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Bildrechte: Maximilian Probst

Kein Jahr für Verbindlichkeiten, sollte man meinen. Autor Maximilian Probst hat sich mit dem Thema beschäftigt und sieht das anders.

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Hat uns Corona verbindlicher gemacht oder nicht?

Schulen auf, Schulen zu. Schulen zu, Schulen auf. In 2020 waren verbindliche Prognosen oder Maßnahmen Mangelware. Was ist nur aus der alten Tugend der Verbindlichkeit geworden? Maximilian Probst beschäftigt sich schon länger mit dem Thema.

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Von
  • Judith Heitkamp

Letzter Tag eines Jahres, in dem auf Sicht fahren die Strategie schlechthin war. Die großen Silvester-Partys sind verbindlich abgesagt. Ansonsten war vor allem die Implosion angeblich verbindlicher Vorgaben, Regeln und Termine zu beobachten. Ständig änderten sich Rahmenbedingungen, Wissenstand und Ziele. Verbindlichkeit? Ist das noch eine Tugend? Ist das überhaupt eine Tugend in der koronaren Postmoderne? Maximilian Probst ist Autor und Journalist. Er hat ein Buch über das Thema "Verbindlichkeit" geschrieben - zu einer Zeit, als die Pandemie noch keine Rolle spielte.

Judith Heitkamp: "Verbindlich ist der, der sagen kann, auch morgen werde er noch zu dem, was er gestern gesagt hat, stehen ..." - würden Sie das nach Corona-Erfahrungen anders formulieren?

Maximilian Probst: Ich würde es immer noch so formulieren. Diese Frage stellt sich für uns alle vielleicht noch viel dringender als zuvor. Für uns als Einzelne ist Verbindlichkeit sehr schwierig gewesen. Aber wir haben gesehen, dass es politische Verabredungen gibt, die uns dabei unterstützen. Wir hätten uns natürlich auch schon an die Hygiene-Regeln halten können, als sie nur eine politische Empfehlung waren. Aber das ließ sich für uns alle nur sehr schwer umsetzen. Sobald aber Politik kollektiv vereinbart wird, halten wir uns wirklich dran. Es gibt Sanktionen, die für die Umsetzung sorgen - dann funktioniert es und die Zahlen gehen wieder runter.

JH: Wobei eine gewisse Auflösung von Verbindlichkeit auch schon vor der Pandemie zu beobachten war. Wenn alle immer online sind, kann man Verabredungen bis zuletzt verschieben, absagen oder ändern. Ist Verbindlichkeit einfach nicht mehr zeitgemäß?

MP: Ich finde sie sehr zeitgemäß, aber sie steht vor großen Herausforderungen. Das war für mich auch ein Auslöser, mich mit dem Thema zu befassen. Ich habe an mir selber oft erlebt, dass ich gesagt habe, lass doch mal nächste Woche ins Auge fassen, wir können uns ja mal sehen, wir hören dann voneinander ... Und am Ende hat man sich nicht gesehen. Das hat mich gestört und ich habe das auch bei anderen so empfunden.

Gleichzeitig muss ich sagen, dass immer da, wo Verbindlichkeiten abnehmen auch ein Freiheitsgewinn stattfindet. Die Schwierigkeit liegt darin, vernünftig mit dieser Freiheit umzugehen. Offenbar konnten wir es uns erlauben, Dinge "dazwischenkommen" lassen. Es gibt keine soziale Norm, die einen dafür aus der Gesellschaft ausschließen würde. Diese Art von Unverbindlichkeit funktioniert.

JH: Ist das nicht einfach so in der Postmoderne? Denn jeder hat immer alle Optionen und alles ist gleichzeitig da.

MP: Es gibt sehr viel mehr Optionen. Und es gibt dieses Lob der Flexibilität. Von der Gesellschaft wird geradezu eingefordert, dass man sich immerzu neu einstellen kann, eine Kerntugend des Kapitalismus. Diese Tugend hat sehr viele schöne Seiten, aber sie ist auch äußerst herausfordernd und kann überfordern.

JH: Klingt jetzt ein bisschen melancholisch ... ist das überhaupt ein Trend, der sich umkehren lässt?

MP: Ich sehe schon eine Sehnsucht nach Verbindlichkeit. Ich glaube, das ist oft so, wenn man eine neue Technologie hat, zunächst wird sehr viel ausprobiert. Corona hat uns aber auch wieder den Wert von echten Treffen gezeigt hat, zum Beispiel den Wert von gemeinsamen Spaziergängen ... unser Leben ist gerade zum Teil wieder sehr altmodisch geworden.

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V wie Verbindlichkeit

JH: Könnte es sein, dass Verbindlichkeit immer mehr eine persönliche Entscheidung wird? Einerseits ist es für die Gesellschaft okay, wenn man sich im letzten Augenblick noch die beste Option aussucht, man muss nicht so verbindlich sein. Andererseits aber entscheidet sich der Einzelne vielleicht dennoch dafür, aus freiem Willen und mit einem gewissen Aufwand. Sie sprechen an einer Stelle sogar von Trotz.

MP: Es ist natürlich einfach schön und fast schon heroisch, wenn man sich selbst ein Gesetz geben kann, dem man folgt. Ich will einfach nicht in einer Welt leben, wo alles geregelt ist. Ich will mir am allerliebsten mein eigenes Gesetz geben.

JH: Sehen Sie denn positive Gegentrends? Aus der Pandemie lernen wir, dass alles sich morgen ändern kann. Vielleicht lernen wir daraus auch etwas über Verbindlichkeit?

MP: Es ist ein großartiger Luxus, in einer Gesellschaft zu leben, wo es zum Beispiel verbindliche Schulen gibt, in die die Kinder morgens gehen und aus denen sie am Nachmittag zurückkommen. Das ist doch traumhaft, solche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu haben - was uns jetzt während der Krise nochmal vor Augen geführt wurde. Oder unser Gesundheitssystem auf diesem sehr hohen Niveau, eine unglaubliche gesellschaftliche Errungenschaft. Ich glaube, wir haben auch Lust, all das weiterhin zu verteidigen. Und vielleicht auch im Zwischenmenschlichen wieder stärker zu fundieren.

JH: 2020 haben viele Leute angefangen, Tagebuch zu schreiben. Auch ein sehr verbindliches Projekt.

So habe ich es in meinem Buch ja auch gemacht. Einfach täglich hinsetzen und sich gar keinen Kopf darübermachen: "Will ich jetzt oder will ich nicht? Nein, du musst !" Denn das ist die eigene Vorgabe. Und dann funktioniert es. Das ist eigentlich eine sehr schöne Erfahrung.

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