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Guerilla-Kino: "Happy Lamento" von Alexander Kluge | BR24

© Kairos Film & Rapid Eye Movies

Szene aus "Happy Lamento" von Alexander Kluge

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Guerilla-Kino: "Happy Lamento" von Alexander Kluge

Nach über 20 Jahren hat Alexander Kluge wieder einen Kinofilm gedreht, gemeinsam mit dem philippinischen Regisseur Khavn De La Cruz. "Happy Lamento" ist ein Musikfilm der besonderen Art, der das Reale und das Unwahrscheinliche wild zusammenführt.

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Zwanzig Jahre lang lief kein Film mehr von Alexander Kluge im Kino – jetzt ist es wieder soweit, und wieder folgt er den eigenen Regeln. Auf seine unverwechselbare Art und Weise unterläuft der 87jährige die gängigen Formen des Geschichtenerzählens. "Happy Lamento" ist eine abenteuerliche Mischung aus unterschiedlichen Bildebenen und Schrifttafeln, ein Gedanken- und Assoziationszirkus, verwirrend und in seiner Komik bisweilen skurril.

Das Unwahrscheinliche zeigen statt der vermeintlichen Realität

Für Alexander Kluge gehört es zum Filmemachen dazu, den Zuschauer herauszufordern. "Der Abbildrealismus, der notwendig ist, um für alle Zuschauer etwas zu schaffen," so Kluge, "zwingt, dass man auf der Leinwand meist das Wahrscheinliche darstellt. Das, was als real gilt. Das liegt wie Lava über dem, was die Kamera eigentlich will und kann. Denn alle wirklichen Verhältnisse und alle menschlichen Beziehungen bestehen aus Unwahrscheinlichkeiten. Man will es manchmal gar nicht glauben." Ein treffender Satz für diesen Film, der immer wieder sanft um den Mond kreist. Nicht nur den blauen. In dadaistischen Gesprächen unterhält sich Alexander Kluge mit dem Komiker Helge Scheider über Mondreisen und mit dem 1995 gestorbenen Dramatiker Heiner Müller über den Mond an und für sich.

"Happy Lamento" handelt auch von Flüchtlingen, von der Evakuierung eines russischen Zirkus', von Elefanten sowie vom Kapitalismus und am Ende von einem Mann, der ein Affenkostüm trägt und eine Kunstausstellung besucht. Für Alexander Kluge hat das Kino nur einen Nachteil: "Man sitzt wie die Soldaten aufgereiht im Frontalunterricht." Das Dozierende torpediert Kluge mit seiner Art der Montage und Collage. Er möchte Gedanken freisetzen – das gelingt ihm mal besser, mal schlechter.

Eine längere Szene zeigt Donald Trump, wie er mit der Air Force One in Deutschland landet, 2017 zum G20-Gipfel. Jeder Zuschauer wird seine eigenen Überlegungen anstellen. Kluge sieht die Positionierung gegen Trump vor allem in die Zukunft gerichtet: "Ich würde – statt Trump-Bashing zu betreiben – mir nur viel Sorgen machen ums Weiße Haus. Und mir überlegen, welchen Ausweg es gibt. Wie kann man das nächste Mal einen besseren Präsidenten kriegen? Das wäre mir die wesentliche Frage."

Guerillakämpfer des Kinos

Mitgewirkt an "Happy Lamento" hat auch der philippinische Filmemacher Khavn De La Cruz – was beeindruckend aufgeht, denn hier treffen zwei Guerilla-Kämpfer des Kinos aufeinander. De La Cruz' rebellisches Underground-Werk "Alipato" lief vor drei Jahren in den deutschen Kinos, darin entwirft er eine krude Dystopie vor der Kulisse eines zukünftigen Manila.

Immer wieder sieht man Ausschnitte aus diesem ziemlich wilden Werk zwischen Kluges Performance- und Essay-Kunst – nicht weniger assoziativ, aber deutlich heftiger mit Aufnahmen von Elendsvierteln in Nordmanila sowie ebenfalls einem Zirkus. Man kann das als fragmentarisch und unverständlich bezeichnen, aber wer sich darauf einlässt, befindet sich schnell in einem aufregenden Denkstrudel, der mitunter recht amüsant ist und auf alle Fälle anregend. Für Kluge ist das Teil des Konzepts, ihm geht es darum "jedermanns Mut, jedermanns Sinn für Auswege, jedermanns Vorstellungsvermögen zu beleben."

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