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Heine-Preis der Stadt Düsseldorf geht an Rachel Salamander | BR24

© picture alliance/Lino Mirgeler/dpa

Rachel Salamander

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    Heine-Preis der Stadt Düsseldorf geht an Rachel Salamander

    Sie schaffte es, Juden, die nach 1945 keinen Fuß mehr auf deutschen Boden setzen wollten, zum Vortrag nach München zu holen: etwa Hans Jonas oder Joseph Brodsky. Nun erhält die Literaturwissenschaftlerin Salamander für ihr Engagement den Heine-Preis.

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    Die 71-Jährige habe "couragiert maßgeblich zum Wiederaufbau des jüdischen intellektuellen Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland beigetragen", so begründete die Jury des renommierten, mit 50.000 Euro dotierten Heine-Preises ihre Wahl. Nach ihrer Promotion in Literaturwissenschaften hatte Rachel Salamander 1982 in München die legendäre Literaturhandlung gegründet: ein Laden für jüdische Bücher und Bücher über die Juden – und das in der Fürstenstraße 17, fünf Minuten zu Fuß entfernt vom sogenannten Führerbau in der Arcisstraße 12.

    Ein öffentliches Forum des jüdischen Geisteslebens

    "Fast fünfzig Jahre nach der Entjudung des deutschen Buchhandels wollte ich mit der Errichtung einer Fachbuchhandlung für Literatur zum Judentum zumindest die geistige jüdische Welt rekonstruieren helfen, alles zusammentragen, was das Wort und die Schrift aufbewahrt hatte, und all jene wieder einbürgern, die vertrieben und verbrannt worden waren", erinnerte Rachel Salamander 1999 in ihrer Dankesrede, als sie den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München erhielt.

    So engagiert die damals gut 30-Jährige daran ging – der berühmte hebräische Erzähler Amos Oz gehörte 1982 zu ihren ersten Gästen in der Literaturhandlung – wurde ihr Buchladen schon bald zu einem Zentrum jüdischen Geisteslebens: Hier konnten die Münchner David Grossmann und Zeruya Shalev kennen lernen, längst etablierte Autor*innen wie Barbara Honigmann und Maxim Biller hatten hier ihrer ersten Auftritte.

    Bald wurde die Literaturhandlung in der Fürstenstraße zu eng: Rachel Salamander verlegte viele ihrer Veranstaltungen ins Literaturhaus, den Gasteig oder in die Kammerspiele und ihre Literaturhandlung ist inzwischen – stark vergrößert – ins jüdische Zentrum am Jakobsplatz umgezogen. In Berlin, Wien und anderen deutschsprachigen Städten gibt es Zweigstellen.

    Geboren im Lager für Displaced Persons

    Die Frau, die vielen Jüdinnen und Juden wieder einen Ort im deutschen Geistesleben öffnete, wurde 1949 in einem Camp für Displaced Persons in Deggendorf geboren und wuchs im Lager Föhrenwald bei Wolfratshausen auf. Der Vernichtung entkommen, wollten ihre aus Polen stammenden Eltern – ihr Vater sprach nur Jiddisch, schon als Kind musste Rachel für ihn übersetzen – weg aus dem Land der Täter. Doch wie so einige, so blieben auch sie mit gepackten Koffern in Deutschland. Zu ihrer Jugend gehörte, wie Rachel Salamander in der Dankesrede zum Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München bekannte, "das fundamentale Misstrauen Deutschen gegenüber". Und auch nachdem sie nach Studium und Promotion "ungewollt Wurzeln" geschlagen hatte, betont Rachel Salamander: "Die Garantien des Grundgesetzes sind mir noch wichtiger als die Sympathien, die mir von deutscher Seite entgegengebracht werden."

    Bei allem Erfolg und großen Ehrungen ist die große Kulturvermittlerin nach wie vor eine skeptische Beobachterin des herrschenden Meinungsklimas im Lande. Die jüngsten Nachrichten über den rapiden Anstieg antisemitischer Straftaten sind besorgniserregend, aber die große Anerkennung ihrer Arbeit durch den Heine-Preis der Stadt Düsseldorf zeigt zum Glück, dass immer noch Vermittlung gefragt ist, nicht Vernichtung.

    Der Heine-Preis

    Seit 1972 verleiht die Landeshauptstadt den Heine-Preis in Gedenken an den Schriftsteller Heinrich Heine (1797–1856), der in Düsseldorf geboren wurde. Die Auszeichnung zählt zu den bedeutendsten Literaturpreisen in Deutschland. Der Heine-Preis wird zum 22. Mal vergeben. Zu den Preisträgern zählen Carl Zuckmayer, Walter Jens, Max Frisch, Richard von Weizsäcker, Wolf Biermann, Elfriede Jelinek, Amos Oz und Jürgen Habermas.

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