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Heike Behrend: "Auch der Ethnologe wird beobachtet" | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance / dpa

Heike Behrend im Gespräch über ihr Buch: "Menschwerdung eines Affen"

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Heike Behrend: "Auch der Ethnologe wird beobachtet"

Zu Zeiten des Kolonialismus bezeichneten Europäer Afrikaner zuweilen als "Affen". Aber auch Afrikaner markieren Ethnologen, wie Afrikaforscherin Heike Behrend in ihrem Buch "Menschwerdung eines Affen" erinnert. Ein Gespräch über Perspektivwechsel.

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Von
  • Judith Heitkamp

Heike Behrend, Afrikanistin und Ethnologin, hat eine "Autobiografie der ethnografischen Forschung" vorgelegt, die gleichzeitig auch ihre eigene Berufsautobiografie ist. Daraus ist ein spannendes Buch geworden, das viele Impulse zum Thema des sogenannten "Fremden" enthält. Judith Heitkamp hat mit der emeritierten Professorin gesprochen.

Judith Heitkamp: Ihr Buch heißt "Menschwerdung eines Affen" – und der Affe sind Sie.

Heike Behrend: Ja. Während meiner Feldforschung in den Tugen-Bergen im Nordwesten Kenias von 1978 bis 1985 musste ich feststellen, dass ich "Affe" genannt wurde. In gewisser Weise wehrten sich die Menschen, die ich zu ethnografieren ausgezogen war, und nannten mich "Affe". Das erfuhr ich mehr oder weniger zufällig und es war absolut kein schmeichelhafter Name ... In den Tugen-Bergen wird erzählt, dass eine Frau, die sich ein Baby wünscht, in die Wildnis geht und ein Affenbaby stiehlt, es an ihre Brust nimmt und pflegt, bis es schließlich den Namen eines Ahnen bekommt und sich durch Rituale in einen Menschen verwandelt.

Der Affe als Zustand vor dem zivilisierten Menschen?

Richtig, und aus der Wildnis entsprungen war auch ich. Später entdeckte ich, dass auch andere Forscher und Missionare mit dieser Bezeichnung belegt wurden. Dann wurde es aber noch komplizierter. In der Kolonialzeit und später hatten Europäer von Afrikanern abwertend als "Affen" gesprochen. Damit bekam meine Benennung als Affe eine neue Dimension, mir wurde sozusagen die Diskriminierung zurückgegeben.

Dieses Aufmerksamwerden auf die verschiedenen Perspektiven und das Verkehren der Perspektive taucht in Ihrem Buch mit Blick auf verschiedene Forschungsaufenthalte immer wieder auf. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Wissenschaftliches Denken meint manchmal, sehr viel höher zu stehen als das Denken "normaler" Leute, und hat vergessen, dass auch der Ethnologe oder die Ethnografin beobachtet wird. Die Umkehrung der Perspektive hat zur Folge – was mich auch besonders interessiert hat – dass das eigene Selbstverständnis ganz wesentlich erschüttert wird. Und das sollte eigentlich im Zentrum der Ethnologie stehen: die Erschütterung des Selbstverständlichen.

Ihre Berufsbiografie spielt vor dem Hintergrund großen Wandels in Ihrem Fach. Die Ethnologie entwickelte sich vom Gedanken der "Rettungsethnologie" für traditionelle Kulturen hin zum postkolonialen Diskurs, den wir heute führen. Ende der 70er-Jahre in den Tugen-Bergen war klar, dass Sie sich in diesem Dorf einen Platz suchen und wohnen können und dass jemand abgestellt wird, der Ihnen ein bisschen hilft und übersetzt. Wie schauen Sie heute auf Ihre ersten Einsätze im Feld?

Ich staune. Ich staune aus ganz vielen verschiedenen Gründen über die letztlich übergroße Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Menschen, die mich damals, als ich zu ihnen hinstolperte – anders kann ich das nicht ausdrücken – aufgenommen haben. Und obwohl sie mich immer wieder ausgelacht haben, obwohl sie mich "Affe" genannt und mich zum Schreckgespenst für Kinder gemacht haben, trotzdem waren sie bereit, sich auf mich einzulassen. Ja, ich staune über diese große Freundlichkeit. Inzwischen hat sich eine starke Polarisierung herausgebildet. Ich erfahre von jüngeren Kolleginnen und Kollegen, wie schwierig es zum Teil geworden ist, in Afrika zu arbeiten, wie stark der wechselseitige Rassismusvorwurf sich durchgesetzt hat. Das war während meiner ersten Forschungen überhaupt kein Thema.

Sie nennen das die Fiktion des Aufgenommenwerdens in die Kultur, die untersucht wird – für die Zeit der Feldforschung. Und dann kehrt der Ethnologe zurück an die Akademie und schreibt im Gedanken an ein anderes Publikum. Und Sie erzählen davon, dass Sie Ihre Ethnografie, also das, was Sie aufgeschrieben haben, den Beschriebenen zu lesen gegeben haben. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Bei meiner späteren Forschung im Norden Ugandas war das sehr interessant. Der Mann, mit dem ich vor allem zusammengearbeitet habe, hatte die Universität besucht. Er las die Arbeit und sagte dann, das sei nicht falsch – aber so hätte er es nie geschrieben. Da sind wir, glaube ich, bei einem ganz wichtigen Punkt: dass sich die Ethnografie der Ethonografierten und meine Ethnografien wohl doch wechselseitig verkennen. Ich würde für meine Ethnografien keinen höheren Status beanspruchen wollen als den, den ich ihren Ethnografien gebe.

Konkret wird das an einem Thema, das Sie in Uganda beschäftigt hat, die Kannibalen und die Hexen. Sie beschreiben, wie Sie sich immer mehr die Frage stellen, welche Geschichte eigentlich erzählt wird, die eigene oder die fremde. Und welcher Realität Sie sich als Forscherin anschließen – der Vorstellung, dass es keine Hexen gibt, oder der Vorstellung, dass natürlich von Geistern besessene Medien existieren. Wie haben Sie sich entschieden?

Das Problem ist, dass ich in gewisser Weise die falschen Fragen gestellt habe. Ich konnte nicht sagen, die haben unrecht. Als eine Bewegung in der katholischen Kirche in West-Uganda brachial gegen der Hexerei Beschuldigte vorging, war das ein Moment, in dem ich Partei ergreifen musste für die Opfer, davon bin ich auch heute noch überzeugt. Es ist ein extrem schwieriges Problem. Wer das Buch liest, wird sehen, wie ich da hin und her gesprungen bin und mich gewunden habe, keine Seite zu verurteilen. Jede Aufklärung kann umschlagen in Mythologie und umgekehrt.

Die Ethnografie steht im Buch im Vordergrund vor der Ethnologie.

Wenn die Ethnografin aus dem Feld nach Hause kommt und dann sozusagen Ethnologin wird, dann schreibt sie für die lieben Kollegen oder gegen die bösen Kollegen, je nachdem. Und dann nutzt sie ihr Wissen und versucht recht zu haben. Ich versuche, in dem Buch recht zu haben – und dann doch in vielen Punkten nicht recht zu haben.

"Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung" von Heike Behrend ist bei Matthes und Seitz erschienen.

© Mattes & Seitz/ Montage BR

Cover: Heike Behrend: "Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung"

Eine Lesung aus "Menschwerdung eines Affen" hören Sie in den radioTexten am Dienstag am 17.11.2020 ab 21:05 Uhr auf Bayern 2.

Mehr Lesungen finden Sie hier im Podcast der radioTexte.

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