifft. Das ist auch in Berlin geplant. Wir reden zwar dauernd von Frankreich, aber Deutschland hat eigentlich wesentlich mehr afrikanische Kunst als Frankreich, das ist überraschend.

Weil Deutschland keine so große Kolonialmacht war?

Nein, das hat damit nichts zu tun. München zum Beispiel hat das älteste Völkerkundemuseum Deutschlands. Und es wurde schon damals, als es noch gar keine Kolonien gab – entlang der Küste an den Stützpunkten der Europäer, Holländer, Dänen, auch der Hanse – da wurden bereits durch Zwischenhändler Auftragsarbeiten aus dem Binnenland gebracht. Das hat mit Kolonialgeschichte erst einmal nichts zu tun. Da wurden zum Beispiel Löffel aus Elfenbein geschnitzt. Löffel gab's in Afrika eigentlich gar nicht, aber man hat schon für den Markt produziert, und das ist lange vor der eigentlichen kolonialen Intervention.

© Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum

Königsthron, Kamerun (Bamum) Geschenk von König Njoya an Kaiser Wilhelm II, 1908 (Bildausschnitt)

Es ist auch schwierig, die Linie zu ziehen: Was ist Raubgut und was ist Handel gewesen?

Wissen Sie, ich habe sowieso etwas gegen das Wort "Raubkunst", weil da ein Stück Zynismus drin steckt. Es erinnert an das, was die Nazis mit den Juden gemacht haben oder auch an die Plünderungen, die die Sowjetarmee angestellt hat. Und ich glaube, das sind Dimensionen, die nicht vergleichbar sind. Das sollte man nicht tun. Das ist übel, weil es einfach nicht stimmt. Nur der kleinste Teil ist Raub. Das meiste wurde im Handel erworben. Wenn gesagt wird, wie wir es noch in der Schule gelernt haben, "die Neger haben dafür ein paar Glasperlen gekriegt" – das stimmt überhaupt nicht. Diese Glasperlen sind heute ein ganz wertvolles Gut. Das waren böhmische und venezianische Perlen, die heute gefälscht werden. Ich habe kürzlich einen Händler bei mir gehabt aus Togo, der davon lebt, mit seiner Familie. Der ist in der totalen Krise, weil die Glasperlen in Indonesien gefälscht werden, und er sagt: Ich kann sie selber nicht unterscheiden von den alten. Die Glasperlen waren eine anerkannte Währung!

Es ist ein unglaublich weites Feld, um es mal mit Günter Grass zu sagen, aber sie bleiben dran an dem Thema?

Ja klar. Wir haben jetzt noch den Konflikt um das Humboldt-Forum vor uns. Da kann man sinnvolle Kooperationsprojekte starten. Trotzdem ist es natürlich eine Provokation, wenn dann Sachen ausgestellt werden wie der Prachtthron (aus Kamerun, Anm. d. Red.) zum Beispiel, über den wir schon 1983 einen Film gemacht haben, der damals viel Wirbel erzeugt hat im deutschen Fernsehen: Ein Thron des Königs, eines wirklichen Königs – und man stelle sich jetzt bitte keinen Thron aus einem Dorf vor, sondern wirklich einen Palast – den schenkte dieser König dem deutschen Kaiser, wie er glaubte. Er selbst saß dann auf einer Kopie und das Volk durfte das nicht wissen. Der Thron ging nach Berlin, ist heute ein Prachtstück, versichert, wenn ich mich nicht täusche, mit 28 Millionen Euro. Der Sultan, also der Enkel, sitzt heute auf einer Kopie. Wir haben mit ihm telefoniert, letzte Woche, von Berlin aus. Er sagte: Ich bestehe darauf, das war ein Geschenk, unter welchen Umständen auch immer. Aber meine Leute hier sind jetzt durch die Restitutionsgeschichten so aufgestachelt, dass sie zu mir sagen, wir sollten den Thron zurückfordern.

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