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Obdachlose Person auf der Straße

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    "Hartz IV verleiht Flügel": Das sind Böhmermanns Argumente

    Im neuen ZDF-"Magazin Royale" nennt der Satiriker die "Top Ten-Vorteile" der Existenzsicherung, sagt, warum der Staat daran verdient und wie die Arbeitslosenstatistik "frisiert" wird. Der deutsche Wirtschaftsboom sei ohne Hartz IV gar nicht denkbar.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Jan Böhmermann ist offenkundig noch nicht so ganz überzeugt, dass der Bundestagswahlkampf wirklich in Schwung kommt. Jedenfalls legte er im ZDF-"Magazin Royale" den Spitzenkandidaten "Boosts" nahe, und zwar einen Krafttrunk für Annalena Baerbock ("schmeckt nach Laub, Kompost und Mischwald"), Armin Laschet eine neue Geste (statt "Merkel-Raute" ein L mit Unter- und Oberarm) und Olaf Scholz eine schwarz-rot-goldene Strick-Kappe ("Deutschland liebt Kanzler mit Haaren"): "Es könnte also doch noch mal eng werden für Olaf Scholz. Armin Laschet ist Kanzlerkandidat der Union, das war ja klar, dass sich am Ende das Blut von Karl dem Großen durchsetzt. Also nicht vergessen, am Sonntag für Markus Söder eine Kerze ins Fenster zu stellen."

    Porridge im Kühlschrank

    Und für alle, die immer absolut up to date sein wollen, rührte der Satiriker in seinem "Thinktank 21" ein kräftigendes "Power Porridge" an, bestehend aus "Schrot, Schwarzpulver, 200 Gramm 50-Cent-Stücke und dem Blut einer schwangeren Hyäne". Abgeschmeckt mit "Cranberries und Quinoa" könne man das im Kühlschrank getrost "ziehen" lassen.

    Hauptthema war diesmal die Existenzsicherung, also Hartz IV, eine Sozialleistung, die laut Böhmermann vor allem deshalb eingeführt und nie abgeschafft wurde, weil der Staat damit gut verdient, nämlich mehr Steuern einnimmt: "Hartz IV bedeutet seit 2005: Menschen werden eingesperrt in Excel-Tabellen." Echtes Interesse, Hartz IV zu reformieren, gebe es nicht: "Deutschlands Wirtschaftsleistung ist ohne Hartz IV nicht denkbar. Hartz IV hat einen gigantischen Niedriglohnsektor geschaffen."

    Und auch der "Miterfinder" von Hartz IV blieb nicht unerwähnt: "Hartz IV ist ein System, das Menschen in mies bezahlte Jobs zwingt und sie vom richtigen Arbeitsmarkt fern hält. Und was macht Gerhard Schröder? Der hängt mit seinem Putin-Geld besoffen bei Instagram rum, guckt aus dem Fenster und pfeift drauf." Dazu wurde ein Handy-Video gezeigt, wie Schröder pfeifend Schnee-Regen filmt und dazu das Weihnachtsgedicht "Leise rieselt der Schnee" aufsagt, statt des Weihnachtsmanns aber den "Osterhasen" auftreten lässt.

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    Bildrechte: Marc Vorwerk/Picture Alliance

    Demo für Mietendeckel in Berlin

    Hartz IV "verleihe Flügel", so Böhmermann, aber nicht den Betroffenen, sondern der Boulevardpresse und dem Privatfernsehen: "Die Bild-Zeitung ohne Stories über faule Arbeitslose ist wie Nutella ohne Palmöl. Und die allergrößten Gewinnerinnen sind Fotografinnen mit Spezialgebiet Symbolfotos zum Thema Hartz IV." Auch die Pressefotografen verdienten gut an Hartz IV, nämlich mit "Symbolbildern" zur Illustration von zahllosen Artikeln: "Das Publikum liebt lustige Arbeitslose, zu faul zum Arbeiten und trotzdem immer einen lustigen Spruch auf den Lippen."

    Zwei Drittel aller Arbeitslosen rutschten direkt auf das Niveau von Hartz IV: "Während der Staat in der Pandemie die Lufthansa AG mit neun Milliarden Euro rettete oder die TUI AG vier Milliarden Urlaubsgeld aus dem Staatssäckel bekam, dürfen Ich-AGs Hartz IV beantragen." Wer "als Mensch am Arbeitsmarkt gescheitert" sei, könne sich halt in eine Firma verwandeln, die sei aus Sicht der Politik offenkundig sowieso mehr wert.

    "Was einen schlechten Ruf hat, wird umbenannt"

    "Hartz IV ist vor allem ein Trick zum Frisieren der Arbeitslosenstatistik", so Böhmermann und Annette Wippermann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Hessen erklärte die Bilanz-Kosmetik: "Man muss unterscheiden zwischen den erwerbsfähigen Arbeitslosen, die in der Statistik erfasst sind, das ist auch die Arbeitslosenquote die veröffentlicht wird, und dann gibt es zusätzlich 600.000 Menschen, die nicht erfasst sind. Die sind in 1-Euro-Jobs, Wiedereingliederungs- oder Aktivierungsmaßnahmen oder erkrankt." Einen wahren "Umbenennungswahn" habe es gegeben, so Böhmermann: Aus dem Arbeitsamt wurde das Jobcenter, aus Arbeitslosen wurden Kunden: "Wenn was einen schlechten Ruf hat, dann benennt man es einfach anders. Aus AstraZeneca wird Vaxzevria, Christiane Scherer wird zu Thea Dorn und Arbeitslosigkeit verwandelt sich in Unterbeschäftigung."

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    Bildrechte: Sven Hoppe/Picture Alliance

    Jan Böhmermann

    "From zero to hero" sei das Motto 2005 gewesen, "fordern und fördern", und was sei geblieben? "Mit Hartz IV lösen wir das Problem mit der Armut nicht, sondern schieben es einfach nur immer weiter vor uns her, bis in die Rente. Ist mal wieder ein typisch deutscher Clusterfuck. So groß, dass es ein wirklich passendes Symbol-Bild dafür gar nicht gibt."

    Top Ten von Hartz IV

    Die "zehn besten Dinge" an Hartz IV wurden auch präsentiert, etwa dass der Satz von 432 auf 446 Euro erhöht wurde, 1,61 Euro monatlich für Bildung vorgesehen sind, fünfzig Euro "Geschenke von Oma" abgezogen würden, nur noch dreißig statt hundert Prozent gekürzt werden könne, das Geld "nicht für gesunde Ernährung" ausreiche, Kinder in Ferienjobs nur 200 Euro behalten dürften, zusammenlebende Paare, die Sex haben als "Bedarfsgemeinschaft" gelten und weniger Geld bekommen, Hartz IV-Empfänger um 84 Prozent eher an an Covid-19 erkranken, die Jobcenter nicht in allen Fällen FFP-2-Masken bezahlen und - als Höhepunkt, dass ein Gericht geurteilt hat, dass Pfandsammler ihre Einnahmen im Einzelfall nicht in voller Höhe anrechnen lassen müssen.

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