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Heinrich Bedford-Strohm: "Rettung von Menschenleben ist Pflicht" | BR24

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Zum Selbstverständnis vieler Protestanten gehört politisches Engagement. Das zeigt sich auch am Projekt Seenotrettung der Evangelischen Kirche in Deutschland. Doch ist dies wirklich Aufgabe der Kirche?

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Heinrich Bedford-Strohm: "Rettung von Menschenleben ist Pflicht"

Zum Selbstverständnis vieler Protestanten gehört politisches Engagement. Das zeigt sich auch am Projekt Seenotrettung der Evangelischen Kirche in Deutschland. Doch ist dies wirklich Aufgabe der Kirche?

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Mehr als 1.000 Menschen sind in diesem Jahr bereits im Mittelmeer ertrunken. Den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm treibt das um. Trotz aller Warnungen machen sich Flüchtlinge auf den Weg von Afrika nach Europa.

"Wir können da nicht wegschauen. Und die Menschen können auch nicht zurück nach Libyen geschickt werden. Es gibt auch kein anderes afrikanisches Land, das sie aufnimmt, also ist es unsere Pflicht, wenn wir unseren humanitären Traditionen in Europa gerecht werden wollen, dass wir diese Menschen auch an Land lassen." Heinrich Bedford-Strohm, EKD-Ratsvorsitzender und Landesbischof

Die Rettung von Menschenleben gebieten die humanitären Traditionen Europas. Darum hat sich der Rat der EKD entschlossen, ein eigenes Schiff zur Seenotrettung ins Mittelmeer zu entsenden. Er folgt damit der Resolution "Schicken wir ein Schiff", die Teilnehmer des Evangelischen Kirchentags in Dortmund verabschiedet hatten.

Heinrich Bedford-Strohm: "Nicht wegschauen!"

Derzeit werden allerdings die Schiffe von privaten Rettungsorganisationen wie die Sea-Watch 3 in Häfen auf Sizilien von den italienischen Behörden festgehalten. Heinrich Bedford-Strohm war Anfang Juni dort. "Natürlich hat mich mein Besuch bei der Crew der Sea-Watch auch innerlich sehr berührt und mir auch persönlich sehr deutlich gemacht, dass wir hier nicht wegschauen können", so Bedford-Strohm. "Wir müssen zusammen mit den Kirchen Europas hinschauen und öffentlich darauf hinweisen. Da geht es wirklich um Leben oder Tod."

Die Lage auf dem Mittelmeer ist dramatisch, sagen die Aktivisten von Sea-Watch. Lediglich das Suchflugzeug von Sea-Watch kann derzeit starten.

Ausschließlich Spendengelder sollen verwendet werden

Den Einsatz zur Rettung von Flüchtlingen bereitet die EKD zusammen mit anderen Organisationen vor. Er soll ausschließlich aus Spenden finanziert werden, nicht aus Kirchensteuern. Die EKD will mit dem eigenen Schiff ein Zeichen setzen, sagt Heinrich Bedford-Strohm. "Ich glaube, dass die europäischen Regierungen einfach verstehen müssen, dass es so nicht weitergehen kann. Dass schlicht und einfach humanitär sichergestellt werden muss, dass Menschen gerettet werden. Aber darüber hinaus muss dafür gesorgt werden, dass Menschen sich erst gar nicht auf den Weg machen." Es müsse eine Gesamtstrategie entwickelt werden, wie Europa mit der Migrationsfrage umgeht. Doch wenn sich die Menschen einmal auf den Weg gemacht hätten, müsse man helfen.

Kritik aus dem Evangelischen Arbeitskreis der CSU

Das Projekt birgt Risiken und ruft Kritiker auf den Plan, wie Christian Schmidt, den Vorsitzenden des Evangelischen Arbeitskreises der CSU: "Ich bin sehr skeptisch. Es ist nicht Aufgabe der Kirchen, Seenotrettung zu betreiben. Die Aufgabe von der Kirche, von uns Christen, ist darauf hinzuweisen, dass jeder Mensch, wie immer er in Gefahr kommt, gerettet werden muss." Die Kirche müsse allerdings auch politisch darüber reden: "Wie kann es denn sein, dass Menschen vorher noch abgezockt werden von Schleppern, in seeuntaugliche Schlauchboote gesetzt werden, fast in der Erwartung, dass sie dann gerettet werden müssen?"

Dieses Problem hat auch die Evangelische Kirche erkannt. Nur könne man es nicht so lösen, dass man Menschen zur Abschreckung ertrinken lässt, sagt Heinrich Bedford-Strohm. Jetzt gelte es, das Projekt sorgsam vorzubereiten. Dabei gehe Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Die privaten Seenotretter zumindest finden den Plan nicht ungewöhnlich, sagt Sea-Watch-Aktivist Chris Grodotzki: "Ungewöhnlich für uns sind Menschen, die Seenotrettung nicht interessiert. Die sie auch aktiv blockieren, wie jetzt gerade unser Schiff in Sizilien festgehalten wird. Das ist ungewöhnlich. Nicht, dass Menschen, gerade aus der Kirche, aus der Zivilgesellschaft sich für die Rettung von Menschen auf dem Mittelmeer einsetzen. Das sollte die Normalität sein."

Noch ist unklar, wann das Kirchen-Schiff in See sticht. Der größte Wunsch der EKD ist, dass endlich die staatliche Seenotrettung wieder aufgenommen und ihr Schiff überflüssig wird. Und dass im Mittelmeer keine Flüchtlinge mehr ertrinken müssen.

Mehr über die "Evangelische Seenotrettung" erfahren Sie in STATIONEN am 30. Oktober um 19 Uhr im BR Fernsehen und in der BR Mediathek.