Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Heikle Ehrung: So skandalträchtig ist der Literatur-Nobelpreis | BR24

© Nobel Media AB / Alexander Mahmoud

Ruhm und Ehre bei der Verleihung des Literaturnobelpreises - doch nicht immer haben die Gewinner Lust darauf

Per Mail sharen
Teilen

    Heikle Ehrung: So skandalträchtig ist der Literatur-Nobelpreis

    Nächste Woche werden ausnahmsweise zwei Literatur-Nobelpreisträger verkündet, weil die zuständige Schwedische Akademie 2018 wegen Indiskretionen und Sex-Affären handlungsunfähig war. Doch auch schon früher gab es viel Ärger mit der Auszeichnung.

    Per Mail sharen
    Teilen

    Der französische Autor Jean-Paul Sartre wollte ihn nicht, der deutsche Pazifist Carl von Ossietzky und der russische Schriftsteller Boris Pasternak durften ihn nicht entgegen nehmen, William Faulkner rang mit sich: Der Literatur-Nobelpreis war von jeher eine heikle, sehr politische Angelegenheit.

    Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass die zuständige Schwedische Akademie sich darüber immer wieder untereinander zerstritt. So schlimm wie im vergangenen Jahr war die Krise allerdings noch nie, wobei die Ursachen nichts mit Literatur zu tun hatten. Es ging um sexuelle Übergriffe, Geheimnisverrat und die Veruntreuung von Geldern zugunsten eines Kunstvereins. Personelle Konsequenzen waren die Folge.

    Am 10. Oktober um 13 Uhr soll nun ein neues Kapitel aufgeschlagen werden und die Preisträger für 2018 und 2019 verkündet werden. Eine weitere Volte in der wechselhaften Geschichte der weltweit wichtigsten Literaturauszeichnung.

    Carl von Ossietzky trotzte der Gestapo

    1935 zum Beispiel wurde kein Preisträger benannt, weil die Akademie Angst davor hatte, den pazifistisch gesinnten Herausgeber der "Weltbühne", Carl von Ossietzky, auszuzeichnen. Der schwer kranke Mann war von den Nazis ins Konzentrationslager Esterwegen im Emsland verschleppt worden. Um ihn dort nicht weiter zu gefährden, bekam er trotz einer internationalen Solidaritätskampagne nicht den Literatur-Nobelpreis zugesprochen, allerdings ein Jahr später rückwirkend den Friedensnobelpreis für 1935. Obwohl die Gestapo Druck machte, nahm Ossietzky diese Auszeichnung an, durfte allerdings nicht zur Zeremonie nach Oslo fahren.

    Der berühmte Existenzialist Jean-Paul Sartre schrieb 1964 vor der Bekanntgabe des Preisträgers diskret an die Akademie, sie solle ihn bitte nicht berücksichtigen, weil er sich für den Fall, ausgezeichnet zu werden, in seiner Unabhängigkeit als Intellektueller eingeschränkt fühle. Trotzdem bekam Sartre den Preis, nahm ihn allerdings konsequenter Weise nicht an, obwohl er das Geld damals dringend benötigt hätte. Gerüchte, er oder ein Angehöriger hätten sich sehr viel später danach erkundigt, ob die Summe doch noch zu haben sei, wurden inzwischen durch die Freigabe der entsprechenden Akten widerlegt.

    © AKG/Picture Alliance

    Boris Pasternak

    Boris Pasternak war 1958 zunächst begeistert, als ihm der Preis zuerkannt wurde, musste ihn auf Druck der sowjetischen Behörden jedoch nachträglich ausschlagen. Die regierungsamtlichen Zensoren in Moskau waren empört, da sie den Roman "Doktor Schiwago" abgelehnt hatten, das Buch jedoch mit Hilfe der amerikanischen CIA dann doch im Westen erscheinen konnte. Pasternak sah sich in seiner Heimat daraufhin wüsten Beschimpfungen ausgesetzt. Als ihm die Ausbürgerung angedroht wurde, schrieb er entnervt an die Akademie: "Mit Rücksicht auf die Bedeutung, die dieser Auszeichnung in der Gesellschaft, der ich angehöre, beigemessen wird, muss ich auf den mir zugedachten unverdienten Preis verzichten."

    Schon einmal zwei Preisträger

    In den Statuten der Schwedischen Akademie heißt es, dass die Preisvergabe verschoben wird, wenn in einem Jahr kein geeigneter Kandidat zur Verfügung steht. Das war nach der Einschätzung der Jury 1949 der Fall. Daher gab es ein Jahr später folgerichtig zwei Preisträger: Der US-Autor William Faulkner wurde rückwirkend bedacht, der britische Philosoph Bertrand Russell für 1950. Übrigens liebäugelte auch Faulkner damit, den Preis abzulehnen, erst seine Frau überzeugte ihn vom Gegenteil. In den Kriegsjahren 1914 und 1918 wurden keine Literatur-Nobelpreise vergeben, obwohl die Physiker und Chemiker nicht so zurückhaltend waren. Im Zweiten Weltkrieg, von 1940 bis 1943, verzichtete die Akademie ebenfalls auf den Literaturpreis, obwohl es zumindest 1943 ebenfalls bereits wieder Preisträger für Physik, Chemie und Medizin gegeben hatte.

    © Picture Alliance

    Ließ sich Zeit: Bob Dylan

    Ungeachtet der literarischen Debatten gab es also immer wieder genug Gesprächsstoff um den wichtigsten Literaturpreis der Welt. So hielten weder Elfriede Jelinek 2004, noch Bob Dylan 2016 ihre eigentlich vorgeschriebene Dankes-Rede in Stockholm. Jelinek schickte wegen einer "psychischen Störung", die ihr öffentliche Auftritte unmöglich mache, ein Videoband, Dylan ließ sich erst sechs Monate Zeit und reichte dann ein Audio ein mit Bemerkungen zu Büchern, die ihn beeinflusst haben - andernfalls hätte er auf das Preisgeld in Höhe von 820 000 Euro verzichten müssen.

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!