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Heiliger Widerstand: Wie neue Bewegungen die Welt retten wollen | BR24

© Bernd Thissen/dpa-Bildfunk

Teilnehmer einer geplanten ·Menschenkette für den Frieden

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    Heiliger Widerstand: Wie neue Bewegungen die Welt retten wollen

    Umweltzerstörung, Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit - überall auf der Welt formiert sich derzeit Protest für eine bessere Welt. Dabei entsteht eine neue Friedensbewegung, die ihr Engagement mit Spiritualität kombiniert.

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    Die Diagnose ist nicht neu. Seit Jahren warnen Wissenschaftler vor den Folgen der Erderwärmung. Im Herbst 2018 erst hat der Weltklimarat einen Sonderbericht vorgestellt, der die Konsequenzen für Mensch und Umwelt deutlich vor Augen führt: Dürrekatastrophen, Überflutungen, Wassermangel und Artensterben sind nur ein Teil des Szenarios. Der Weltklimarat appelliert daher an die Politik, schnell Maßnahmen zu treffen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.

    Sacred activism - eine neue Form des zivilen Widerstands

    Während auf politischer Ebene diskutiert wird, gehen Menschen auf die Straße und demonstrieren gegen Umweltzerstörung und für eine Zukunft auf diesem Planeten. Die Bewegung Fridays for Future oder die Demonstrationen im Hambacher Forst sind nur zwei Beispiele. Gleichzeitig ist unter dem Schlagwort "Sacred activism", zu Deutsch: "Heiliger Aktivismus", eine neue Form des zivilen Widerstands entstanden, der das Leben und die Erde über Religionen und Traditionen hinweg als heilig versteht. Ein Widerstand, der die Probleme auf der Erde an den Wurzeln greifen möchte und eine ökologische, friedliche und gerechte Welt schaffen will, so wie Tobi Rosswog, Sabine Lichtenfels oder Tiokasin Ghosthorse.

    Teilen statt Besitzen – Tobi Rosswog lebt solidarisch

    Tobi Rosswog ist Ende 20, hat ein Gemeinschaftsprojekt bei Göttingen initiiert und sich gegen Karriere, Geld oder persönlichen Erfolg entschieden. Mit mehreren Mitstreitern versucht er dort ökologisch, solidarisch und nachhaltig zu leben. Ein Lebensentwurf, der sich den Zwängen von Konsum- und Wegwerfgesellschaft entziehen möchte: Teilen statt Besitzen ist das Motto von Tobi Rosswog, gebraucht statt neu, Essen aus dem eigenen Garten oder dem Müllcontainer statt dem Supermarkt. Er sagt: "Wir müssen gesellschaftlich konstruktiv Eigentum, Arbeit, Geld, Tausch, alles hinterfragen und andere Wege gehen."

    Friedlich und gewaltfrei leben – ein Friedensprojekt in Portugal

    Sabine Lichtenfels hat vor mehr als 30 Jahren zusammen mit mehreren Mitstreitern in Portugal das sogenannte "Heilungs-Biotop Tamera" gegründet. Auf einem 140 Hektar großen Gelände erproben die Bewohner ein gewaltfreies, friedliches und ökologisch verträgliches Zusammenleben. Rund 200 Menschen arbeiten hier an der Utopie einer friedlichen Welt im Einklang mit der Natur. Tamera sei auch eine Ausbildungsstätte und "Oase der Kraft" für Friedensarbeiter aus der ganzen Welt, sagt Sabine Lichtenfels. Als junge Frau hat sie Theologie studiert. Spiritualität, Meditation und Gebet sind für sie deshalb feste Bestandteile ihrer Friedensarbeit. "Für mich ist das Leben selbst die heiligste Quelle. Und ich glaube, wenn es uns wieder gelingt, uns auf unsere wirklichen Quellen zu besinnen dann haben wir eine ganz andere Kraft, um mit den Herausforderungen dieser Zeit umzugehen."

    Protest gegen Pipeline-Bau in den USA

    Die Idee, dass die Erde, das Wasser und alle Leben heilig sind, ist ein uraltes Denkmuster. Für die indigene Bevölkerung Nordamerikas war sie die Grundlage, 2016 gegen den Bau einer Ölpipeline durch ihr Gebiet zu protestieren. Die Standing Rock Sioux standen auf, um das Land ihrer Urahnen – die heilige Mutter Erde, wie sie es interpretieren – gegen die Zerstörung durch den Pipeline-Bau zu verteidigen.

    "Defend the sacred" – "Verteidigt das Heilige", lautet das Motto ihres Protests: Mni Wiconi – Wasser ist Leben – und darauf habe niemand Besitzansprüche, so der Radiomoderator und Produzent Tiokasin Ghosthorse. Er stammt selbst aus dem Volk der Lakota und begleitete den "Mni Wiconi"-Protest für das "First Voices Radio". "Wenn Amerikaner von unserem Land und unserer Nation sprechen, dann verletzt das die indigene Bevölkerung und auch das Land. Denn es gibt keinen Besitz, alles ist frei. In unserer Sprache kennen wir das Wort Herrschaft nicht, wir sprechen eine Sprache der Beziehung."

    Von der Religion der Ureinwohner zu lernen heißt für Ghosthorse daher vor allem: Einem Macht- und Herrschaftsanspruch die Absage zu erteilen, der auf die Ausbeutung der Erde abzielt und stattdessen die natürlichen Kreisläufe als Vorbild für ein respektvolles Zusammenleben auf der Erde zu nehmen.

    Denn das, sagt auch der Göttinger Aktivist Tobi Rosswog, sei das Ziel des "sacred activism" – oder wie auch immer man die Form des Widerstands nenne: "Gerade leben wir auf Kosten anderer. Das zu überwinden ist natürlich das Ziel." Es gehe darum, das gute Leben nicht nur für sich selbst, sondern für alle Menschen zu organisieren.

    Die ganze Sendung im Podcast hören: https://www.br.de/mediathek/podcast/religion-die-dokumentation/802