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"Hat nicht die nötige Tiefe": Krach um deutschen Chef in Pompeji | BR24

© Johannes Neudecker/Picture Alliance

Im Kolosseum: Gabriel Zuchtriegel

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    "Hat nicht die nötige Tiefe": Krach um deutschen Chef in Pompeji

    Kaum ernannte der italienische Kulturminister den Archäologen Gabriel Zuchtriegel (39) zum neuen Chef des weltberühmten Ausgrabungsgeländes in Pompeji, gibt es Streit: Fachkollegen traten zurück und bemängelten die "fehlende Erfahrung" des Deutschen.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Da hat sich der italienische Kulturminister Dario Franceschini viel Lob, aber auch reichlich Ärger eingehandelt: Der erst 39-jährige Deutsche Gabriel Zuchtriegel soll mit einem auf vier Jahre befristeten Vertrag den archäologischen Park von Pompeji leiten. Zwei der insgesamt vier wissenschaftlichen Berater des viel besuchten Ausgrabungsgeländes bei Neapel traten nach der Entscheidung zurück und warfen Zuchtriegel vor, die "Mindestanforderungen" nicht zu erfüllen.

    Die beiden Kritiker sind renommierte Fachleute und haben einen Namen in der italienischen Archäologie: Stefano De Caro leitete mehrere Jahre die Ausgrabungen in Pompeji, die jährlich rund vier Millionen Besucher anlocken, und war im italienischen Kulturministerium Generaldirektor für Archäologie. Irene Bragantini, die sich nicht näher äußerte, ist ebenfalls für das Ministerium als Archäologin tätig, war in Tunesien, Libyen und der Türkei an Grabungen beteiligt und unterrichtete an der Universität Neapel.

    Hat Zuchtriegel keine "ausreichende Erfahrung"?

    Die Wissenschaftler äußerten ihre Bedenken in einem Brief an den geschäftsführenden Direktor in Pompeji, Massimo Osanna, der sieben Jahre im Amt war und mittlerweile zum Chef aller staatlichen Museen in Italien aufgestiegen ist. Laut italienischen Medien bemängelt vor allem De Caro, dass Zuchtriegel noch nicht das wissenschaftliche Format für Pompeji mitbringt: "Seinem Lebenslauf nach zu urteilen, hat er acht Monate im Sekretariat des Parks gearbeitet, aber in acht Monaten kann man sich keine Vorstellung von den Jahrtausenden der Geschichte Pompejis machen."

    Tatsächlich war Zuchtriegel von Februar bis Oktober 2015 in Pompeji tätig und kümmerte sich in dieser Zeit unter anderem um die Vorbereitung der Ausstellung "Pompeji und Europa 1748-1943" im Nationalen Archäologischen Museum von Neapel.

    Die Kriterien, nach denen Zuchtriegel ausgesucht worden sei, seien nicht nachvollziehbar, so De Caro, die Entscheidung sei "ungewöhnlich", der neue Chef habe "nicht die nötige Tiefe". Im "Corriere della Sera" äußerte er massive Zweifel, dass der vergleichsweise junge Deutsche "über die ausreichende Erfahrung verfügt, um über Fragen der Konservierung und vor allem der Restaurierung zu entscheiden, das Gelände zu verwalten und zu leiten, wo es doch sehr leicht ist, Millionen Fehler zu machen“.

    © Lena Klimkeit/Picture Alliance

    Straße in Pompeji

    Der Adressat des Rücktrittschreibens, Massimo Osanna, teilt die Einwände gegen Zuchtriegel offenkundig nicht: "Ehrlich gesagt verstehe ich die Kontroverse nicht. Zuchtriegel hat einen ausgezeichneten wissenschaftlichen Hintergrund, in Paestum hat er sich sehr gut geschlagen und in Pompeji wird er die Verwaltung des Standorts in voller Kontinuität mit dem sicherstellen, was ich in den letzten Jahren für das großartige Projekt getan habe. Die Tatsache, dass Zuchtriegel erst vierzig Jahre alt ist, kann meines Erachtens kein Grund sein, ihn nicht als gleichwertig zu betrachten. In der Tat glaube ich, dass gerade dies eine Stärke und ein großes Zeichen der Offenheit für die neue Generation ist."

    Minister: Zuchtriegel hat "unglaublichen Job" gemacht

    Kulturminister Dario Franceschini hatte eine Findungskommission eingesetzt, um den prestigeträchtigen Posten in Pompeji neu zu besetzen. Geleitet wurde sie von Marta Cartabia, die neuerdings Justizministerin der Draghi-Experten-Regierung ist. Die emeritierte Präsidentin des Verfassungsgerichts und ordentliche Professorin für Verfassungsrecht an der privaten Wirtschaftsuniversität Luigi Bocconi in Mailand legte mit ihren Kollegen, darunter ein pensionierter General der Carabinieri und drei Ex-Professoren aus Neapel, Rom und Aix-Marseille, eine Shortlist mit drei Namen vor, aus der Franceschini dann Gabriel Zuchtriegel auswählte. Der Minister wählte für die Präsentation seines Kandidaten eine recht pompöse Kulisse, das Kolosseum in Rom, und begründete seine Entscheidung damit, dass der Deutsche als Chef des archäologischen Geländes in Paestum einen "unglaublichen Job" gemacht habe: "Ich bin sicher, dass er auch in Pompeji sehr gut abschneiden wird."

