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Harvey Keitel, der Godfather des Independentfilms, wird 80 | BR24

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Er ist einer der vielfältigsten Schauspieler unserer Zeit – Harvey Keitel. Lange Zeit war er festgelegt auf die Rolle des korrupten Polizisten oder Gangsters, manchmal auch beides in einem. Mit jetzt 80 Jahren ist er noch lange nicht altersmüde.

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Harvey Keitel, der Godfather des Independentfilms, wird 80

Er ist einer der vielfältigsten Schauspieler unserer Zeit – Harvey Keitel. Lange Zeit war er festgelegt auf die Rolle des korrupten Polizisten oder Gangsters, manchmal auch beides in einem. Mit jetzt 80 Jahren ist er noch lange nicht altersmüde.

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Es braucht keinen Oscar, um zu den ganz Großen zu gehören. Harvey Keitel hätte ihn verdient, schon lange. Nominiert war er immerhin, wenn auch nur einmal: 1991 für die beste Nebenrolle im Mafiadrama "Bugsy". Gewonnen hat in diesem Jahr aber Jack Palance als Cowboy in "City Slickers" – ironischerweise hatte Keitel für diese Rolle ebenfalls vorgesprochen.

Academy hin, Goldjunge her – ein Jahr später hat Keitel einen Preis erhalten, der ohnehin viel besser zu ihm passt: den Independent Spirit Award, der Oscar für Independent-Filme. Ausgezeichnet wurde damit seine fieberwahn-ähnliche Glanzleistung als korrupter, sex- und drogensüchtiger Cop in Abel Ferraras Low-Budget-Drama "Bad Lieutenant".

Eine Rolle, wie geschaffen für diesen mühelos Emotionsgrenzen überschreitenden Humanvulkan, dessen Name auch als Synonym für "eruptive Intensität" im Lexikon stehen könnte – ein Talent, mit dem nicht jeder umgehen kann, insbesondere in Hollywood.

Ach ja: Hollywood, die großen Studios und Keitel – eine Zeitlang war da nur Hassliebe. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen: Mit Martin Scorsese und Robert de Niro bildete Keitel Mitte der 70er ein Dreiergespann. Gemeinsam drehten sie "Mean Streets" und "Taxi Driver" und prägten die "New Hollywood"-Bewegung – jene Riege junger Filmemacher, die mit dem veralteten Studiosystem brach, Genrekonventionen gegen Gesellschaftskritik tauschte und den Antihelden etablierte.

Während Scorsese und de Niro sich schnell in Hollywoods A-Liga hocharbeiteten, blieb Keitel B-Klasse. Zwar spielte er unter anderem Hauptrollen in den Regiedebüts von Ridley Scott und Paul Schrader, aber an die Titel dieser Werke erinnern sich heute maximal Cineasten. Die Hauptrolle in "Apocalypse Now" hätte alles ändern können. Keitel hatte sie bekommen. Doch nach wenigen Tagen Drehzeit feuerte ihn Francis Ford Coppola wegen künstlerischer Differenzen. Bis heute weiß niemand, was genau los war. Und auch 40 Jahre später wird Keitel nur ungern an das Zerwürfnis erinnert, das einen mehrjährigen Karriereknick zur Folge hatte. Ja, er sei enttäuscht und in gewisser Weise auch verletzt gewesen, meinte er 2015 in einem Interview. Aber er betrachte jede Erfahrung in seinem Leben auch als Möglichkeit, etwas daraus zu lernen.

Keine halben Sachen

Eine Devise, an die sich der unter anderem von Stella Adler und Lee Strasberg ausgebildete Method Actor sein Leben lang gehalten hat. Eitelkeit ist ihm fern, Wahrhaftigkeit steht über allem. Wenn er als "Bad Lieutenant" bis zur Bewusstlosigkeit kokst und trinkt und auf offener Straße masturbiert, glaubt man, den Schweiß zu riechen, den so ein Wrack verströmen muss. Wenn er dann in einer anderen Szene weinend zusammenbricht, vergisst man umgehend die Abscheu, die zuvor dominierte. Wenn er als Winston Wolfe in "Pulp Fiction" schnelle und präzise Anweisungen gibt, weiß man sofort: Diesem Typ widerspricht man nicht. Und wenn er in Jane Campions "Piano" Holly Hunter aus sanften, traurigen Augen beim Klavierspiel beobachtet, wandert der Blick nach innen und reaktiviert den nie heilenden Schmerz einer unerfüllten Liebe. Egal, was er tut, egal, wen er spielt: Keitel macht keine halben Sachen.

Für das Publikum sind das prägende Kinoerlebnisse, für die Academy ist es scheinbar immer eine Spur zu viel. Aber man darf sich sicher sein: Der Godfather des Independentfilms, der Mann, der jede noch so kleine Nebenrolle ausfüllt, als wäre sie die Hauptrolle – er wird immer ein freier Radikaler bleiben, einer der etwas bewegen will. Und wer weiß – vielleicht bekommt er ihn ja noch, den Oscar fürs Lebenswerk.

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