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Heidegger ist auch kein Trost: Einsam in der Corona-Krise | BR24

© Rolf Haid/Picture Alliance, Audio: BR

Fernsicht von Martin Heideggers Hütte: Aussicht in Todtnauberg

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Heidegger ist auch kein Trost: Einsam in der Corona-Krise

Nur ganz allein ist der Mensch frei, sobald ihn jemand anderes anschaut, muss er zwangsläufig eine Rolle spielen – und zwar eine, die der Andere vorgibt. Waren wir also nie so frei wie in der Corona-Krise? Ein Blick in die Philosophie-Geschichte.

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Das ganze Leben ist bekanntlich voller Sorgen, aber erst seit dem Philosophen Martin Heidegger wissen wir, woran das liegt, nämlich daran, dass wir leben und sterben müssen, ohne dass uns irgendjemand nach unserer Meinung gefragt hat. Ohnmächtig müssen wir mit ansehen, dass wir die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ändern können, dass wir also ins Leben geworfen sind wie ein Stück Holz in einen reißenden Strom. Und das Schlimmste daran: Anders als das Holz können wir ständig darüber nachdenken – jetzt, wo wir zuhause bleiben sollen, vielleicht sogar besonders gründlich.

Angst-Fabriken produzieren weiter

Hört sich alles ganz schön schaurig an, ziemlich düster, um nicht zu sagen typisch deutsch. Und wenn auch unsere Autofabriken ein paar Wochen stillgelegt waren: Unsere Angst-Fabriken produzierten auch in den vergangenen Wochen munter weiter, so dass wir unsere Sorgen, Nöte und Bedenken wie gewohnt in alle Welt exportieren konnten. Auf dem Gebiet sind wir ja internationaler Marktführer.

© Themenbild / dpa picture alliance

Blicke, tief in die Augen: Der Andere macht uns erst objektiv

Da harren wir also vereinsamt im Homeoffice aus, huschen hinter Masken durch die Supermärkte, bestellen fleißig online, sitzen ein paar Minuten mit schlechtem Gewissen auf der Parkbank und schauen zitternd unserem Schicksal entgegen, und was passiert? Keiner schaut zurück, außer vielleicht der Paketbote, und selbst der bleibt meist unsichtbar. Unser Blick geht also derzeit oft ins Leere, also genau dahin, wo so ein unbequemer Denker wie Jean-Paul Sartre sich am wohlsten fühlte.

Keiner kann uns mehr "mit Blicken strafen"

Mit etwas Mut zur Polemik ließe sich behaupten: Er war der Meinung, dass der Mensch überhaupt nur ganz allein wirklich frei sein kann, denn jeder andere Mensch schränkt ihn notgedrungen ein. Das werden gerade all die besonders gut nachvollziehen können, die derzeit freiwillig oder gezwungenermaßen allein leben: Diese Leute müssen sich weder rasieren, noch was Anständiges anziehen, weil sowieso keiner zu Besuch kommt. Niemand kann sie "mit Blicken strafen", egal, wie unaufgeräumt die Wohnung oder wie verwahrlost die Frisur ist.

© Phillippe Gras/Picture Alliance

Freiheit zum Heldentum: Jean-Paul Sartre

Der Blick des Anderen, über den Sartre in seinem Erfolgsbuch "Das Sein und das Nichts" ("L’être et le néant. Essai d’ontologie phénoménologique", 1943) so originell nachdachte, er bleibt in der Isolation aus. Niemand kann uns dort verächtlich ansehen, abschätzig mustern, aufmunternd anlächeln, gönnerhaft bemitleiden. Kurz und gut: uns in eine Rolle zwingen, uns die Schamröte ins Gesicht treiben, uns das Leben buchstäblich "zur Hölle" machen. Nie waren wir so frei wie in der Corona-Krise, hätte Sartre womöglich behauptet – so, wie er bekanntlich der Meinung war, dass die Franzosen nie so frei waren wie zur Zeit der deutschen Besatzung – nämlich frei, Entscheidungen zu treffen, sogar heldenhafte.

Wenn das Spiegelbild Falten bekommt

Noch ist allerdings sehr die Frage, ob die Menschen beim Abstandhalten, in der Quarantäne, in der häuslichen Ausnahmesituation, über sich hinauswachsen oder in sich hinein schrumpfen, denn wenn der Blick des Anderen, des Gegenübers fehlt, dann bleibt natürlich immer noch die Möglichkeit, sich selbst anzusehen. Der berühmte Schönling Narziss hat es vorgemacht und wurde daran irre, nämlich an der Stelle, an der er wieder mal sein eigenes Spiegelbild bewunderte und die Götter ein Laubblatt auf die Wasseroberfläche fallen ließen. Es kräuselten sich die Wellen und das Spiegelbild bekam Falten, was Narziss so erschreckte, dass er starb.

Oscar Wilde hat das Motiv in seinem Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" eindrucksvoll modernisiert. Nathalie Sarraute schrieb über die Verzweiflung des einsamen Menschen ihren Anti-Roman "Porträt eines Unbekannten", übrigens auch zur Zeit der deutschen Besetzung von Paris, und empfahl allen, die sich über den Blick des Anderen mal so richtig schlau machen wollen, Dostojewski zu lesen. Ist ja auch irgendwie heldenhaft.

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