    Zuchtriegel wurde mit den Worten zitiert: "Diese Aufgabe bedeutet für mich vor allem, ein Team auf höchstem Niveau zu führen, um nicht nur zu unterstreichen, wie schön dieses Land ist, sondern auch, wie herausragend es ist als Pionier in der Bewahrung und in der Forschung seiner Kunstschätze. Das ist die Aufgabe, der ich mich stelle, und ich bin sicher, dass wir das im Team auch bewältigen."

    © Mariano Montella/Picture Alliance

    Paestum: Spektakuläre Tempelanlage

    Zuchtriegel wurde 1981 in Weingarten in Baden-Württemberg geboren und wird im kommenden Juni vierzig. Er hat seit vergangenem Juli neben der deutschen auch die italienische Staatsbürgerschaft und machte als Chef in Paestum und dem deutlich weniger besuchten Velia seit 2015 viel Furore. Er studierte Klassische Archäologie, Vorgeschichte und Griechische Philologie an der Humboldt-Universität in Berlin, promovierte anschließend in Klassischer Archäologie an der Universität Bonn mit Auszeichnung und war zwischen 2006 und 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanischen Archäologischen Institut in Rom und in Madrid. Seit 2019 ist er Lehrbeauftragter an der Universität Neapel für "Archäologie und Kulturen des alten Mittelmeers", ebenfalls seit 2019 gibt er die Fachzeitschrift "Argonautica" des Archäologischen Parks von Paestum heraus.

    Zuchtriegel setzte in Paestum auf die Einheimischen

    Zu den Verdiensten Zuchtriegels in Paestum zählen neue Impulse für die Erforschung des dortigen Neptuntempels, dessen Standfestigkeit im erdbebengefährdeten Gebiet überprüft wurde, die aufwändige multispektrale Analyse eines archaischen Frieses aus dem Heiligtum der Hera, die Wiederaufnahme von Grabungen und vor allem die vollständige, barrierefreie Öffnung des weitläufigen Geländes.

    Dabei hat Zuchtriegel keine Berührungsängste zum Tourismus, legt die Schwerpunkte seiner Arbeit jedoch nach eigener Aussage auf andere Aspekte, wie er in einem Interview mit "Il Sole 24 ore" sagte: "Das Museum der Zukunft geht nach meiner Vision nicht in erster Linie von einer touristischen Orientierung aus. Stattdessen konzentriert es sich auf eine regionale und gemeinnützige Vision für die eigene Umgebung. Bevor wir Touristen aus der ganzen Welt anziehen, die glücklicherweise nach Paestum kommen, etwas weniger nach Velia, müssen wir den Einheimischen das Gefühl geben, Teil eines gemeinsamen Projekts zu sein. In der gleichen Weise haben wir unser Fundraising aufgestellt: Ich habe immer gesagt, ein Euro von einer lokalen Firma wie D'Amico in Pontecagnano, die uns 100.000 Euro für das seismische Überwachungsprojekt am Tempel des Neptun gegeben hat, ist zehnmal so viel wert wie das Geld von einer großen Bank oder von einem Unternehmen in Norditalien, weil es ein Ausdruck lokaler Wertschätzung ist und zu einer dauerhaften Beziehung führt."

    "Deutsche Archäologie zu steril und selbstbezogen"?

    Um klare, auch streitbare Aussagen ist Zuchtriegel nicht verlegen. So kritisierte er, das Italien Nachholbedarf habe, was die europäische Forschungsfinanzierung betrifft und verwies auf "gerontokratisches und und altmodisches Missmanagement" im Land: "Wir müssen den Mut haben, jungen Menschen mehr Möglichkeiten und Entscheidungsbefugnisse zu geben, und ich bin überzeugt, dass sie wissen, wie man sie einsetzt."

    Zuchtriegel, der 2012 zunächst nach Matera zog und mit seiner Familie mittlerweile in Neapel lebt, erinnerte auch an seinen ungewöhnlichen Familienhintergrund: "Meine Eltern gehörten zu den ersten, die sich in der kleinen süddeutschen Stadt, in der ich aufgewachsen bin, scheiden ließen. Außerdem waren sie bayerische Einwanderer im schwäbischen Baden-Württemberg. Es mag lächerlich klingen, aber diese Dinge waren wichtig." Die deutsche Archäologie war ihm zu "steril und selbstbezogen", so Zuchtriegel. Der italienische Forschungsansatz sei ihm näher gewesen, wenngleich er erst spät italienisch gelernt habe: "Italien hat eher mich gewählt als ich Italien."

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