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"Have a Nice Day" zeigt die Abgründe des kapitalistischen Chinas | BR24

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Ohne großes Team, ohne Förderung, oft im Clinch mit der Zensur hat Liu Jian seinen Animationsfilm "Have a Nice Day" produziert. Ein Film, der die Abgründe des Kapitalismus chinesischer Prägung zeigt – und die in der Gesellschaft schlummernde Gewalt.

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"Have a Nice Day" zeigt die Abgründe des kapitalistischen Chinas

Ohne großes Team, ohne Förderung, oft im Clinch mit der Zensur hat Liu Jian seinen Animationsfilm "Have a Nice Day" produziert. Ein Film, der die Abgründe des Kapitalismus chinesischer Prägung zeigt – und die in der Gesellschaft schlummernde Gewalt.

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Eine Gegend am Rande einer südchinesischen Großstadt. Der Abrissbagger hämmert. Ein herrenloser Hund läuft vorbei. Erschöpfte Bauarbeiter mit freiem Oberkörper lehnen sich an ein großes Rohr und dösen. Liu Jians Underground-Animationsfilm "Have a Nice Day" erzählt von der rasanten Urbanisierung und Industrialisierung Chinas. Neubaugebiete entstehen in einer Art Niemandsland mit endlosen Brachen und ärmlichen Gassen, in denen sich Tagelöhner notdürftige Unterkünfte eingerichtet haben.

Magischer Realismus und Pulp Fiction

"Diese Orte und die Leute, die dort leben, sind eine der Hauptinspirations-Quellen für meine Arbeit", sagt Regisseur Liu Jian, der "Have a Nice Day" zuhause auf dem Computer-Tablet gezeichnet, animiert und vertont hat. Ohne großes Team und beseelt von einer wundersamen Mischung aus dokumentarischer Beobachtung und magischem Realismus. Man glaubt, China zu spüren, zu riechen und zu schmecken. Wir sehen Garküchen. Dampfende Teekessel. Einen Händler, der nachts neben seinen riesigen Melonen auf dem Boden schläft. Flackernde Leuchtreklamen. Ein Internet-Café, in dem man nur das trostlose Surren der Computerlüftungen hört. Einen Busbahnhof. Dort hat sich ein Mann die Schuhe ausgezogen und liegt auf einer Bank. Gewitter zieht auf.

Diesem ruhigen Beginn in gedämpften Farben folgt eine wilde Gangsterpistole, kunstvoll animierte Pulp Fiction. Manche Szenen sind verrückt komisch wie bei Quentin Tarantino, wobei Liu Jian nie Gewalt zeigt. Nur das Vorher und Nachher. Eine Szene in einem Auto: Dem Geldkurier eines Mafiabosses wird von dem Fahrer, mit dem er unterwegs ist, ein Messer an den Hals gesetzt. Der junge Mann braucht die Million Yuan, um seiner Freundin eine weitere Schönheits-OP zu zahlen. Die erste ist schiefgegangen. Dann flüchtet er mit der Tasche voller Scheine – und der Boss jagt ihm einen Killer hinterher, einen dürren Mann namens Bohnenstange, Metzger in einer Großmarkthalle.

Abgründe des Kapitalismus

Liu Jian entwickelt in 80 Minuten eine irrwitzige Odyssee durch eine chinesische Provinzstadt. Immer mehr Menschen jagen hinter dem Geld her. Der Regisseur scheint selbst zu staunen über die Dynamik, die daraus entsteht. Er hat Sinn für die Absurdität des Lebens, zeigt die Abgründe des Kapitalismus chinesischer Prägung, die in der Gesellschaft schlummernde Gewalt, und die Menschen als hin- und her geworfene Spielbälle des wirtschaftlichen Booms. "Ich will ihr Glück, ihren Frust, ihre Traurigkeit, aber auch ihre Hoffnung einfangen", sagt er.

"Have a Nice Day" endet mit einer offenen Tasche voller Geldscheine, auf die der Regen prasselt. Diese Krimi-Genregeschichte ist vergnüglich, aber letzten Endes nicht entscheidend. Liu Jian nutzt sie vor allem, um vom radikalen Wandel in seinem Land zu erzählen. Er meint: "Man kann diesen Film im Ganzen als eine Art Landschaftsbild sehen, welches das moderne China repräsentiert."

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