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Heilende Hände – von der Kraft der Berührung | BR24

© picture alliance / VisualEyze

Mutter hält die Hand eines Kindes

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    Heilende Hände – von der Kraft der Berührung

    Jesus legt in der Bibel die Hände auf, heute weiß man aus der psychologischen Forschung: Berührung kann das Immunsystem stärken. Doch wann ist Körperkontakt zu viel? Über die Kraft der Berührung.

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    Die christliche Tradition kennt Berührungsgeschichten. Dass Jesus durch Handauflegen heilte. Die Vorstellung, dass körperliche Nähe einen Menschen tröstet, Sicherheit verleiht, eine Situation aushalten lässt, dafür gibt es unzählige Beispiele in den biblischen Geschichten. Auch wenn Gott im Spiel ist, dann wird von ihm in Bildern der Berührung gesprochen. Das belegt die evangelische Krankenhausseelsorgerin Irmgard Wolf-Erdt mit diesem Beispiel: "Als mir Angst war, rief ich den Herrn an, er erhörte meine Stimme. Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich und zog mich aus großen Wassern."

    Wann ist Körperkontakt zu viel?

    Solche Worte könnten viel bewirken, auch wenn man sich nicht berühren darf, meint die evangelische Pfarrerin. Sie glaubt sogar, die Worte könnten vielleicht sogar noch mehr bewirken, als wenn sie einem Patienten stumm die Hände halte. Allein die Vorstellung, dass Gott die Hand halte, könne Menschen trösten. "Das ist ein spiritueller Moment", so Irmgard Wolf-Erdt. Sie mahnt auch zur Vorsicht bei körperlicher Berührung. Oberstes Gebot für Seelsorger sei nicht erst seit den Missbrauchsskandalen beider Kirchen: Tue nur das, was das Gegenüber wirklich will. Egal ob am Kranken- oder Sterbebett: schon sich ungefragt an oder aufs Bett setzen, kann übergriffig sein.

    Zugleich ist gerade in der Altenhilfe der Körperkontakt enorm wichtig: Beate Reimann arbeitet in der der Seniorenseelsorge in Fürstenfeldbruck. Sie nimmt ihre Leute aber durchaus auch schon mal in den Arm.

    Berührung stärkt das Immunsystem

    Leute, die regelmäßigen Körperkontakt haben, haben niedrigere Stresshormon- und Blutdruckwerte. Die Haut, mit der wir Berührung wahrnehmen, ist ein äußerst komplexes System, sagt Professor Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtz Zentrum München, vom Institut für Epidemiology Mental Health Research. Er forscht über seelische Gesundheit. Die Haut ist eines unserer Sinnesorgane, mit dem wir die Welt um uns herum wahrnehmen, über den Tastsinn – oder weitergefasst: über das körperliche Empfinden – es sei das am meisten unterschätzte Sinnesorgan, sagt er. Berührung sei ein Grundbedürfnis.

    Streicheln, Kuscheln: Auch Erwachsene suchen in Momenten der Trauer intuitiv körperliche Nähe. Durch die Corona-Pandemie wird der Körperkontakt zum Risikofaktor. Wie lange tut der Abstand aber gut? Karl-Heinz Ladwig weiß von einer Studie aus Amerika von 2015, die heute in Zeiten von Corona wieder aktuell wirkt: 400 Versuchspersonen wurden mit einem Erkältungsvirus in Quarantäne geschickt. Die Probanden wurden vorher gefragt, wer ein gutes soziales Umfeld hat, also auch viele Umarmungen. "Und da konnten die Forscher nachweisen, dass tägliche Umarmung Stresssituationen abfedert und in deutlich geringerem Umfang Infektionen aufgetreten sind."

    Alle, die sich derzeit durch Distanzierung und soziale Isolierung schützen, sollten nicht aus den Augen verlieren, dass das auf Dauer nicht nur Vorteile für Körper und Psyche hat, so Ladwig. Der Mensch sei nun mal ein soziales Wesen. Und Social Distancing, Kontaktverbot ist somit gegen die Natur des Menschen und setzt ihn unter Stress: "Unter Stress sind wir der Gefahr krankmachende Reaktionen zu entwickeln, Herzrasen et cetera. Menschen, die in der glücklichen Lage sind, eine befriedigende Beziehung zu haben mit Berührung, können effizienter antworten, weil sie eine abgefederte Stressantwort haben."

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