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"Das Haus am Meer" sinniert über die Vergänglichkeit des Lebens | BR24

© Bayern 2

Drei Geschwister versammeln sich am Sterbebett ihres Vaters und diskutieren, was nach seinem Tod geschehen soll: Der französische Film "Das Haus am Meer" von Robert Guediguian ist eine melancholische Gesellschaftskomödie über den Schmerz des Alters.

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"Das Haus am Meer" sinniert über die Vergänglichkeit des Lebens

Drei Geschwister versammeln sich am Sterbebett ihres Vaters und diskutieren, was nach seinem Tod geschehen soll: Der französische Film "Das Haus am Meer" von Robert Guediguian ist eine melancholische Gesellschaftskomödie über den Schmerz des Alters.

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Ein alter Mann blickt aufs Meer. Er steht auf der Terrasse seines Hauses. Die Sonne scheint. Lichtreflexe funkeln auf dem Wasser. Die Kamera nimmt dieses Bild aus dem Inneren des Hauses auf. Ein Esstisch und ein paar Stühle sind zu sehen. Dann der Schnitt nach draußen: Das Halbprofil des alten Mannes im warmen Licht der bald untergehenden Sonne. Das dünne weiße Haar weht leicht in der Brise, die vom Meer kommt. Die sanfte Brandung ist zu hören. Ein friedlicher Moment. Maurice denkt nach. Fast eine Minute schauen wir ihm so zu, dann sagt er "tant pis" – auf Deutsch soviel wie "Schade!" oder "Was soll's".

Dann setzt sich der alte Mann in einen Stuhl auf der Terrasse, zündet sich mit zittrigen Fingern eine Zigarette an, die Kamera folgt seiner Hand zum Aschenbecher auf dem Tisch, dann sieht man, wie die Finger krampfartig die Tischkante umklammern, wie sie sich lösen und schließlich die Hand nach unten fällt. Der alte Mann hat einen Schlaganfall. Ein paar Stunden oder auch Tage später liegt er im Bett, hängt am Tropf und schaut sehnsüchtig ins Licht.

Drei Geschwister und ihr kranker Vater

Als letzte kommt seine Tochter in den kleinen Ort am Meer, gelegen in den Calanques bei Marseille, ein in die Jahre gekommenes Paradies, eine architektonisch bunt durchmischte Konglomeration von unterschiedlichsten Häusern, alten und neuen, hässlichen und schönen, in einer Bucht, die von einer mächtigen, alten Eisenbahnbrücke überspannt wird – Sinnbild für das Vergehen der Zeit und die Vergänglichkeit allen Lebens.

Die Zeit scheint still zu stehen in dem kleinen Küstenort, während die Züge über den Köpfen der Bewohner von einem Ziel zum nächsten brausen. Schließlich haben sich alle drei Geschwister eingefunden, um zu beraten, was nach dem vorhersehbaren Tod ihres Vaters mit dessen Anwesen geschehen soll.

"Das Haus am Meer" ist die zwanzigste Arbeit des französischen Auteurs Robert Guediguian, inzwischen 65 Jahre alt und seit 40 Jahren als Filmemacher aktiv. Die meisten seiner Werke spielen rund um Marseille – Sozialdramen mit starker Sympathie für benachteiligte Gruppen wie Arbeiter oder Einwanderer. Der neue Film strömt den Charakter einer melancholischen Gesellschaftskomödie aus, einer Comédie humaine über den Schmerz des Alters, aber auch über die Chancen von Veränderungen.

© Verleih

Szene aus "Das Haus am Meer"

Soldaten auf der Suche nach Flüchtlingen

Durch die Gegend der Calanques patrouillieren Soldaten auf der Suche nach Flüchtlingen, derweil die drei Geschwister über Gott und die Welt diskutieren. Da sind Angèle, eine berühmte Theaterschauspielerin (gespielt von Ariane Ascaride, der Ehefrau des Regisseurs) sowie die beiden Brüder Joseph, ein idealistischer Gewerkschaftler, und Armand, der im Ort seit Jahren die Stellung im kleinen Restaurant der Familie hält. Ihren Gesprächen lauscht man aufmerksam und zunehmend neugierig, als säße man am Nebentisch und könne gar nicht anders als ihnen zuzuhören, wie sie über ihren Vater sprechen: "Gibt es eine Chance auf Heilung?", fragt die Schwester. "Nein, da besteht leider keine Hoffnung. Solange man ihn ernährt, funktioniert der Körper. Er kann jahrelang so weiterleben. Ich glaube, bei Ariel Scharon ging das acht Jahre lang so."

Sein ganzes Flair entwickelt der Film erst im Original mit deutschen Untertiteln. Bisweilen ist es, als würde man dem Stück eines französischen Ibsen folgen. Etwas altmodisch theaterhaft erscheint die Inszenierung, vor allem die Dialoge über kommunistische, alt-linke Utopien, über Nächstenliebe und Menschlichkeit, über Kapitalismus und Flüchtlinge, aber auch über die einfachen Kochrezepte der Großmutter. Man fühlt sich als Zuschauer bald zuhause in dieser Familie, freut sich über die Anmut des Spiels und genießt wieder und wieder den weiten Blick aufs Meer.

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Autor
  • Moritz Holfelder
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